Ludwigshafen Rebensaft schlägt Weizenkorn – oder?

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Es ist amtlich. Ich werde diskriminiert. Mit dem Verdacht musste ich schon länger leben, aber seit etwa zwei Wochen habe ich Gewissheit. Folgender Sachverhalt liegt ihr zugrunde: Als ich eines schönen Tages nichtsahnend aus meiner Mittagspause zurückkehrte, stand da eine DVD an meinem Platz. Fein säuberlich aufgerichtet hinter der Tastatur und mit dem Rücken an den Bildschirm gelehnt. „In 60 Minuten zum Weinkenner“ heißt sie. Die Botschaft war klar. Jemand wollte mir sagen, dass ich Nachholbedarf habe. Ich weiß auch wer, will den Namen aber nicht nennen, um der Antidiskriminierungsstelle keinen Grund zur Intervention zu geben. Nur so viel sei gesagt: Als ich den Missetäter zur Rede stellte, murmelte er etwas von wegen „Ich mein’ ja nur“, „Trinkkultur“ und „wenn man schon in der Vorderpfalz lebt Um meine Empörung über diesen fiesen Tiefschlag verstehen zu können, muss man wissen, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Einen norddeutschen. Ich komme aus dem Großraum Hannover. In der Gegend wird kein Wein angebaut. Wer sich da auf dem platten Land als Weinkenner outet, gerät schnell in Verdacht, außerdem gern möglichst publikumswirksam über russisches Ballett, Quantenphysik oder altgriechische Grammatik zu diskutieren – kurz: ein ziemlich anstrengender Klugscheißer zu sein. Deshalb habe ich bisher die Finger vom Teufelstrunk Wein gelassen. Ich wehre mich aber mit Klauen und Zähnen gegen die Unterstellung, keine Trinkkultur zu besitzen. Persönlich, als Hannoveranerin und als Norddeutsche. Dann schlürfen wir eben keinen Wein, na und? Dafür gibt es bei uns Bier und Schnaps und Schnaps und Schnaps. Der Umgang mit edlen Bränden – und auch jenen, die weniger edel sind – wird oben im Norden ähnlich kultiviert wie hierzulande der mit dem Rebensaft. Vor allem in Sachen Korn sind die Niedersachsen versiert, ja, geradezu virtuos. Das macht auch Sinn: Reben wachsen da zwar nicht, dafür aber viele Ähren. Wer nun behauptet, dass Schnaps nicht so vielseitig einsetzbar sei wie Wein, hat schlicht keine Ahnung. In der Pfalz wird Wasser mit Wein versetzt und man nennt das Schorle. Der Niedersachse veredelt Tee mit Rum und sagt dazu Grog. Der Ludwigshafener zieht sich auf seinem Weinfest einen Trollschoppen aus Sekt und Wein rein und torkelt dann nach Hause. Der Hannoveraner lässt bei der Lüttje-Lage Korn und Bier aus bis zu vier Gläsern gleichzeitig in seinen Rachen sprudeln und wird anschließend ins Bett getragen. Das ist vermutlich sogar um einiges effizienter, denn das Nordlicht muss sicher nicht so viel Schnaps trinken wie der Pfälzer Wein, bis es einen Zustand erreicht, in dem Weiterfeiern, Geld ausgeben oder Keilereien nicht mehr möglich sind. Bitte? Es gibt Zweifel daran, dass das etwas mit Kultur zu tun hat? Die Lüttje-Lagen-Bilder im Internet beweisen das Gegenteil. Wer den Trick drauf hat, spielt definitiv ganz weit oben mit. Außerdem habe ich ja mit dem Kulturkampf nicht angefangen. Das war mein Kollege. Dem zuliebe werde ich die Wein-DVD natürlich trotz allem gucken. Ich bin ja anpassungswillig. Muss dann nur höllisch aufpassen, dass ich in der Heimat nichts Falsches sage. Wenn ich da was von mächtigem Körper, reifer Nase oder magischem Nachgang fasele, werde ich vermutlich gleich zum doppelten Integrationsfall.

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