Ludwigshafen Plakate, Pflümli und Polizisten
„Fasnacht gehört zum traditionellen Brauchtum in Deutschland“, steht auf dem Aushang in der Straßenbahnlinie 10 Richtung Friesenheim. „Männer, Frauen und Kinder freuen sich auf diese Jahreszeit.“ Es fallen einem zwar auf Anhieb mindestens zehn Männer, Frauen und Kinder ein, die sich nicht auf diese Jahreszeit freuen, aber wir wollen mal nicht so kleinlich sein. Dasselbe gilt ja schließlich auch für den Sommer oder den Winter. Da freuen sich angeblich auch immer alle drauf und am Ende sitzen sie dann entweder schwitzend in ihren Büros und lästern über die Hitze oder kratzen fluchend ihre Frontscheibe frei. Der nette Hinweis zu diesem urdeutschen Kulturgut steht zusammen mit anderen gut gemeinten Verhaltensratschlägen auf einem Hinweisplakat der Polizei, das mittlerweile in allen öffentlichen Verkehrsmitteln in der Region zu finden ist. „Respektieren Sie die Ehre der Frau.“ Köln ist derzeit mal wieder überall. Raus aus der Bahn und rein in den schwankenden Strom aus nicht eindeutig identifizierbaren Tieren, Piraten und Ärzten in Richtung der Eberthalle. Die Grundstimmung gleicht einer heitere Ratlosigkeit: „Wo is’n die Jenny? Wer hat den Wodka-O? Ach, du bist gar nicht der Marc?“ Schrille Versuche, die eigene Gruppe wieder in Formation zu bringen, scheitern meist kläglich. Warum auch zusammenbleiben? Die da vorne haben doch noch ’ne Kiste Klopfer. Vor der über 50 Jahre alten Halle bietet ein Unternehmen in einem gelben Pavillonzelt direkte Taxibuchungen bis 3 Uhr nachts an. Ob es von Vorteil ist, dass die gleiche Firma neben Kurierdiensten auch Krankenfahrten übernimmt, wie man auf dem Werbebanner lesen kann? Zumindest das Mädchen mit der verlaufenen Schminke, das an seinen Freund geklammert aus dem Ausgang stolpert, hätte gegen eine Liegefahrt nach Hause wohl nichts einzuwenden. Am Eingang merkt man dann nichts von der angeblich so bedrohlichen Sicherheitslage in der Republik. Normale Taschenkontrollen, kurz den Körper abtasten und dann geht’s auch schon zur Garderobe, wo es gleich mal einen schnellen Pflümli für einen Euro gibt – „zum warm werden“. Vorbildlich, denn schließlich ist es beim Trinken ja wie beim Sport – ohne ordentliches Aufwärmprogramm kann’s böse ausgehen. Zugegeben, ohne Verkleidung auf einer Fasnachtsparty zu erscheinen, ist in etwa so schlau wie im Ski-Anzug am Strand zu liegen. „Was soll denn das sein?“, fragt eine Hexe forsch. In ihren Augen liegt eine Mischung aus Empörung und ungläubigem Staunen, dass man wirklich so spaßbefreit sein kann und in normalen Klamotten hier aufkreuzt. Die etwas steife Ausrede, man gehe als Journalist, kommt irgendwie nicht so wirklich gut an. Wahrscheinlich hätte man sich doch noch ein „Lügenpresse“-Schildchen ans Hemd heften sollen. Zweite Erkenntnis: Offensichtlich schlägt sich dieses zuletzt so vielbeschworene, diffuse Angstgefühl vor allem in der Kostümwahl der Gäste nieder. Die Halle ist voller Polizisten, Mitgliedern von Spezialeinheiten und Elitesoldaten. Bulle zu sein ist in solchen Zeiten anscheinend wieder cool. Ob so bald die Nachwuchssorgen der Polizei gelöst werden? In der Halle spielt die unverwüstliche Partyband Grand Malör gerade „Das geht ab“ von den Atzen, stilecht in neonfarbenen Ballon-Trainingsanzügen. Die Menge vor der Bühne arbeitet derzeit am geeigneten Pegelstand und singt ausgelassen mit. Armlängenabstände werden hier zum Schrecken von Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker aber schon lange nicht mehr eingehalten. Kurzer Besuch bei den Ordnungskräften, die das feucht-fröhliche, aber friedliche Treiben mit abgeklärten Gesichtern und Kaffeebechern in der Hand beobachten. Im vergangenen Jahr hatte es nach Ende der Veranstaltung vor der Halle ordentlich geknallt. Jetzt sind die Einsatzkräfte mit einem erhöhten Aufgebot und zwei Hundeführern vor Ort. „Der Alkohol halt“, meint ein Beamter achselzuckend. Deutsches Brauchtum halt, denkt man sich.