Mannheim
Regisseurin Jessica Glause über das NTM-Projekt „Heimatkomplex“
Frau Glause, der Begriff „Heimat“ ist im alltäglichen Gebrauch meist positiv besetzt. Historisch jedoch ist er belastet und umstritten. Was hat es mit dem Titel „Heimatkomplex“ auf sich?
Den Projekttitel selbst hat Dramaturgin Olivia Ebert gewählt. Ich mag ihn sehr, da ich nicht mit einem positiven Heimatbegriff aufgewachsen bin. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass er von einer rechten, konservativen Seite vereinnahmt und instrumentalisiert wird: Die deutsche Heimat, die eine weiße Heimat ist, die ein gewisses Bild von Mann und Frau, heterosexueller Liebe, von Kindern und Familie propagiert. Auch mit der Deutschlandfahne konnte ich mich noch nie so richtig identifizieren, selbst wenn es 2006 durch die Fußball-WM eine Rückeroberung von Schwarz-Rot-Gold durch eine Breite der Gesellschaft gab. Der Begriff Heimat ist total wichtig, und müsste von einer eher linken Perspektive zurückerobert werden, gerade weil er so viel emotionale Kraft hat.
Leiden wir unter einem Heimatkomplex?
Vielleicht! Was ich am Komplex gut finde: es ist kompliziert und schwer zu greifen. In der heutigen Gesellschaft müsste man von mehrheimisch sprechen. Es gibt unterschiedliche Menschen, die verschiedene Assoziationen zu Heimat haben oder vielleicht auch schon eine andere Heimat erfahren haben. Wir setzen uns durch diesen Begriff eigentlich mit unserem Leben im Jetzt auseinander, aber es steckt auch eine Verantwortung für die Zukunft darin, da wir ein Kapitel deutscher Vergangenheit haben, das mit einer Unwürdigkeit und Brutalität Menschen die Heimat genommen hat.
Mit der NS-Zeit befasst sich die Graphic Novel „Heimat - Ein deutsches Familienalbum“ von Nora Krug, die ihre eigene Familiengeschichte illustrativ recherchiert. Wie kann der Comic als Vorlage für den Theater-Workshop dienen?
Ich hatte ein Erlebnis in Stuttgart. Ich arbeite gerne partizipativ und binde Jugendliche und junge Erwachsene in die Produktionen mit ein. Bei einem Workshop mit einem deutsch-türkischen Jugendkollektiv erzählte ich über den Holocaust, blickte in nickende, wohlwollende Gesichter und verstand erstmals emotional etwas, was ich kognitiv schon wusste: deren Großeltern waren damals gar nicht hier, sie haben eine ganz andere Geschichte, lebten in der Türkei, Griechenland, Polen oder Italien. Vielleicht haben die Vorfahren dort Faschismus erfahren, aber nicht mit dieser NS-Verwurzelung. Ich identifiziere mich also mit einer Täter-Familiengeschichte, gehe von einem Status Quo aus, der auf diese Menschen gar nicht zutrifft. Sie leben 2026 in einer anderen Welt, als ich es in den 1990ern tat. Da spürte ich: wir müssen die Diskussion ganz anders führen.
Und die Graphic Novel ist da ein guter Einstieg?
Genau, da sie sich niedrigschwellig auf sehr nachvollziehbare Weise dieser NS-Vergangenheit nähert, aber ganz verschiedene Ebenen berührt: durch Erzählung, durch Bilder, ja auch durch Gerüche. Es gibt da das Archiv der Heimwehkranken und die Frage, was ist eigentlich Deutsch? Das Brot, die Gallenseife, Hansaplast? Heimat ist oft an Objekte, an Erinnerungen geknüpft. Dieses Archiv wollen wir erweitern. Ist es eher das selbst gemachte Tiger-Balm der Großmutter oder der Griesbrei meines Vaters? Damit wollen wir ein komplexes Deutschsein auf den Tisch bringen.
In „Heimat“ schreibt Nora Krug über die Schuldgefühle der dritten Generation: „Jedes Mal, wenn ich als Jugendliche ins Ausland reiste, reiste meine Schuld mit mir.“ Spürt die vierte Generation überhaupt noch diese Scham und Schuld?
Das gilt es herauszufinden. Empfindet die vierte Generation dieses Bewusstsein für Schuld und damit eine Verantwortung für die Gegenwart? Oder ist es nur notwendiges Übel, mit dem man sich in der Schule auseinandersetzen muss? Wir forschen mit den Mitteln des Theaters, versuchen, uns hineinzuversetzen. Was war damals ein „Mitläufer“? Da ist man nah an der Realität junger Menschen, auch auf Schulhöfen gibt es Mobbing, Sprüche, Ausgrenzung. Diese Alltagserfahrungen zu vergrößern, in Verbindung zu setzen und zu fragen, wenn es überall so läuft, was wären dann die Auswirkungen auf die Welt, könnte eine Aufgabe sein. Die Teilnehmer sollen aber auch ihre Interessen äußern können. Für mich beginnt Theater zu leben, wenn die Menschen zusammenkommen. Vorher kann man sich kluge Konzepte überlegen, wichtig ist die Offenheit, dass man im Miteinander und Gegenüber herausfindet, welche Inhalte uns jetzt und heute in dieser Zusammensetzung interessieren.
Es gibt auch eine Netzwerkarbeit, wie laufen die Kooperationen mit dem Marchivum und dem Jugendkulturzentrum Forum ab?
Beim Marchivum besuchen wir zum Beispiel das NS-Dokumentationszentrum, mit einem gezielten Blick auf Jugendbiografien: wie sahen 1935 junge Menschen in Mannheim aus? Was hatten sie für Geschichten? Aber auch: Was ist mein Mannheim heute? Was für eine Migrationsgeschichte hat die Stadt? Im Herbst wollen wir zudem eine Führung in der KZ-Gedenkstätte in Sandhofen machen, uns mit viel Expertise mit der Geschichte Mannheims auseinandersetzen.
Erleben wir gerade den Übergang zu einer Erinnerungskultur ohne lebende Zeitzeugen der NS-Zeit?
Ja, und auch die im Krieg Geborenen werden uns nicht mehr als 30 Jahre begleiten. Das Schweigen ist ja der Anlass für Forschung. In meiner Familie durfte man nicht den Krieg ansprechen. Es hieß: du weißt nicht, wovon du sprichst, du kennst den Schmerz nicht! Mein Großvater war beim medizinischen Dienst an der Front und muss die schlimmsten Dinge miterlebt haben. Aber sie können uns nichts mehr erzählen, es hat sehr wenig Gesprächskultur mit dieser Generation gegeben.
Durch die offen gelegten NSDAP-Mitgliederkarteien kann sich jeder nun mit der Täter-Geschichte befassen. Könnte das auch ein Thema beim Workshop sein?
Das dachten wir zuerst, ich selbst habe es auch ausprobiert, fand es aber desillusionierend. Man erfährt das Eintrittsdatum der Großeltern in die NSDAP, aber wenn da jetzt 1933 oder 1945 steht, lässt das sehr viel Spielraum für Interpretationen. Um mehr herauszufinden, muss man weiterforschen und direkt in die Archive gehen. Ein Klick und eine Zahl vermitteln noch zu wenig Wissen. Auch das ist, wie der Heimatbegriff, viel komplexer, als sich bei Spiegel oder Zeit-Online einfach zu registrieren und nachzuschlagen.
Noch Fragen?
Jessica Glause (*1980) ist freie Theater- und Opernregisseurin. Ihre Projekte beschäftigen sich mit Fragen von Identität, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Beim Theater- und Erinnerungsprojekt „Heimatkomplex“ des Mannheimer Nationaltheaters erarbeiten Jugendliche ab 15 Jahren eigene Texte, Collagen und Theaterszenen, ergänzt durch Archiv-Recherchen, Ausstellungsbesuche und historisch-politische Diskussionen. Zum Jahresende sollen die Ergebnisse bei einer Lesung mit Nora Krug präsentiert werden. Die Perspektiven der Jugendlichen sollen in eine für 2027 geplante Bühnenadaption von Krugs Graphic Novel „Heimat“ in der Regie von Jessica Glause einfließen.