Mannheim
Rätselhafte Wimmelbilder, die keine sind: Otgonbayar Ershuu in der Galerie Zimmermann
Ist das mongolische Kunst? Mehr als nur interessant ist allemal, was da in der Galerie Peter Zimmermann an den Wänden hängt, mal im Großformat, mal handlich klein. Immer ein bisschen rätselhaft, das auch. Für sich einnehmend, in der Wirkung irgendwie gelassen. Das war schon bei der ersten Einzelausstellung von Otgonbayar Ershuu bei Zimmermann so, 2014 war das. Das Rätsel ist geblieben, die Faszination auch. „Zurag“, mongolisch für Malerei, ist der Titel. Klingt ganz schön selbstbewusst, hat aber seine Richtigkeit.
Erste Ausstellung mit 15
Also von vorne. Otgo, wie er sich (auch) nennt, wurde 1981 in Ulan Bator geboren, seit 2005 lebt er als freischaffender Künstler in Berlin, hat dort von 2007 bis 2010 an der Universität der Künste „Kunst im Kontext“ auf Master studiert und abgeschlossen. Seine Karriere bisher: beachtlich. Otgo kam nicht unvorbereitet nach Deutschland. Als frühreif aufgefallen, hatte er schon mit 15 Jahren seine erste Ausstellung. Er hat sich mit traditioneller mongolischer Miniaturmalerei beschäftigt, das Land bereist und in buddhistisch-lamaistischen Klöstern die Ikonografie und Technik der Miniaturmalerei studiert.
Hat ihn das geerdet? Scheint so. Und so steht man, westlich sozialisiert, wie man ist, vor Wimmelbildern, die keine sind, das Wort wird hier nur als Verlegenheitsvokabel benutzt. Märchenhafte Bilderzählungen wäre besser, die bildgewordene Beschwörung eines paradiesischen Zustandes, in dem Natur, Mensch und Tier ein symbiotisches Verhältnis eingehen, das auf Gleichwertigkeit und Gleichgültigkeit beruht, keine Hierarchien kennt und an einen bunten Teppich denken lässt, in dem kein Detail mit Schablone gemalt ist, sondern alles und jedes als Individuum mit der Hand, eine Wahnsinnsarbeit, denn von Otgo sind Malereien von Wandgröße bekannt. Pferde und andere Huftiere als typische Themen der mongolischen Malerei sind in unterschiedlichen Bewegungsabläufen erfasst, die Protagonisten in „Kama Sutra“ en miniature (1999-2000), 1000 Stück, man verzeihe den Kalauer, sind es auch. Blumen? Jede anders. Winzig klein alles, hier hilft nur geduldige Nahsicht weiter. Erfahrungen mit Comics dürften eingeflossen sein. Was aber wirklich zählt, ist die Einsicht in die Alleinigkeit alles Lebendigen. Tusche und Acryl auf Leinwand. Und wenn Otgo mal Kleinkram auf Original-Briefmarken malt, ist das auch kein Ausrutscher, das Vernissagen-Publikum war jedenfalls hoch erfreut.
Also doch: im Innersten mongolische Kunst. Beherrscht bis in die Fingerspitzen. Reizbar, neugierig, kompetent und von einer Gelassenheit, die sich in der westlichen Kulturblase heuer wenig findet. Das ist keine Masche, das ist einfach so. Otgo hat Teil an beiden Welten, der mongolischen und der westlichen. Für ihn gilt der gar nicht so banale Satz, dass einer, der nicht weiß, woher er kommt, auch nicht weiß, wohin er geht. Seine Malerei ist etwas ganz Eigenes, das die intensive Beschäftigung damit lohnt. Dass Galerist Peter Zimmermann Otgonbayar Ershuu ins Galerieprogramm aufgenommen hat, ist da nur gut und richtig.
Die Ausstellung
„Otgonbayar Ershuu: Zurag“, bis Samstag, 2. August, in der Galerie Peter Zimmermann, Leibnizstraße 20, Mannheim. Öffnungszeiten: Donnerstag/Freitag 13-18, Samstag 11-14 Uhr