Ludwigshafen „Praktikum hilft mir beim Verarbeiten“

Wenn Schüler ein Praktikum im sozialen Bereich absolvieren sollen, gehören Kindertagesstätten zu den beliebtesten Orten. Dass sich eine 15-Jährige ein Projekt wie „Mama/Papa hat Krebs“ der Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz aussucht, ist ziemlich ungewöhnlich. Hannah Schult aus Dudenhofen hat sich bewusst dafür entschieden. Sie sah darin die Chance, ihren Schmerz zu verarbeiten. Denn sie verlor ihre Schwester, die mit 13 Jahren an einem heimtückischen Krebs starb.
„Wir haben uns schon gefragt, ob sie das Praktikum verkraftet“, räumt Sozialpädagogin Hannelore Heidelberger ein, die als psychologische Beraterin in der Ludwigshafener Geschäftsstelle der Krebsgesellschaft arbeitet. Bereits als Hannahs Schwester 2006 verstarb, hat Heidelberger die Mutter der Kinder intensiv in ihrer Trauer begleitet. Noch immer kommt die Frau mehrmals im Jahr zum Gespräch in die Ludwigstraße. Seit dieser Zeit kennt auch Hannah die Mitarbeiter in der Beratungsstelle. Zunächst trug sie ihre Absicht in einem Vorgespräch vor. „An der Schule sollten wir ein Sozialpraktikum absolvieren. Ich wollte etwas machen, zu dem ich selbst einen Bezug habe“, begründet die Schülerin der Integrierten Gesamtschule (IGS) Mutterstadt ihre Entscheidung für das Projekt „Mama/Papa hat Krebs“. Als sie an der Schule ihren Praktikumsplatz nannte, habe sich ihre Lehrerin schon gewundert, berichtet Hannah. Sie habe es aber gut gefunden. In ihrem Entschluss wurde die 15-Jährige von ihren Eltern bestärkt. Sie wollen nicht, dass ihre Schwester Miriam vergessen wird, und sprechen oft von ihr, erzählt Hannah. Auch sie hat noch lebhafte Erinnerungen an ihre große Schwester und das, was diese damals durchleiden musste. Eine seltene Krebserkrankung (ein Sarkom am Knie) besiegelte Miriams Schicksal im Alter von 13 Jahren. „Wir haben ihr das hier einfach zugetraut“, sagt Sören Vitic, in der Geschäftsstelle zuständig für Projekte und Öffentlichkeitsarbeit. Im Rahmen ihres Praktikums hat sich die 15-Jährige bei einem Spielenachmittag um Kinder krebskranker Eltern gekümmert. Sie war bei Gesprächen mit zwei Frauen dabei, die an Leukämie und an Lymphdrüsenkrebs erkrankt sind. Mit der Krankheit kommen oft viele weitere Sorgen. Wegen der Arbeitsstelle, fehlendem Geld, Papierkrieg mit Behörden und Kassen. Auch im Umgang in der Familie. Heidelberger ist eine erfahrene Beraterin, schon seit 28 Jahren dabei. Sie leistet nicht nur psychologische Unterstützung, sondern hilft bei allen praktischen Problemen des Alltags. Ihre Fähigkeit, anderen Menschen zu helfen, hat Hannah beeindruckt. „Den Betroffenen Hilfe zu geben, reizt mich, ich will da mal arbeiten“, hat sie für sich herausgefunden. Dazu wolle sie später Psychologie studieren, meint die Schülerin. „Mir hat das Praktikum geholfen, das mit meiner Schwester zu verarbeiten“, sagt sie. Dem Vorurteil, in der Beratungsstelle der Krebsgesellschaft gehe es düster und traurig zu, widerspricht Heidelberger vehement. „Es ist eine schöne Arbeit, weil wir große Erfolge haben“, sagt die Sozialpädagogin. Zum einen seien die Erkrankungen heute zum großen Teil heilbar. Zum anderen sei es möglich, den Menschen auf verschiedene Weise zu helfen. Stolz sind die Mitarbeiter darauf, dass die Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz mit ihrer kostenlosen Begleitung als bundesweit vorbildlich gilt.