Ludwigshafen Raus aus der Komfortzone
Stark, wie die Ballerina zum Elektrobeat ihre Zehen in den Boden rammt und die Männer um einen Kopf überragt. Mit seiner Truppe Ballet of Difference erneuert der US-amerikanische Choreograph Richard Siegal, der von München und Köln aus arbeitet, den klassischen Tanz von der Wurzel her. Mit seinem dreiteiligen Abend „On Body“ im Ludwigshafener Pfalzbau überzeugte er das Publikum davon, wie groovy die Technik sein kann. Auch wer Spitzenschuhe bislang uncool fand, sollte sich das anschauen.
Zum Sirren quirlt eine Frau über die Bühne, rasanter als das Auge folgen kann. Man könnte sich einbilden, ihr Röckchen wäre ein Tutu. Doch stattdessen wird ihre Hüfte von neongrünen Luftpolstern umkränzt, die sie später löst und an die Arme schnallt, um sie schmetterlingsgleich aufzuspannen. Die exzentrischen Kostüme entwarf die Bademoden-Designerin Becca McCharen. Deren Einfall ist auch der königliche Rettungsring-Kragen, den ein Typ in Fledermausflügel verwandeln kann. In den schnappschusskurzen Pas de deux führen die Männer die Spitzentänzerinnen, die mal x-beinig balancieren, mal froschartig im tiefsten Plie drehen oder lässig mit gewölbtem Torso posen. Strotzend vor Brillanz und Extravaganz stellt sich die Kompanie in „BoD“ zu den knallharten Elektronik-Schlägen von DJ Haram vor, dem Signaturstück von 2017 zur Ensemblegründung. Mit Preisen wie dem Bessie-Award (2008) ist der Choreograph Richard Siegal ebenso dekoriert wie dem Münchner Tanzpreis (2013). Die bayerische Hauptstadt wollte ihren Avantgarde-Hoffnungsträger behalten und hat ihm eine dreijährige Förderung angeboten, mit der er sein Ballet of Difference gründen konnte. Der Name soll schon Provokation sein. Denn das Reizwort „Ballett“ duftet zuckerwattenwolkig nach Tutu und lockt ein Publikum ins Theater, das dann mit einer ohrensausenden Geräuschkulisse und halsbrecherischen Volten überwältigt wird. Das hat sich Richard Siegal klug ausgedacht. Ein intellektueller Kopf ist er ohnehin, der von Semiotik und Tanz als interkulturellem Prozess spricht. Kein Wunder, schließlich hat der US-Amerikaner, aufgewachsen in New Hampshire, zunächst an einer Kunstschule studiert und hätte sich vorstellen können, Rabbiner zu werden. Doch es zog ihn zum Tanz zurück, weil er darin alle möglichen Disziplinen vereinen kann. Als Mitglied bei William Forsythe in Frankfurt von 1997 bis 2004 und als Tänzer ausgezeichnet mit dem Faust-Preis hat er viel gelernt, nicht nur postneoklassisches Vokabular. Wie Forsythe versteht er es, eine fast wissenschaftliche Methodik zu erfinden und mit der Erwartungshaltung zu spielen. Da beginnt „BoD“ damit, dass alles zappenduster wird, als wären die Sicherungen in der Technik durchgebrannt. Überraschungen setzt Siegal bei „On Body“ stets mit Gespür für den Show-Effekt ein. Aus der Komfortzone wird das Publikum dabei nicht geholt, sondern gerissen. Bei der Auswahl seiner zwölf Tänzer setzt er auf Persönlichkeiten mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund, sexueller Orientierung und Physiognomie. Matthew Rich, der Samurai, der aus einem Actionfilm gesprungen zu sein scheint. Diego Tortelli, der sich mit seinen hippen Moves auch ein Breakdance-Battle liefern könnte. Oder die zarte Primaballerina Margarida Neto, die von der Pariser Oper hergezwitschert sein könnte und tatsächlich Nachwuchs beim Bayerischen Staatsballett ist. Letztlich ist die Truppe aber auf ähnliche Weise mit klassisch ausgebildeten Solisten zusammengewürfelt wie die Kompanien vieler Stadttheater. Bei Sasha Waltz oder Pina Bausch musste schon eine ganz andere Diversität verkraftet werden. Nein, Siegals Kontrapunkt zur Uniformität erkennt man im Detail. Wenn drei Tänzerinnen in „Made for Walking“ gleichzeitig die Arme aufspreizen, führt jede die Pose auf ihre Weise aus: die baumlange Courtney Henry mit lockeren Gelenken, Claudia Ortiz Arraiza mit entschlossener Streckung und Margarida Neto mit filigran gespreizten Fingern. Siegal bürstet hier nichts glatt, sondern lässt seine Tänzer mit Individualität glänzen. Wie die drei plus Matthew Rich in derben Stiefeln sich überlagernde Rhythmen stampfen, versteht man: Auf den Schuh als Instrument kommt es an, auf das Hinhorchen und Hinspüren. Extrem stilisiert wirken die Bewegungen in „BoD“ und „Unitxt“. Trotzdem spiegelt Siegal den Zeitgeist – das begreift man spätestens in „Unitxt“: Die Tänzer formieren sich als lose Masse, aus der sich Paare oder Trios kristallisieren. Ein Flash Mob, der sich zusammenrottet und Bewegungsmuster wiederholt. Eine Gang, die sich dem Rausch eines Raves hingibt. Wären da nicht die schräggelegten Spitzentänzerinnen, die von den Männern mit Hilfe von Griffen an den Korsagen herumwirbelt werden – und zwar ohne in Geschlechterklischees zu verfallen! Einfach stark.