Ludwigshafener Geschichte(n) RHEINPFALZ Plus Artikel Rheinbegradigung: Johann Gottfried Tulla und das „Altriper Eck“

Auch in Frankreich ein geachteter Mann: Johann Gottfried Tulla.
Auch in Frankreich ein geachteter Mann: Johann Gottfried Tulla.

Ein schlichtes Grab auf dem Friedhof Montmartre in Paris erinnert nicht nur an den badischen Wasserbauingenieur und Offizier Johann Gottfried Tulla, sondern auch an den 18. und letzten „Durchstich“ bei der Begradigung des Oberrheins im 19. Jahrhundert. Das „Altriper Eck“, südlich von Ludwigshafen, war dabei ein technisch besonders anspruchsvoller Abschnitt.

Der in Karlsruhe geborene Ingenieur starb sieben Tage nach seinem 58. Geburtstag am 27. März 1828 in Paris, wo er wegen eines langwierigen Blasensteinleidens bei mehreren Operationen vergeblich auf die ärztliche Kunst eines französischen Spezialisten gehofft hatte. Eine Bronzeplakette auf seinem Grabstein weist Tulla mit seinen französischen Vornamen Jean Godefroy aus.

Die Bronzeplakette an Tullas Grab
Die Bronzeplakette an Tullas Grab

Der Oberstleutnant und Leiter der Oberdirektion für Straßen und Wasserbau befindet sich auf dem drittgrößten Friedhof der französischen Hauptstadt in illustrer Gesellschaft. Dort haben auch der Maler Edgar Degas, die Schriftsteller Heinrich Heine und Alexandre Dumas oder der Komponist Jacques Offenbach ihre letzte Ruhestätte.

Tulla war auch in Frankreich ein geachteter Mann. 1827 ernannte man ihn zum Offizier der Ehrenlegion. Die Menschen am Oberrhein bewunderten den Begründer der Technischen Universität Karlsruhe, dessen Vorfahren aus Holland stammten, als „Bändiger des Rheins“. Die Stadt Ludwigshafen würdigte seine Leistung mit einem Teilmonument des steinernen Stadtteilbrunnens.

Das „Altriper Eck“ war mit einer Länge von 795 Metern zwar der kürzeste, dafür aber auch der komplizierteste Durchstich bei der 1817 begonnenen Rheinbegradigung zwischen Lauterbourg und Bobenheim-Roxheim. Weil die große Menge an Schotter und Kies aus dem Neckar die Flusssohle zunächst fast unberechenbar machte, dauerte die 1865 gestartete Rheinkorrektur östlich von Altrip bis zum Jahr 1874. Erst als der Fluss sein neues verkürztes Bett „angenommen“ hatte, war das Werk vollbracht.

Preußen und Niederlande waren nicht begeistert

Weil es gegen den Durchstich bei Altrip Proteste der rheinabwärts liegenden Länder Preußen und Niederlande wegen der vermeintlichen Zunahme von Hochwasser gab, verwarfen die Erbauer ihren ursprünglichen Plan einer Rheinverlegung nach Westen. Das pfälzische Fischerdorf Altrip wäre so auf die rechte Rheinseite und damit nach Baden gekommen.

Ähnliches war bereits rund 40 Jahre zuvor weiter nördlich geschehen. Nach dem Friesenheimer Durchstich, der am 26. August 1826 begonnen wurde, geriet die rund sechs Hektar große heutige Friesenheimer Insel mit Viehweiden und den Resten des Friesenheimer Waldes auf die rechte Rheinseite. Auch hier gab es Probleme, weil Geröll und Schlamm immer wieder für eine „Verstopfung“ des vorgesehenen Zugangs führten. Erst in den 1880er-Jahren konnte das endgültig gelöst werden. Der nördliche Teil der Insel gehörte zu dieser Zeit zu Oppau, der Süden zu Friesenheim. Der neue Besitzer, die damals noch selbstständige Gemeinde Sandhofen, verkaufte die Friesenheimer Insel 1895 an die Stadt Mannheim.

Malaria und Typhus verschwinden

Die Rheinbegradigung mit einer Verkürzung des Flusslaufs von Basel bis Bingen um 81 auf 273 Kilometer hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts Fürsprecher wie Tulla – aber auch erbitterte Gegner: die Landwirte und Fischer der betroffenen Dörfer. Während Tulla argumentierte, durch die Rhein-Korrektur könnten die fast alljährlichen, oft verheerenden Hochwasserfälle zum Teil vermieden, wertvolles Neuland gewonnen, die Schifffahrt gefördert und Krankheiten wie Malaria und Typhus allmählich ausgemerzt werden, fürchteten diese um ihr Einkommen. Tatsächlich wanderten bestimmte Fischarten ab, in einigen Dörfern versiegten wegen des niedrigeren Grundwassers die Brunnen. In den verlandenden Auwäldern standen Bäume plötzlich im Trockenen und starben ab.

Erstmals war jedoch eine „feste“ Grenze zu Frankreich möglich. Bislang war diese je nach Lauf des mäandernden Flusses mitgewandert. Ein Staatsvertrag zwischen Baden und Frankreich besiegelte 1840 diese Erkenntnis. Technisch hatte Tulla das „Ei des Kolumbus“ gefunden: Der Rhein erhielt zunächst durch Ausgrabung ein relativ schmales neues Bett von zehn bis 25 Metern Breite, das er sich selbst tiefer und breiter grub – bis zur gewünschten Breite von etwa 240 Metern. Anders als geplant konnten nicht alle Schlingen beseitigt werden, weil Politiker Einspruch erhoben. So fürchtete man in Speyer den Verlust des Rufs als „Stadt am Rhein“, in Mannheim wäre womöglich der heutige Waldpark verschwunden.

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