Mannheim
Rückkehr der Kultfigur: Ilka Bessin begeistert als Cindy aus Marzahn im Rosengarten
Zur Feier des Tages haben einige Besucherinnen sich ein rosa Krönchen aufgesetzt, andere tragen wie ihr Star seitlich eine pinke Blume im Haar. Keine jedoch erreicht die Dimension von Cindys gleichfarbener Blüte in der blonden Perücke. Dazu trägt „Se Prinzess of Plattenbau“ (Eigenwerbung) dicke, pinke Schminke und den passenden Jogginganzug. Alles wie früher also, wie 2016 oder in den Jahren davor, als ihre Popularität sich auf dem Höhepunkt bewegte, sie live etwa mit „Nicht jeder Prinz kommt uff'm Pferd“ und im Fernsehen mit einer wöchentlichen Sendung große Erfolge feierte, Thomas Gottschalk und Markus Lanz bei „Wetten, dass..?“ assistierte oder sechsfach den Deutschen Comedypreis abräumte.
Unverblümt bis derb jenseits des guten Geschmacks hält sie heute Rückschau auf das vorübergehende Karriere-Aus ihrer beliebten Kunstfigur und vergleicht ihren Abgang in verschiedenen Einzelheiten mit einem Toilettengang. „Und ich komm' wieder“, registriert sie verzweifelt, „und die ganze Welt ist nur noch beschissen“. Die Ausführungen setzen den Ton ihrer rund zweistündigen Show, die Cindy nicht nur äußerlich, sondern auch im resoluten und sarkastischen Auftreten unverändert zeigt. „Wollt ihr Niveau haben? Dann geht rüber zu den nackten Kerlen!“, verweist sie aufs Konkurrenzprogramm, Männerstrip im benachbarten Musensaal. „Bei mir gibt's keine Politik, bei mir wird gelacht und sich in die Hose gepinkelt oder gekackt, ist mir scheißegal.“
Energiekrise und Umweltschutz
So ganz politikfrei ist ihr Comeback-Programm dann ja doch nicht. Cindy bezieht sich auf Ricarda Lang, die Bundesvorsitzende der Grünen, die ihren Rücktritt angekündigt hat, wenn sie auf Berlinerisch sagt: „Die eene Dicke ist ja weg, jetzt ist da andere Dicke da.“ Sie macht sich über den Umweltschutz und grüne Positionen lustig, als sie auf Themen wie Nachhaltigkeit und Energie sparen kommt. Weil ja heute alles wiederverarbeitet werde, sei ihr Jogginganzug aus Asbest, behauptet sie, „deswegen schwitz' ick och jetzt schon“. Ihre Schuhe bestünden entsprechend aus Rohmilchkäse, den man nach Gebrauch im Salat wiederverwenden könne, und „wir sind jetzt nur noch mit Lastenfahrrädern auf Tour, der Umwelt zuliebe“. Auch Winfried Kretschmanns Jahre alte Empfehlung, im Zeichen der Energiekrise Waschlappen zu benutzen, greift sie noch einmal auf und rät, wenigstens gleich zwei verwenden, „eenen für oben und eenen für unten. Ick verwechsel die och schon mal gerne“, gesteht sie.
Mannheim lasse sie emotional werden, sagt die Berlinerin, und schneuzt sich in Küchenkrepp. „Eine hübsche Stadt mit 28.000 Baustellen“, urteilt sie und versucht sich als Demotivationstrainerin, denn ein wenig schlechter gelaunt, ein wenig genervter, unversöhnlicher und resignativer als früher, scheint sie mittlerweile dann doch geworden zu sein. Etwas älter und damit ungeduldiger. Einen Bühnenarbeiter, den sie nur „Sexy Boy“ nennt, scheucht sie beinahe fortwährend durch den ganzen Saal. „Ich hab' ihm gesagt, wenn er een' Fehler macht, muss er mit mir schlafen!“ erklärt sie und nimmt sich auf diese Weise auch selbst auf die Schippe.
Mitmenschlichkeit hinter der pinken Maske
Ilka Bessin spielt heute wie früher eine sehr selbstbewusste, energische Frau, vor der man bisweilen schon Angst bekommen kann. „Dann gehen bei mir die Nasenflügel auseinander. Da weeste dann Bescheid, dass die Kacke richtig am Dampfen ist“, warnt sie eindringlich. „Das kann ganz gefährlich werden.“ Hinter der grellen, pinken Maske schimmert jedoch, etwa in den wenigen Songs, die sie im Laufe des Abends singt, ihre Mitmenschlichkeit hervor, ihre Zuwendung, Ehrlichkeit und Dankbarkeit besonders gegenüber den Fans. Befreiend, weil scheinbar tabulos äußert sie sich über ihre sekundären und primären Geschlechtsorgane, ihren runden Körper, Untersuchungen beim Frauenarzt, unstillbaren Hunger und Inkontinenz. Bisweilen würgt sie selbst, wenn es zu eklig wird. Sie erfindet sich neu als „Vulva-Girl“ und „die Ritterin des Geschlechts“ mit einem ausfahrbaren Laserschwert im genannten Körperteil und lässt die Ironie erkennen, die hinter diesem Rollenbild steckt.
Nur „20 Shows“ sind es übrigens gar nicht nur, die Cindy aus Marzahn derzeit absolviert. Bis in den Sommer nächsten Jahres sind inzwischen viel mehr geplant und einige von ihnen schon ausverkauft.