Ludwigshafen Polizisten-Alltag: Bespuckt und verprügelt

Wenn Polizisten ausrücken, wissen sie oft nicht, in welche Gefahr sie sich begeben.
Wenn Polizisten ausrücken, wissen sie oft nicht, in welche Gefahr sie sich begeben.

Sie werden beleidigt, bespuckt, angegriffen: 2018 gab es mehr als 250 Straftaten gegen Polizeibeamte in der Vorder- und Südpfalz. Ein Einblick in einen gefährlichen Beruf.

Es hätte ein Routineeinsatz werden sollen: Kurz nach Mitternacht ruft ein Mann bei der Polizei in Ludwigshafen an, weil sein Nachbar so laut Musik hört, dass er nicht schlafen kann. Eine Kommissarin macht sich mit einem Kollegen auf den Weg. „Die Musik war so laut, dass man das Klingeln nicht hörte“, erzählt die 29-Jährige. In einer Pause gelingt es den Beamten, sich bemerkbar zu machen. Ein Mann öffnet die Tür und begrüßt die Streife mit den Worten: „Was wollt ihr denn hier? Seid ihr Polizisten oder Terroristen?“ Die Beamten verschaffen sich Zutritt zur Wohnung, wollen die Personalien aufnehmen. Der Bewohner filmt sie mit seinem Handy. Die Situation eskaliert, als die Beamten dem Mann Handschellen anlegen und ihn mitnehmen wollen. Er reißt sich los, bekommt den Zopf der jungen Frau zu fassen und reißt ihr dicke Haarbüschel vom Kopf. Es kommt zu einem Kampf. Die Polizistin und der Mann fallen zu Boden, er liegt auf ihr. „Ich hatte das Gefühl, dass sich meine Kopfhaut gelöst hat. Ich dachte: Ich schaff’ das nicht mehr.“ Ihr Kollege überwältigt den Angreifer. Als der Polizist Verstärkung ruft, greift ihm der Gefesselte in den Genitalbereich. Es folgt eine Anzeige wegen Widerstands in Verbindung mit Körperverletzung.

Angreifer kommt straflos davon

Doch das Strafverfahren gegen den Mann wird eingestellt. Er hatte an dem Abend über eine Promille Alkohol im Blut und dazu noch Medikamente geschluckt. Daher gilt er vor Gericht als „schuldunfähig“. Er hat sich einen Anwalt genommen und beschuldigt die beiden Beamten der Körperverletzung. Die Polizisten, die als Zeugen geladen sind, werden vom Anwalt vor Gericht regelrecht vorgeführt. Die Prellungen sind verheilt, auch das Haar ist nachgewachsen. Doch der Frust, dass der Angreifer straflos davonkam, sitzt noch immer tief. „Ich habe das nie verstanden“, sagt die 29-Jährige. Eine ähnlich frustrierende Erfahrung mit der Justiz hat eine 43-jährige Hauptkommissarin von der Kripo Ludwigshafen gemacht. Sie war im Januar 2018 mit einem Kollegen zur Postbank am Rathausplatz in Ludwigshafen gefahren, weil dort ein Mann mit einem Messer herumfuchtelte. Grund: Sein Konto war gepfändet worden und er bekam kein Geld ausgezahlt. Als die beiden Zivilbeamten auf dem Platz sind, sticht der Angreifer mit dem Messer auf den Filialeiter der Bank ein. Dann sei er mit dem Messer auf ihren Kollegen losgegangen. „Wir mussten eingreifen. Ich habe einen gezielten Schuss ins Bein abgegeben. Zum Glück hat das gewirkt“, schildert die Beamtin die Ereignisse.

"Neben der Verantwortung für die Bürger auch Verantwortung gegenüber meinem Kind"

Der Angreifer fällt zu Boden, kann überwältigt werden. Der Filialleiter überlebt. Im Prozess wird der Angeklagte wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Freigesprochen wird der 42-Jährige vom Vorwurf, er habe auch den Polizisten töten wollen. „Für mich ist das unverständlich“, sagt die Hauptkommissarin. Das Ermittlungsverfahren wegen des Schusses gegen die 43-Jährige dauert einige Monate und wird schließlich eingestellt. Die Staatsanwaltschaft kommt zur Auffassung, dass die Beamtin richtig gehandelt hat. Das Verfahren sei für sie trotzdem belastend gewesen, schildert sie. „Ich bin gleich wieder arbeiten gegangen“, sagt sie. Für Polizisten sei es das Wichtigste, unbeschadet Einsätze zu überstehen. „Ich habe neben der Verantwortung für die Bürger auch Verantwortung gegenüber meinem Kind.“ Als sie den Angreifer niederschoss, war ihre Tochter gerade mal zwei Jahre alt.

Beleidigt, bespuckt, angegriffen

Über die beiden Fälle aus Ludwigshafen und weitere aus der Pfalz ließ sich gestern Staatssekretärin Nicole Steingaß im Polizeipräsidium informieren. Die Polizisten berichteten von Beleidigungen, dass sie bespuckt werden, von Angriffen bei Festen oder einem Fasnachtsumzug. Auch eine normale Fahrzeugkontrolle könne eskalieren. Die Täter kämen aus allen Altersgruppen und Nationalitäten, berichtet ein 30-jähriger Oberkommissar, der bei einem Einsatz wegen nächtlichen Ruhestörung in Germersheim durch eine Glastür getreten wurde. Unter dem Motto „Respekt. Bitte!“ greift die Landesregierung das Thema Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst auf. Eine Kampagne soll mehr Respekt für die Arbeit von Polizisten, Rettungssanitätern und Feuerwehrleuten schaffen. „Da hat sich in unserer Gesellschaft etwas verschoben. Wir müssen damit umgehen“, sagt Polizeipräsident Thomas Ebling. In der Vorder- und Südpfalz hat die Polizei im vergangenen Jahr rund 250 Fälle von Gewalt gegen Polizisten und 150 Beleidigungen gegen die Beamten registriert. Südwest

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