Ludwigshafen Realität und Utopie
«Schifferstadt.» Zum 100. Mal jährt sich 2017 das große kommunistische Experiment, das 1917 auf dem Boden des zaristischen Russlands begann und seit dem Zerfall der Sowjetunion als gescheitert gilt. Doch ist das Gespenst, das einst in Europa umging, wirklich verschwunden? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Ausstellung „Der Kommunismus in deinem Zeitalter“ im Schifferstadter Rathaus, die vergangene Woche eröffnet wurde.
Die Ausstellung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin und möchte sich dem Phänomen des real existierenden Kommunismus auf etwa 30 Schautafeln nähern. Mit Texten und über 200 zeithistorischen Fotos und Dokumenten wird der Aufstieg und Niedergang des Kommunismus beschrieben und dargestellt. Es wird gezeigt, wie mit dieser politischen Ideologie im 20. Jahrhundert versucht wurde, nicht nur die Welt, sondern auch die Menschen grundlegend zu verändern – nicht selten mit Gewalt. QR-Codes auf den Ausstellungstafeln führen zu weitergehenden Informationen und Kurzfilmen. Vergangene Woche wurde die Ausstellung von Landrat Clemens Körner (CDU) eröffnet. Der war sichtlich betroffen vom Wahlergebnis der Bundestagswahl und stellte die Frage, ob angesichts des wiedererstarkenden Populismus von links und besonders von rechts die Menschheit überhaupt aus der Geschichte lernen könne. Zur Eröffnungsveranstaltung war Bernd Wittich von der Uni Mannheim gekommen. Geboren 1952 in Bautzen, hat er den real existierenden Arbeiter- und Bauernstaat und seine Entwicklungen am eigenen Leib miterlebt. Zunächst durchaus begeistert von der kommunistischen Idee geriet der gelernte Informationselektroniker immer mehr in Konflikt mit dem Regime und wurde 1988 aus der DDR ausgebürgert. In seinem anschließenden Vortrag „Kommunismus im Zeitalter der Extreme – Realität und Utopie“ im Ratssaal ging er intensiv der eingangs gestellte Frage nach. Er beleuchtete, wie eine Idee, die sich dem Ziel verschrieben hat, das Leben der Menschen zu verbessern, zu einer totalitären, auf Gewalt und Unterdrückung beruhenden Ideologie entwickelt hat. Dabei ging er unter anderem auf die quasi-religiösen Theorien des Marxismus ebenso ein wie auf die immer defensiveren Rolle, die der Kommunismus global spielte. Dabei schlug er den Bogen bis zur heutigen Zeit, in der die Auseinandersetzung durchaus nicht als beendet gelten könne, wie die Beispiele Nordkorea aber auch China zeigten. In China herrsche nach vor die kommunistische Partei, die Wirtschaft organisiere sich aber nach kapitalistischen Prinzipien. Vor allem die persönlichen Anmerkungen Wittichs aus seiner Zeit beim damaligen VEB Kombinat Robotron in der ehemaligen DDR gaben einen Einblick in die real existierende Planwirtschaft und die Frage nach der Definition der DDR als Unrechtsstaat. Die Ausstellung „Der Kommunismus in deinem Zeitalter“ der Volkshochschule des Rhein-Pfalz-Kreises ist noch bis zum 17. Oktober im Foyer des Rathauses zu sehen und soll neben Bürgern auch Schulklassen zur Information dienen.