Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Quintessenz: Warum ein Belohnungsprinzip für stressige Bürotage bereits nach wenigen Wochen endet

Türchen für Türchen gibt es Belohnungen für nervige Bürotage. Bis März hält der Kalender aber nicht.
Türchen für Türchen gibt es Belohnungen für nervige Bürotage. Bis März hält der Kalender aber nicht.

An meinem Adventskalender sind fast alle Türchen offen. Die Aussage ist Anfang Januar zumindest leicht erklärungsbedürftig. Ich versuche es mal so: Jedes Jahr gibt es für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Zeitung einen kleinen Adventskalender, gefüllt mit Schokotäfelchen. Eine nette Geste. Die Kollegen gehen damit ganz unterschiedlich um.

Die meisten halten sich brav an das in der Kindheit Erlernte und öffnen vom 1. Dezember an Türchen für Türchen. Einige sind gierig und hauen gleich alles aus der Verpackung. Ich nutze die 24 Tafeln als Belohnungsprinzip. Oder als Anreiz. Als Wiedergutmachung, wenn ein Tag stressig ist, Ansprechpartner nicht zu erreichen sind und ständig was dazwischen kommt. Dann – und nur dann – öffne ich ein Türchen und genehmige mir etwas Schokolade. Die Hoffnung dahinter: So hält der Kalender vielleicht bis Februar oder eventuell sogar bis März. Tja: Pustekuchen. Die ersten Tage des neuen Jahres haben ziemlich reingeschlagen. Die kleinen Versüßungen des Büro-Alltags werden erschreckend rasch weniger und ich fürchte, ich werde schon in wenigen Tagen auf Ostereier umsteigen müssen. Die sollte es ja auch bald in den Supermärkten geben.

Lutz Schwab
Lutz Schwab

Meiner Figur ist das natürlich nicht zuträglich. Eigentlich hatte ich mir ja eine Null-Schokoladen-Diät verordnet, mit Ausnahme der winzig kleinen Täfelchen (das eine oder andere Mal). Wie schön, dass dazu passend gleich die nächste Meldung auf den Schreibtisch flattert. Demnach treiben die Neujahrsvorsätze die Menschen derzeit in Scharen in die Fitnesscenter. Nur in Ludwigshafen nicht. „In Ludwigshafen erwartet Sportler dabei ein vergleichsweise schlechtes Angebot an Trainingsmöglichkeiten“, heißt es in der Mitteilung. Klingt interessant.

Zusammengefrickelte Studie

Das sei das Ergebnis „einer aktuellen Analyse von Unternehmen“, die in den 50 größten Städten Deutschlands unter den Stichworten „Fitnessstudio“ und „Fitnessraum“ bei Google Business gelistet seien, so die Mitteilung. Moment ... die haben nur bei Google nachgeschaut, um auf das Ergebnis zu kommen? Alter! Das ist mal flach. Die Autoren der Studie beruhigen mich aber gleich wieder und legen ihre wissenschaftliche Methode offen: „Im Rahmen der Untersuchung wurde ein Punktesystem auf Basis von zwei Variablen (erstens: Online-Bewertungen der Fitnessstudios, zweites: Anzahl der Einwohner pro Fitnessstudio) gebildet“, wird erklärt. „Pro Variable wurde eine Bewertung zwischen einem und 50 Punkten vergeben, sodass maximal 100 Punkte erreicht werden konnten.“ Aha, toll.

Aber nochmal: Die Grundlage von dem ganzen Stuss war, einfach bei Google nachzuschauen und Bewertungen zu lesen?! Und das führt wozu? „Ludwigshafen landet mit 17 von 100 Punkten auf Platz 43 von 50. Auf ein Fitnessstudio kommen hier durchschnittlich 10.359 Einwohner – ein Wert, der deutlich schlechter als der Bundesdurchschnitt von 7231 Einwohnern pro Studio ist.“

Ja, so einen Quatsch habe ich doch selten gelesen! Spitzenreiter des Rankings ist übrigens Darmstadt mit 98 Punkten, während Oberhausen mit nur vier Punkten das Schlusslicht bildet. Nur, falls jemand unter den Lesern dieser Kolumne wegen einer vollkommen absurd zusammengefrickelten Studie einen Umzug in Erwägung zieht ...

Ich jedenfalls nicht. Ich greife nur hektisch zum Adventskalender und öffne Türchen 16, während die groteske Studie in den Mülleimer wandert. So wird das nichts mit dem Schokoverzicht und schon gar nichts mit dem Abnehmen. Und nachher gehe ich zum Supermarkt und schaue, ob es Ostereier gibt. Fitnesscenter wäre auch ne Idee.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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