Ludwigshafen Politik ist das bessere Kabarett
„Demokratie für Schlaue“ mit Mindest-IQ und Politikführerschein, fordert Volkmar Staub. Wenn das mal kommt, hätten der Kabarettist und sein Kollege Florian Schroeder dann weniger Stoff für den Jahresrückblick? Im Capitol in Mannheim nahmen die beiden sich das vergangene Jahr vor. Da fehlte es nicht an Steilvorlagen aus der Politik.
Viele Kabarett-Fans meinen bestimmt, die Zeiten für Satire und Sottisen seien so gut wie nie. Womöglich stimmt das nicht, denn inzwischen leisten sich Politiker Sachen, die sich Kabarettisten gar nicht ausdenken können. Und so ist es bezeichnend – für die Politik, nicht das Kabarett – dass Originaltöne schon alleine komisch sind. Ein Beispiel an diesem Abend war die Rede des gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz vor den Jusos: „Ich strebe keine Große Koalition an, ich strebe auch keine Minderheitsregierung an. Ich strebe keine Neuwahlen an. Ich strebe gar nix an.“ Schnitt – und fertig ist ein Gag, der in keinem aktuellen Kabarettprogramm fehlt. Da hilft es auch nichts, dass Schulz eigentlich noch etwas von „Leben der Menschen besser machen“ hinterher geschwurbelt hatte. Und die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckard muss man auch nur zitieren, wenn sie bei der Vorstellung des Wahlprogramms im Kindergartentonfall von Zitronenfaltern, Bienen und Kiebitzen spricht, die auf der Seite der Grünen stünden. Und weil man es sonst nicht glauben würde, kommen die Politiker-Reden als Videoeinspielung. Es kriegen im Lauf des Abends alle ihr Fett weg, da lassen Staub und Schroeder keine der im Bundestag vertretenen Parteien aus. Die präzisen Beobachtungen machen einen großen Teil des Programms aus. Dann gibt es aber noch ein paar reichlich absurde Einfälle. Etwa, dass wo ein Gipfel ist, Luis Trenker nicht weit sein kann. Auch wenn der alte Bergfex längst tot ist, lässt Staub ihn auf den G20-Gipfel los. Das ist schon lustig, wenn der Kabarettist als Trenker-Wiedergänger im Südtiroler Dialekt aufgeregt erzählt, wie es beim Gipfel in Hamburg war: Überall Bergwacht! Nebel! Steinschlag! In der Rolle des Streetworkers, der Islamisten von Jesus erzählt, wirkt Staub weniger überzeugend. Den Jargon hatte er gut drauf – tatsächlich war er ja mal Sozialarbeiter. Aber bei dem Sketch ist die Stoßrichtung nicht klar, nämlich ob er Christentum und Islam gleichermaßen veräppeln will, oder das Anbiedern eines Streetworkers durch seinen aufgesetzten Jargon, oder ob die Adressaten etwas unterbelichtet sein sollen. Schroeder, mit 38 Jahren eine andere Generation als der 65-jährige Staub, setzt mit seinen Parodien echte Glanzlichter. So erzählt er, dass Helmut Kohl der Auslöser für seine Bühnenkarriere war. Auf dem Schulhof machte er den ewigen Kanzler nach, im Capitol auch. Ein Höhepunkt des Jahresrückblicks ist die von Schroeder im Alleingang gespielte Markus-Lanz-Show. Zu Gast: Christian Lindner, Martin Schulz und Jogi Löw. Ganz großartig, was er Lindner dabei in den Mund legt: „Steuerflüchtlinge? Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen!“ Staub und Schroeder sind seit gut zehn Jahren mit ihrem kabarettistischen Jahresrückblick unterwegs. Beide leben in Berlin. Staub schreibt auch für das Kabarett Dusche und und tritt solo in der Mannheimer Klapsmühl’ auf.