Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Puppenspieler Sascha Grammel vor seiner Show in Mannheim: „Ich bin nicht gern erwachsen“

Der Herr der Puppen: Sascha Grammel.
Der Herr der Puppen: Sascha Grammel. Foto: Patrick Wamsganz/Frei

Interview: Bei Sascha Grammel trifft Comedy auf Puppenspiel, Bauchrednerei und Zauberei. Das blonde Multitalent aus Berlin-Spandau präsentiert skurrile Figuren wie den großschnäbligen Fasan Frederic Freiherr von der Furchensumpf oder den blauen Katzenfisch Mieze mit Wahrsager-Turban. „Fast fertig!“ heißt das Bühnenprogramm, mit dem der 45-Jährige heute in Mannheim gastiert. Ein Gespräch über Toleranz, therapeutische Effekte und unheimliche Puppen.

Herr Grammel, was macht Puppen wirklich glücklich?
Ich habe herausgefunden, was die Menschen glücklich macht: nämlich Puppen. Weil sie einen ein Stück weit Kind sein lassen. An meiner Puppe Josie fasziniert mich, dass 5000 Erwachsene plötzlich ganz still werden und ihr gebannt zuhören, obwohl sie offensichtlich eine Puppe ist. Da entsteht so eine schöne Stimmung und es ist weder albern noch Kindertheater. Ich bin von den Worten dieser kleinen Schildkröte immer wieder selbst ergriffen.

Was mich beim Schauen Ihrer DVD überrascht hat: Manche Zuschauer bringen sogar ihre eigenen Puppen mit in die Show.
Sie basteln sich selbst T-Shirts, sie häkeln und sind unfassbar kreativ. Zum Beispiel ein Pärchen Ende sechzig. Sie war Richterin und bemalt jetzt liebevoll Keramiktassen mit den Motiven aus meiner Show. Mein Publikum setzt sich aus allen Altersstufen zusammen. Das ist so schön.

Was fasziniert die Menschen an Puppen?
Es gibt ganz verschiedene Puppen, zu denen wir unterschiedliche Beziehungen haben. Auf eine Porzellanpuppe im Regal reagiert man ganz anders als auf eine Handpuppe, die zu einem spricht. Und es gibt auch Puppen, die einem Angst einflößen. Da gibt es ja so einige Gruselfilme.

Warum kaufen sich immer mehr Menschen lebensechte Puppen, dazu gehören neben Erwachsenen-Puppen auch so genannte Reborn Babies?
Sowas finde ich auch ein bisschen gruselig, weil solche Puppen eindeutig eine Ersatzfunktion haben. Diese Menschen vermissen etwas. Es ist natürlich schön, wenn man durch eine Puppe eine Lücke füllen kann, aber ein echter menschlicher Kontakt wäre in meinen Augen besser. Ich freue mich jedenfalls, dass ich echte Freunde habe und mich nicht nur mit meinen Tieren unterhalte. (Lacht.)

Pro Jahr werden in Japan etwa 2000 Silikonpuppen verkauft. Für die Besitzer sind sie keine Sexpuppen, sondern Partnerinnen. Das Leben mit ihren echten Ehefrauen ist ihnen zu anstrengend.
Ich bin ein wahnsinnig toleranter Mensch. Jeder soll machen, was ihn glücklich macht, wenn er andere damit nicht in irgendeiner Form einschränkt oder verletzt. Die Menschen sind so vielseitig und verschieden. Nicht nur in anderen Kulturen. Schon im eigenen Land, selbst in der eigenen Straße. Das finde ich faszinierend.

Halten Sie privat Abstand zu den Puppen?
Die Arbeit mit Puppen ist ein großer Teil meines Lebens, den ich wirklich liebe. Auf der Bühne sehe ich sie als Lebewesen und behandele sie auch als solche, aber es gibt einen Punkt, an dem ich sage: Jetzt ist Feierabend. Der Mensch braucht echte soziale Kontakte. Für meine Puppen habe ich ein Lager. Aber ich gestehe: Wir machen immer die Kisten auf, wenn wir sie abstellen. Wir haben Angst, die Puppen kriegen sonst keine Luft.

Finden Sie es ungewöhnlich, als Erwachsener noch immer so viel Lust zu haben, mit Puppen zu spielen?
Ich bin generell nicht gern erwachsen. Ich liebe es, albern zu sein und bin auch noch mit meinen 45 Jahren eher verspielt und neugierig. Ich schaue mir zum Beispiel gerne Backstageberichte an, will wissen, wie die Spezial-Effekte funktionieren und hinter die Kulissen gucken. Ich bin offen für alles und unterhalte mich gern mit Menschen. Und auch gerne über Themen, von denen ich keine Ahnung habe. Einmal kam ich mit einem Physikprofessor ins Gespräch. Er erzählte mir von spannenden physikalischen Phänomenen. Das hat mich gefesselt.

Welches war die prägendste Puppenerfahrung Ihrer Kindheit?
Die hatte ich unter anderem mit der Augsburger Puppenkiste. Ich hatte vor ein paar Jahren das Vergnügen, vom Enkel der Gründer in Augsburg durch das Theater und Museum geführt zu werden. Das war ein toller Moment und ich war erstaunt, wie klein die Bühne dort ist. Das sah im Fernsehen immer so groß aus.

Waren Sie als Kind so frech wie Ihre Puppe Frederic Freiherr von Furchensumpf?
Nein. Ich war eher harmlos, aber ich habe gerne Quatsch gemacht und viel gelacht. Ich war eine Zeit lang auch ein ziemlich pummeliges Kind und wurde beim Sport immer als letzter ausgewählt. Obwohl unscheinbar, war ich aber auf jedem Kindergeburtstag eingeladen. Vermutlich, weil ich eigentlich immer mit allen gut ausgekommen bin. Wenn mich etwas stört, sage ich es freundlich, aber direkt. Ich verstecke keine Gefühle.

Sind Sie im wahren Leben genauso schlagfertig wie auf der Bühne?
Sobald ich auf fremdes Terrain komme, fühle ich mich leider nicht mehr so richtig sicher. Deshalb bin ich wohl auch kein guter Talk-Gast. Da muss man ja immer mal etwas frech dazwischen sagen oder eine Frage stellen. Bei einem frühen Kameratraining auf dem Ku’damm habe ich zum Beispiel kläglich versagt, weil ich einfach zu normal bin. Die Puppen geben mir im Prinzip das, was mir fehlt.

Wie haben Sie früher bei Bewerbungsgesprächen abgeschnitten?
Ich war immer aufgeregt und unsicher. Aber ich habe trotzdem einen Ausbildungsplatz als Zahntechniker bekommen. Und anschließend wurde ich als Zivildienstleister von der Neurologischen Station in der Klinik Berlin genommen. Diese 13 Monate waren nach anfänglicher Skepsis ein großer Moment in meinem Leben. In diesem Haus in meinem Bezirk traf ich auf viele Menschen, die ganz große Probleme hatten. Durch sie bekam ich jeden Tag vorgeführt, wie gut es eigentlich geht.

Interview: Olaf Neumann

Termine

Sascha Grammel präsentiert sein Programm „Fast fertig!“ heute um 20 Uhr im Mannheimer Rosengarten. Die Show ist ausverkauft. Am 25. August kommt er in die Ludwigshafener Friedrich-Ebert-Halle.

Zur Person

Sascha Grammel

Der Puppenspieler, Zauberer und Bauchredner Sascha Grammel ist 1974 im damaligen West-Berlin geboren und im Bezirk Spandau aufgewachsen. Schon als Jugendlicher betrieb er mit Leidenschaft sein Hobby Zauberei. Trotzdem erlernte er zunächst einen „bürgerlichen“ Beruf, nämlich Zahntechniker, den er bis 1997 ausübte. Seitdem tritt er öffentlich auf. An seiner Seite sind für gewöhnlich lustige und skurrile Puppen. Grammel war in vielen Fernsehsendungen zu sehen, zum Beispiel „Verstehen Sie Spaß?“, „Frag doch mal die Maus“ oder „Die Bülent Ceylan Show“. Zurzeit ist er mit seinem vierten Bühnenprogramm „Fast fertig“ in Deutschland und Österreich unterwegs.heß

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