Ludwigshafen
Pisa-Debakel: Ein Realschule-Rektor spricht Klartext
Immer mehr Kinder, die „ohne Grundschulabschluss“ an die Realschule kommen, immer mehr Jugendliche, die sie am Ende ohne Abschluss verlassen und immer mehr krankheitsbedingte Ausfälle bei den Lehrkräften: Dass in Deutschland 15-Jährige bei der neusten Pisa-Studie so schlecht beim Lesen und in Mathematik abgeschnitten haben wie nie, ist für Volker Knörr keine Überraschung. „Es fehlen schlichtweg gewisse Grundvoraussetzungen, um bessere Ergebnisse erzielen zu können“, sagt der Rektor der Adolf-Diesterweg-Realschule in Oggersheim.
Was „ohne Grundschulabschluss“ an dieser Stelle heißt, erläutert seine Kollegin Jennifer Krebs: „Es bedeutet, dass wir bei Fünftklässlern an manchen Stellen fast bei null anfangen müssen.“ Teilweise sei die Schrift von Schülern nicht lesbar, von guter Heftführung oder überhaupt einer Heftführung könne kaum Rede sein und etliche Kinder scheiterten sogar daran, Zahlen in die Kästchen eines karierten Blatts zu schreiben, fasst die Konrektorin ihre Erfahrungen im Schulalltag zusammen. Die Gründe für diese Entwicklung seien vielfältig.
Hausaufgaben abschaffen?
„Zum einen haben sich an Grundschulen die Probleme verlagert – weshalb Themen wie Heftführung längst nicht mehr so weit oben auf der Prioritätenliste stehen wie früher“, sagt Krebs. Fünftklässler anzuleiten, wie der Ranzen zu packen und das Hausaufgabenheft zu führen ist, sei für Realschullehrer deshalb nicht die Ausnahme, sondern gehöre eher zum Berufsalltag.
„Auch Hausaufgaben sind ein ganz großes Thema bei uns“, sagt Volker Knörr. „Das ist ein täglicher Kampf, der viel Konfliktpotenzial mit sich bringt. Weil viele Schüler kaum mehr Hausaufgaben machen, müssen die Lehrkräfte immer mehr Zeit für die Kontrolle des Ganzen sowie die Diskussionen darüber aufwenden.“ An der Diesterwegschule denke man deshalb sogar darüber nach, Hausaufgaben gänzlich abzuschaffen und durch alternative Methoden zu ersetzen.
Unterstützung seitens der Eltern gebe es für die Kinder zu Hause vielfach nicht. Einer der Hauptgründe dafür: mangelnde Sprachkenntnisse. „80 Prozent unserer Schüler haben einen Migrationshintergrund“, berichtet Knörr, „ganz oft erleben wir, dass zwar Väter gebrochen Deutsch sprechen, insbesondere Mütter aber teils gar keine Deutschkenntnisse haben.“ Und so macht sich der Schulleiter auch überhaupt keine Illusionen und sagt: „Viele Kinder und Jugendliche werfen ihren Ranzen zu Hause einfach in die Ecke und nehmen ihn dann genau so am nächsten Morgen wieder mit in die Schule.“
Ganztagsschule gefordert
Es ist ein sehr offenes und ehrliches Bild, das der 47-Jährige im RHEINPFALZ-Gespräch zeichnet – und Knörr spart dabei nicht aus, dass viele seiner Schützlinge „in einer reizarmen Umgebung leben, oftmals in keinem Verein aktiv sind und zu Hause nur die Muttersprache gesprochen wird“. Der Schulleiter sagt all das aber nicht, um Eltern oder Kinder an den Pranger zu stellen. Im Gegenteil. „Wir haben hier an der Schule keine dummen Kinder“, betont er, „sie und ihre Eltern müssen aber mehr bei der gesellschaftlichen Sozialisation unterstützt werden“.
Womit unweigerlich die Frage im Raum steht: Wie kann es unter diesen Voraussetzungen gelingen, den „Pisa-Schock“ zu überwinden und die Leistungen von 15-Jährigen im Lesen und Rechnen zu verbessern? Volker Knörr und Jennifer Krebs geben darauf eine eindeutige Antwort. „Unter anderem mit der Hilfe von Ganztagsschulen.“ Die deutsche Sprache sei der alles entscheidende Schlüssel zur Bildung – wer sie jedoch nur sechs Stunden am Vormittag höre und danach nicht mehr, werde kaum zu einem Muttersprachler.
Zur Wahrheit gehört an dieser Stelle allerdings auch: Die Voraussetzungen der Adolf-Diesterweg-Schule in absehbarer Zeit zur Ganztagsschule zu werden, sind aktuell denkbar schlecht. „Wir leiden massiv unter dem bestehenden Raummangel“, sagt Knörr. Ursprünglich ausgelegt gewesen sei seine Schule auf Dreizügigkeit in allen Jahrgangsstufen – wobei es die dafür notwendigen Räume schon seit 2011/12 nicht gebe, einer Zeit also, in der die Schülerzahl noch unter der Marke 300 gelegen habe.
Prekäre Lage
„Inzwischen besuchen 460 Kinder unsere Schule, und von der sechsten bis zur neunten Jahrgangsstufe gibt es jeweils vier statt der ursprünglich mal angedachten drei Klassen“, erzählt Knörr. Die Lage sei so prekär, dass die Adolf-Diesterweg-Schule zum neuen Schuljahr möglicherweise nur zwei statt insgesamt drei fünfte Klassen aufnehmen könne. „Wir brauchen auf dem Schulgelände wenigstens Container, um weiteren Raum zu schaffen“, betont der 47-Jährige. Pläne für einen Neubau an der Realschule habe es zwar seit 2017/18 durchaus schon gegeben, sie seien bislang aber im Sand verlaufen.
Ein Lichtblick für die Adolf-Diesterweg-Realschule könnte in diesem Jahr die Teilnahme am sogenannten Startchancen-Programm sein. Bund und Länder haben es jüngst auf den Weg gebracht, es verspricht für die teilnehmenden Schulen neben einer besseren finanziellen Ausstattung mehr Schulsozialarbeit und multiprofessionelle Teams, zu denen auch Gesundheitsfachkräfte gehören. „Wir werden von diesem Programm profitieren, und ich erhoffe mir, dass unsere Lehrkräfte ihren Fokus dann wieder mehr auf ihre pädagogische Arbeit legen können“, sagt Knörr. Aktuell müsse das Kollegium sehr viel Zeit darauf verwenden, Sozialarbeit sozusagen mitzumachen. Oder wie es Konrektorin Jennifer Krebs formuliert: „Uns Lehrkräften fehlt Unterstützung, wir fühlen uns sehr allein auf weiter Flur.“
Gescheiterte Gymnasiasten
Abfedern müssen die Pädagogen an der Realschule zudem eine weitere Schieflage: Insgesamt 50 Kinder – verteilt über die Klassenstufen sechs bis acht – habe die Adolf-Diesterweg-Schule im vergangenen Sommer aufnehmen müssen, nachdem diese das Gymnasium verlassen haben. „50“, betont Knörr und verweist darauf, dass diese Kinder bereits in jungen Jahren kontinuierlich schulischen Misserfolg erleben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Eltern den unbedingten Wunsch des höchstmöglichen Schulabschlusses für ihr Kind im Sinn haben – koste es, was es wolle.
Sein Wunsch deshalb: eine Regelung aus früheren Zeiten zumindest wieder zurück in die Debatte zu holen. „Die Empfehlung für eine weiterführende Schule war früher verpflichtend“, sagt Knörr. Jene Eltern, die mit der Empfehlung nicht einverstanden gewesen seien, deren Kind habe eine Aufnahmeprüfung machen können. Ein Grundgedanke, den man aus Sicht des Schulleiters der Adolf-Diesterweg-Realschule heute wieder aufgreifen könnte.
„Die Pisa-Ergebnisse der 15-Jährigen werden sich so schnell nicht verbessern lassen“, lautet Volker Knörrs schnörkelloses Fazit. Es sei denn im Bildungssystem und auch konkret hier vor Ort in Ludwigshafen würden ein paar grundlegende Stellschrauben neu justiert. Sein Wunsch für den Moment? „Ich wäre ja schon mit Containern für unsere Schule sehr zufrieden“, sinniert er im RHEINPFALZ-Gespräch – und schiebt seufzend noch hinterher: „Was aber schon irgendwie armselig ist, angesichts der Veränderungen, die wir wirklich bräuchten.“