Mannheim
Podcast „Tadschu“: Ein Enkel erzählt vom Krieg
Grün war er und samtweich, der Sessel, in dem der Opa immer saß. Und der kleine Patrick oft, sehr oft auch, auf seinem Schoß. Der heute 37-Jährige erinnert sich gerne und gut an die vielen Stunden, die er bei seinen Großeltern in Viernheim verbracht hat, an das Malen und Zeichnen mit dem Großvater, an die ein bisschen karge, aber doch gemütliche kleine Wohnung. Dass ein Unterschenkel des Opas amputiert war, störte ihn nicht. Der kleine Patrick fand es spaßig, wenn der Opa keine Lust hatte, seine Prothese anzuziehen, und auf ziemlich spezielle Art durchs Wohnzimmer hüpfte.
Ein freundlicher Mann mit polnischem Akzent
Als Tadeusz Sirotkin, der von ihm „Tadschu“ genannte Großvater, 1996 starb, war Patrick Figaj erst 13 Jahre alt. Über dessen Biografie hatte er bis dahin höchstens mal Bruchstücke aufgeschnappt: dass sein Großvater den rechtlichen Status eines heimatlosen Ausländers hatte. Dass er 1919 in Polen geboren und im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen war, wo er eine deutsche Frau heiratete, mit der er eine Tochter bekam, Patrick Figajs Mutter Silvana. Und dass er sein Heimatland nie wiedergesehen hatte. Gesprochen hatte Patrick Figaj mit dem Opa über seine Herkunft nie – auch wenn er, wie er im Podcast erzählt, schon als kleiner Junge gespürt habe, dass der freundliche, zuvorkommende Mann mit dem polnischen Akzent eine besondere Lebensgeschichte hatte.
2015 als Auslöser für die Recherche
Je älter er wurde, desto mehr begann sich Patrick Figaj für diese Geschichte seines Großvaters zu interessieren. „Ich habe oft mit meiner Mutter über ihn gesprochen“, erzählt er im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Und ganz akut wurde das Interesse, als er, der inzwischen Reporter beim SWR in Mannheim geworden war, 2015 über die Flüchtlingsunterkunft auf dem ehemaligen amerikanischen Militärgelände Spinelli berichtet hat. Das Schicksal der geflüchteten Menschen zu sehen – und die Reaktionen der Einheimischen von Empathie über Ressentiments bis zu offenem Rassismus –, das war für Figaj der endgültige Auslöser, sich mit seiner eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen. Intensiv zu beschäftigen.
Dass er als Audio-Journalist arbeitet, kam Figaj dabei in mehrfacher Hinsicht zugute. Er begnügte sich nicht mit einer oberflächlichen Rekonstruktion, sondern tauchte tief in die Recherche ein, besuchte Archive, physische und digitale, klickte sich durch Tausende von Dokumente, stellte Anfragen, hakte nach, mailte, telefonierte, sichtete, sortierte. In seiner Freizeit, wohlgemerkt, die so üppig gar nicht ist – er ist Vater zweier kleiner Kinder; die Familie lebt in Weinheim. „Ich arbeite oft abends daran und mache alles allein“, erzählt er. „Zum Glück findet meine Frau das Projekt auch so wichtig.“
Kein wissenschaftlicher Anspruch
Das Ergebnis ist ein auf Podcast-Plattformen veröffentlichtes dokumentarisches Hörspiel in mehreren Folgen, das – und da kommt wieder sein Beruf ins Spiel – Figaj sehr aufwendig und professionell produziert hat. In den rund 30 bis 40 Minuten dauernden Folgen, von denen bisher drei veröffentlicht worden sind, kommt man der Person des Großvaters – und in der nächsten, noch in diesem Monat erscheinenden Folge auch der Großmutter – Stück für Stück näher. Es ist einerseits eine sehr persönliche, private Geschichte. Und andererseits besitzt sie durchaus Allgemeingültigkeit. Zwar betont Figaj, nicht den Anspruch zu erheben, „dass es ein wissenschaftliches Projekt ist“. Schließlich sei er nicht mal Historiker. Aber sein Podcast ist durchaus nicht nur eine spannende Spurensuche – auch Menschen, die sich für gut informiert halten, was den Nationalsozialismus angeht, können noch viel dazulernen.
Heimatloser Ausländer – dieser Stempel in den Ausweispapieren des Großvaters wird immer wieder thematisiert. Es ist die deutsche Übersetzung des Begriffs „displaced person“, mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenfassend viele Menschen bezeichnet wurden: Geflüchtete, Verschleppte, Zwangsarbeiter. Dass sein Großvater 1940 als Zwangsarbeiter nach Kassel gekommen war, wurde Figaj erst klar, als er die Arolsen-Archive in Hessen besuchte und dort wieder ein Teil fand, um sein Puzzle zu komplettieren. Es waren Erfolgserlebnisse wie dieses, die ihn zum Weitermachen motivierten. Eine anderer glücklicher Moment war der, in dem er im Mannheimer Stadtarchiv Marchivum auf eine in Käfertal produzierte Zeitschrift des Labor-Services der US-Streitkräfte stieß, für den sein Großvater bis zur Rente gearbeitet hatte. „Ich habe irgendeine Seite aufgeschlagen, und da blickt mich mein Großvater auf einem Foto an“, erzählt er. „Ich war zuerst einmal sprachlos.“
Die Geschichte, die Patrick Figaj in „Tadschu“ erzählt, bewegt und berührt viele Menschen. Seit der Veröffentlichung der ersten Folgen bekommt er Reaktionen von Menschen, die sich angeregt fühlen, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. „Das Wichtigste ist für mich natürlich, dass meine Mutter überzeugt davon ist“, sagt der 37-Jährige. „Zuerst dachte sie, das interessiert doch niemanden. Inzwischen wird sie selbst oft darauf angesprochen.“ Und was der Großvater, was Tadschu dazu gesagt hätte? Da kann Figaj nur spekulieren. „Er hätte vielleicht erst einmal gegrummelt“, sagt er. „Aber wahrscheinlich hätte er es am Ende gut gefunden.“
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