Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Loverboys und Zwangsprostitution: „Es kann jeden treffen“

Um Frauen zur Prostitution zu zwingen, nutzen Loverboys auch Gewalt.
Um Frauen zur Prostitution zu zwingen, nutzen Loverboys auch Gewalt.

Eine junge Frau wird Opfer eines Loverboys – eine Masche der Zwangsprostitution. Betroffene finden in der Mannheimer Beratungsstelle „Amalie“ Unterstützung.

Frau Langer (Name geändert) spricht vom „Tag X“. Das war der Tag, an dem sie ein Bild ihrer Tochter in einem Webportal entdeckte. Ein Portal, in dem Frauen als Prostituierte angeboten werden. Das war der Tag, an dem die Familienkrise ihren Höhepunkt fand. Aber es war auch der Tag, nach dem der Loverboy verschwand.

Karin – die anders heißt – hatte ihr Abitur gemacht und machte eine Ausbildung. Sie war kaum volljährig, als die Corona-Pandemie vor allem von jungen Menschen große Einschränkungen forderte. Die Leistungssportlerin konnte die Wohnung schlagartig nicht mehr verlassen. Was ihr wichtig war, fiel weg: kein Sport, keine Freunde, keine Natur. Über das Internet lernte sie damals einen Mann kennen. Karin entfernte sich von ihrer Familie, sprach nicht mehr, veränderte ihr Äußeres.

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Die Masche der Loverboys

„Früher hat man das nicht so benannt“, sagt Astrid Fehrenbach, Leiterin der Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution „Amalie“ in Mannheim. „Aber unsere Frauen haben schon vor Jahren erzählt, dass sie so in die Prostitution gekommen sind.“ Durch Männer, die man heute als Loverboys bezeichnen würde. Die versuchten, insbesondere junge Frauen und Mädchen emotional an sich zu binden. Der erste Kontakt entstehe oft im Internet. Sie bauten starke Beziehungen auf, machten Geschenke, isolierten die Frauen von ihrem sozialen Umfeld, erklärt Fehrenbach weiter. Schließlich würden sie durch Erpressung, Lügen oder vermeintliche Schulden zur Prostitution gezwungen.

Was Fehrenbach beschreibt, hat Langer an ihrer Tochter beobachtet. Karin wohnte in der Nähe ihrer Eltern, nur so bekam die Mutter etwas mit. Kennengelernt habe sie den Mann nie. Er habe das nicht gewollt, sei immer mit Kapuze herumgelaufen. „Er hat sie total vereinnahmt“, sagt sie. „Erst kamen Geschenke: Blumensträuße, ein Kurzurlaub“, erzählt sie. Irgendwann sei die Mutter hellhörig geworden: „Er kam immer öfter in ihre Wohnung. Sie hat immer alle Einkäufe aus dem Auto getragen, während er am Handy war.“ Eine Freundin von Karin habe den Eltern schließlich von ihren Vermutungen erzählt: Gewalt und Zwangsprostitution. „Die Mädels sprechen bis heute nicht mehr miteinander“, sagt Langer.

Astrid Fehrenbach ist die Leiterin der Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution.
Astrid Fehrenbach ist die Leiterin der Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution.

Von der Familie isoliert

Auch die Beziehung zwischen Karin und ihren Eltern habe sich verändert. „Sie braucht ihre Eltern nicht. Sie braucht nur ihn, und er kümmert sich um sie“, erklärt Langer die Masche der Loverboys. „Weg von der Familie, weg vom sozialen Umfeld.“ Die Mutter habe recherchiert, Bedenkliches über den Mann herausgefunden und die Tochter damit konfrontiert. Aber: „Alles, was von der Familie kommt, ist erstunken und erlogen“. Karin habe den Eltern vorgeworfen, ihr Leben zerstören zu wollen. „Es gab für sie nur noch diesen einen Menschen“, beschreibt Langer. Auf die Eltern habe sie immer wütender und ablehnender reagiert. „Wir haben sie nicht mehr wiedererkannt. Das ist wie Gehirnwäsche“, sagt Langer. Aber sie habe weiter versucht, Zweifel zu säen.

Irgendwann seien die ersten Pakete gekommen, beobachtete Langer. Schuhe, ein Laptop: bestellt für ihn, bezahlt von Karin. Immer wieder sei sie nachts weggefahren. Immer zur gleichen Uhrzeit. Dann kam „Tag X“, und irgendwann war es vorbei. Es floss kein Geld mehr, Karins Umfeld mit dem Einfluss der Eltern wurde dem Loverboy zu kompliziert, vermutet Langer. Er tauchte nicht mehr auf. Karin sei wieder zugänglicher geworden, abends nicht mehr weggefahren. „Zur Normalität sind wir nicht wieder gekommen. Aber es geht in die richtige Richtung“, erzählt die Mutter. Karin habe nie wieder über den Mann gesprochen. Sie habe nie erzählt, was ihr widerfahren ist.

„Es kann jeden treffen“

Karin war damals knapp volljährig. Oft sind es jüngere Mädchen. Langer ist aber überzeugt: „Es kann jeden treffen.“ Vor Prostitution und Zwangsprostitution würden die Augen verschlossen, meint sie. Ein Tabuthema. „Was nicht sein darf, passiert auch nicht.“ Eines sei ihr deshalb besonders wichtig: Aufklärung. Die Mitarbeiterinnen von „Amalie“ waren mit dem Thema schon in Schulen. Fehrenbach reicht das nicht: „Wir brauchen Ausstiegsprogramme“, sagt sie.

Prostitution werde oft so dargestellt, als sei sie selbstbestimmte Sexarbeit, so Fehrenbach. Das stimme aber nur in wenigen Fällen. Bei „Amalie“ suchten viele Frauen Hilfe beim Ausstieg. Die meisten leben in prekären Situationen und in Armut. Viele kommen aus dem Ausland nach Deutschland und müssen Kinder in der Heimat ernähren. Bei anderen führte die emotionale Bindung zu einem Loverboy in die Prostitution. Sie alle finden bei „Amalie“ psychosoziale Beratung, Hilfe bei Problemen mit Behörden, bei der Suche nach einer Wohnung oder Arbeit. Zudem können sie sich kostenlos von ehrenamtlichen Ärztinnen untersuchen lassen – denn viele Frauen haben keine Krankenversicherung. Manchen helfe schon ein Lebensmittelgutschein oder ein einfaches Gespräch, erzählt Fehrenbach.

„Sie lacht wieder“

Auch für Frau Langer waren die Gespräche bei „Amalie“ wichtig, sagt sie. Die Beziehung zwischen ihr und Karin sei wieder besser, erzählt die Mutter. „Aber es wird nicht mehr, wie es vorher war“, vermutet sie. Das müsse sie akzeptieren, schließlich sei die Tochter erwachsen. Und es gehe ihr besser. „Sie lacht wieder, sie kommt vorbei, sie nimmt teil.“ Langer hofft darauf, dass ihre Tochter irgendwann bereit ist, über das Erlebte zu sprechen.

Noch Fragen?

„Amalie “ Beratungsstelle für Frauen in der Prostitution des Diakonischen Werks Mannheim unter www.amalie-mannheim.de. Kontakt per Mail an amalie.mannheim@diakonie.ekiba.de, Telefon unter 0621 28 000 388.

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