Meinung
Prostitution: Das Tabu, das Frauen zerstört
Zwang, Abhängigkeit, Gewalt, Armut. Sie bestimmen für die meisten Frauen in der Prostitution den Alltag. Das geschieht überall – auch in Mannheim und der Pfalz. Laut einem Bericht des Bundeskriminalamtes wurden 2023 in Deutschland 428 offizielle Opfer von Zwangsprostitution registriert. Die Dunkelziffer schätzen Experten sehr viel größer ein. Doch niemand schaut hin. Stattdessen schönen wir das Tabuthema durch ein alternatives Wort: „Sexarbeit“ statt „Prostitution“. Was fehlt, ist der Blick auf eine Realität, über die niemand reden will – und das muss sich ändern.
Zugegeben: Die Begriffsdebatte ist berechtigt. Es ist wichtig, dass die Arbeit von Frauen, die freiwillig sexuelle Dienste anbieten, nicht stigmatisiert wird. Das Wort „Sexarbeit“ soll dazu beitragen, das Tabu zu brechen. Aber: Bleibt er undifferenziert, verharmlost der Begriff die gefährlichen Seiten der Prostitution. Denn selbstbestimmte Sexarbeit bleibt eher die Ausnahme. Die meisten Frauen geraten durch Armut in die Prostitution oder werden von Zuhältern gezwungen. Ihr Körper wird zur Ware gemacht, ihre Not zur Einnahmequelle. Das ist keine Arbeit, sondern Menschenhandel.
Darüber wird kaum aufgeklärt. Sogenannte Loverboys wählen oft gezielt junge Mädchen als Opfer. Die müssen über das Thema aufgeklärt werden – damit sie sich schützen können. Das geht nicht, wenn niemand über Zwangsprostitution spricht. Wegsehen und Schweigen schützen die Täter. Aufklärung, Prävention und Ausstiegsprogramme können Beratungsstellen und Frauenhäuser aber nicht alleine stemmen. Das Thema braucht Aufmerksamkeit, Förderung und politisches Handeln.
Deshalb müssen wir uns mit der Realität auseinandersetzen – ohne Beschönigung, ohne Wegsehen. Sexarbeit ist tolerierbar. Sexuelle Gewalt und Menschenhandel sind es nicht. Davor müssen Frauen und Mädchen geschützt werden. Zwangsprostitution bleibt so lange unsichtbar, bis wir bereit sind, offen darüber zu sprechen.
