Firmenporträt RHEINPFALZ Plus Artikel Probierpakete aus dem Online-Supermarkt

Die Corona-Pandemie hat dem Onlinehandel große Zuwächse beschert.
Die Corona-Pandemie hat dem Onlinehandel große Zuwächse beschert.

Einkaufen im Netz ist angesagt. Der Online-Supermarkt „Utry.me“ bringt es fertig, dass die Kunden dafür bezahlen, etwas probieren zu dürfen und dazu noch ihre Daten preisgeben. Das Start-up aus München arbeitet auch mit einem namhaften Unternehmen in der Region zusammen.

Sahnemeerrettich, Schokoriegel ohne Zucker, Kurkuma-Extrakt, indisches Kichererbsen-Dal, Tattoo-Spezial-Hautpflege, jede Menge Schnaps, vegane Kondome in verschiedenen Größen, Bio-Gleitgel und Säuglingsmilchpulver von Bio-Bauern: Beim Online-Supermarkt „Utry.me“ kann man probieren, was der Handel gern unter die Leute bringen will. Die Plattform bietet neugierigen Verbrauchern Produktneuheiten, die Konsumgüterkonzerne, Handelsmarken, aber auch Start-ups zur Verfügung stellen, um deren Bekanntheit zu erhöhen. Manche Artikel können die Nutzer bereits vor der Markteinführung testen.

Ein Stück Käse oder eine neue Salatsoße von der freundlichen Vertreterin, die ihren Stand im Supermarkt aufgebaut hat, so versuchten viele Firmen vor der Pandemie neue Kunden zu gewinnen. Dabei bleibt jedoch viel dem Zufall überlassen. Auch die Namen und die Adressen der Kunden sind so nur in seltenen Fällen zu erfahren. „Mit ,Utry.me’ wollen wir diesem analogen Push-Ansatz, der das Produkt willkürlich an den Verbraucher heranträgt, einen digitalen Pull-Ansatz entgegensetzen“, erklärt André Moll, der das Start-up zusammen mit Tobias Neuburger gegründet hat. Vom 33-jährigen Moll, der Entrepreneurship studierte, stammt die Idee für das Start-up, das in München seinen Sitz und mittlerweile rund 50 Mitarbeiter hat. Er lebt mit seiner chilenischen Frau und der Familie abwechselnd in Chile und in Deutschland. Mitgründer Tobias Neuburger entwickelte die Software für das Probierportal.

„Einkaufen bis zum Anschlag“

Für das Probieren sollen die Kunden – ohne Abonnement - selbst bezahlen. Allerdings erfahren sie nicht, wie viel sie an der Supermarktkasse für die Produkte lassen würden. Beim Befüllen des virtuellen Einkaufkorbs zeigt ein Balken an, wann Schluss ist. „Einkaufen bis zum Anschlag“ ist die Überschrift des Ladebalkens. Bei etwa 20 Artikeln ist der Korb voll. Für jede Bestellung sind 24,90 Euro fällig. Nach Adam Riese sind das ungefähr ein Euro pro Artikel und rund fünf Euro für Verpackung und Versand. „Der User kann das, was ihn wirklich interessiert, mal ausprobieren“, erklärt Moll den Vorteil, der die Kunden locken soll.

Im Netz sind viele begeisterte Kommentare zu lesen. Auf Trusted Shops heißt es: „Habe meine komplette Bestellung innerhalb der angegebenen Zeit erhalten. Alles war unversehrt und von 1 A Qualität. Es waren keine Probiergrößen dabei! Die Preisersparnis ist immens! Habe direkt noch einmal bestellt. Ist ein bisschen ein Gefühl, wie Weihnachten. Lol Ich hoffe, dass ,utry.me’ schon bald mehr Hersteller für dieses tolle Konzept gewinnen kann, damit auch die Auswahl größer wird.“

Nur ein toller Gag?

Doch es gibt auch kritische Stimmen. Das Angebot hängt stark vom Zeitpunkt der Bestellung ab. T. W. aus Baden-Baden schreibt auf dem Portal: „...die Produkte sind so wohl eher kostenlose Tests/Proben, die man vor der Pandemie in Einkaufszentren erhalten hat. Bei anderen Testprodukten ist das Ablaufdatum in allernächster Zukunft… Während des Einkaufes waren von den rund 90 Produkten auch nur wenige überhaupt verfügbar“. „Wer bunte Tüten mochte, für den ist dies sicher mal ein toller Gag – mehr aber auch nicht. Ich kann verstehen, dass ein Unternehmen Gewinn machen muss, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich etwas bei meiner Zusammenstellung gewonnen hätte“, schreibt ein anderer User.

Erkenntnisse gewinnen können die Firmen, die ihre Produkte der Plattform kostenlos oder – etwa bei Kühlprodukten – für einen geringen Betrag zur Verfügung stellen. Dafür bekommen sie Moll zufolge eine Zielgruppenanalyse. Die Nutzer müssen Name, Adresse, Alter und Geschlecht angeben. Daten, die allerhand wert sind. Beim Kauf eines Zusatzpakets im Wert zwischen 5000 und 10.000 Euro verschickt „Utry.me“ etwa Fragebögen an Mitglieder und erstellt Zielgruppenanalysen. „20 Prozent Rücklaufquote haben wir. Das ist viel für Marktforschung“, meint Moll. Über den Button „Partner werden“ können sich Firmen über die Angebote informieren. 450 Partner hat das Start-up nach eigenen Angaben bis jetzt, gegen Ende des Jahres sollen es 500 sein, erwartet Moll.

Neues Getränk an den Mann bringen

Capri-Sun aus Eppelheim nahe Heidelberg gehört dazu. „Wir finden die Idee spannend, Konsumenten zu erreichen, die sich wirklich für das Produkt interessieren“, erklärt Judith Förster, Senior-Marketing-Managerin. „all i need“ heißt ein Teegetränk“, das die Firma bewerben möchte. „Wäre die Pandemie nicht gewesen, hätten wir “all i need„ in Bechern zum Probieren ausgeschenkt“, erklärt Förster. Das 2019 eingeführte Getränk mit hohem Teeingehalt, das es in drei Sorten gibt, Bio-Qualität aufweist und Kohlensäure enthält, sei hauptsächlich für den „Außer-Haus-Kanal“ bestimmt. In Kantinen, Kiosks, Sportstätten, Systemrestaurants und anderen Orten, wo Menschen sich treffen, soll „all i need“ verkauft werden, so Förster. Corona erschwerte die Einführung. „Utry.me“ war ein Weg, das Getränk trotz Pandemie an den Mann oder an die Frau zu bringen.

Frauen im Alter zwischen 25 und 39 Jahren stellen rund 70 Prozent der Nutzer von „Utry.me“. „Die Kaufentscheidung liegt meistens bei der Ehefrau und Mutter. Die weibliche Zielgruppe ist interessanter als die der Männer“, erklärt Moll. „Utry.me“ bringt es fertig, dass die Kunden dafür bezahlen, etwas probieren zu dürfen und dazu noch ihre Daten preisgeben. Ein Ansatz in der Marktforschung mit Potenzial.

André Moll
André Moll
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