Interview
Philosoph fordert „Einstellungstest für Politiker“
Was kann die Philosophie leisten, um dem Klimawandel zu begegnen?
Die Philosophie soll zur Bewusstseinsbildung beitragen, indem sie Begriffe und Sachverhalte klärt. Sie kann Verwirrungen aufdecken und dann Handlungsempfehlungen in Form von moralischen Normen prägen. Die Ethik als Teilbereich der Philosophie ist ja die Disziplin, die uns mitteilt, was wir tun sollen, wenn wir moralisch handeln wollen. Das kann die Philosophie dann auf das Klima runterbrechen. Sie kann uns die moralisch idealen Handlungsnormen vor Augen führen und dann mit den realen Bedingungen abgleichen. In der Ethik erleben wir ja laufend den Konflikt, dass vieles wünschenswert wäre, aber wenig durchzusetzen ist. Die Philosophie versucht, uns Rezepte an die Hand zu geben, wie wir damit fertig werden können.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie über Klimaschutz nachdenken?
Ich versuche, Philosophie so einzusetzen, dass sie die Aufklärung vorantreibt und Denktabus entlarvt. Das fängt hier bei der Debatte an, ob uns ein entschlossener Klimaschutz nicht zu viel Freiheit kostet. Tatsächlich könnten ja einige Freiheiten beschnitten werden, wenn das dem Klimaschutz dient, aber eben dosiert durch unsere Entscheidung. Wenn wir den Klimawandel aber laufen lassen, können wir letztendlich nicht mehr selbst wählen, welche Freiheiten wir kurzfristig vielleicht mal zurückstellen, wie wir das jetzt etwa bei Corona tun, sondern dann diktiert uns das die Natur selber.
Was ist denn in der Vergangenheit falsch gelaufen, so dass sich die Klimakrise zuspitzt?
Wir sind von der Evolution auf Anschauung programmiert. Also, wir sehen eine Gefahr und flüchten dann davor. Aber auf abstrakte, nicht sichtbare Gefahren reagieren viele mit Unglauben. Das sehen wir zurzeit ja auch an Corona. Man sieht das Virus unter dem Mikroskop, aber wir als Alltagsmenschen sehen es gar nicht. Das erzeugt dann sofort einige Leute, die Corona leugnen. So hat die Klimaskepsis denn auch die 1990er und 2000er Jahre vor allem in den USA dominiert. Mittlerweile ist man sich aber in der Wissenschaft einig darüber, dass der Klimawandel stattfindet, und man sieht ihn auch schon: an der Zunahme von extremen Wetterereignissen, an den sehr warmen Sommern oder an den Waldbränden in Australien und Kalifornien. Das Problem ist nur, wenn das so real und sichtbar wird, ist es schon fast zu spät.
Ist es auch zu spät fürs Klimaziel, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen?
Ich fürchte, die Vereinbarungen, die in Paris beschlossen wurden, von nur 1,5 oder zwei Grad Celsius Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Niveau werden scheitern. Das sind zwar Maße, die vernünftig sind, aber wenn wir uns anschauen, was wir schon emittiert haben und wie viel wir noch emittieren dürfen, dann ist das so wenig, dass wir das wahrscheinlich nicht schaffen werden.
Was käme denn mit mehr als zwei Grad Celsius auf uns zu?
Dann verselbständigt sich der Klimawandel auch ohne unser Zutun: Die Wärme aktiviert immer mehr Bakterien im Boden, die Kohlendioxid freigeben. Das geht in die Atmosphäre, so dass es bis zu ein Grad Celsius weiter wärmer wird. Dann tauen die Permafrostböden in Russland und Skandinavien endgültig auf und geben dabei riesige Mengen von Methan frei. Dadurch würde es um ein weiteres Grad wärmer. Wenn es so weit ist, muss man befürchten, dass das am Meeresgrund gespeicherte Methanhydrat abtaut und die Temperatur wieder um ein Grad erhöht. Die Lebensumstände wären für alle Menschen verheerend. Auch in Europa können wir uns dann nicht mehr sicher wähnen. Wir müssen uns jetzt bemühen, die schlimmsten Folgen abzumildern und möglichst jede weitere Erwärmung zu vermeiden.
Was schlagen Sie in Ihrem Buch „Mit kühlem Kopf“ vor?
Ich sehe auf drei Ebenen Handlungsnormen oder Strategien, die dem Klimawandel entgegenwirken könnten. In meinem Buch adressiere ich zum einen die Individuen selbst. Was kann ich tun? Die Frage stellen sich ja die meisten von uns. Dann ist die Frage: Was kann die Politik tun? Wir wissen schon lange, was sie tun sollte, aber stellen fest, sie tut es nicht. Wo sind im System falsche Anreize, die dazu führen, dass naheliegende Handlungen einfach nicht umgesetzt werden. Die dritte Frage ist außerdem: Was können Unternehmen tun?
Wofür plädieren Sie in der Politik?
Der Wissenschaftliche Beirat für globale Umweltfragen hat da bereits ein riesiges Gutachten aufgestellt. Zum Beispiel sollte man einen CO2-Preis schaffen, der nennenswert ist, und den CO2-Handel möglichst auf alle Sektoren wie den Verkehr oder die Landwirtschaft ausdehnen. Es ist also schon seit Jahren klar, was man tun müsste.
Und warum greift dann die Politik nicht durch?
Weil in Demokratien wie der unseren die Anreize meines Erachtens falsch gesetzt sind. Der Zeithorizont, in dem gedacht und gehandelt wird, ist immer auf vier Jahre begrenzt. Der Politiker erbringt in dieser Zeit seine Leistung und erhält die Reaktion in Form von Wählerstimmen. Das heißt, es besteht ein Anreiz, dass Politiker und Bürger sich miteinander verbünden und sie beide sagen: Lass die Zukunft mal die Suppe auslöffeln, wir versuchen jetzt für die Gegenwart das Maximum rauszuholen. In der Klimapolitik muss aber weiter gedacht werden. Dabei können die zukünftigen Generationen, die wirklich von ihr profitieren, jetzt natürlich noch nicht wählen und dem Politiker keine Belohnung verschaffen. Wir haben einen Handel, der die Zukunft massiv benachteiligt und selbst in der Gegenwart schon erste Opfer bedeutet. Wir wissen ja zum Beispiel, dass heiße Sommer eine überdurchschnittliche Letalität haben, sogar eine höhere Letalität als Corona. Aber wir nehmen das als Preis unserer Lebensweise in Kauf. Jetzt kostet der Klimawandel also schon eine begrenzte Zahl an Opfern, aber in Zukunft wird er immense Opfer kosten.
Wie könnte man die Interessen zukünftiger Generationen stattdessen mehr in den Blick nehmen?
Mit einer Art Anwalt, der jetzt schon ihre Interessen wahrnimmt. Eine Einrichtung, die ich vorschlage, war sogar schon mal Realität in verschiedenen Staaten. Zuletzt ausgerechnet in Ungarn von 2008 bis 2012, bevor das Orbán-Regime sich das Land einverleibt hat. Da gab es einen Parlamentarischen Sekretär für die Rechte zukünftiger Generationen. Der konnte alle entsprechenden Vorgänge im Parlament diskutieren, Vorschläge zur Verbesserung einbringen und hatte, wenn das alles nicht fruchtete, notfalls sogar ein Vetorecht gegenüber Beschlüssen, die auf Kosten zukünftiger Generationen gingen. Ich schlage vor, etwas Vergleichbares auch auf deutscher, nationalstaatlicher oder auch europäischer Ebene einzuführen. Dann hätten die zukünftigen Generationen jetzt schon einen Anwalt, der ihre Interessen wahrnimmt. Ich diskutiere außerdem einen Führerschein für Politiker. Für alle möglichen Ämter und Berufe – vom Schulleiter bis zum Piloten – muss ein besonderer Nachweis von Fähigkeiten erbracht werden. Nur Politiker kann jeder Berlusconi, jeder George Bush oder Donald Trump werden. Ich denke mir, dass wir einen Einstellungstest für Politiker bräuchten. Schließlich beeinflussen sie komplexe Systeme wie unsere Ökosysteme und produzieren Folgen über Jahrzehnte und über Jahrhunderte hinweg. Und wenn jemand mit der Dynamik von Systemen überhaupt nicht vertraut ist, führt das systematisch dazu, dass es daneben geht. Aber man kann da ja – zum Beispiel über Simulationen – durchaus Kompetenzen erwerben. Und nur, wer die nachweisen kann, sollte von einer Partei für ein Top-Amt aufgestellt werden. Nicht auf Kommunalebene oder so, aber für ein Top-Amt schon. Dann hätte man gleich die Garantie, dass solche Idioten wie Trump schon auf dieser Ebene ausscheiden und keinen größeren Schaden anrichten können.
Sie sprechen in Ihrem Buch auch von Bevölkerungspolitik.
Es ist ja nicht nur der Lebensstil der Einzelnen, der problematisch ist, sondern es ist dieser Lebensstil multipliziert mit der Menge der Individuen. Und natürlich haben wir in den letzten Jahrzehnten einen immensen Zuwachs an Weltbevölkerung erlebt. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Mensch das Recht hat, ein lebenswertes Leben zu führen, werden wir weiter versuchen, das durch Wirtschaftswachstum zu gewährleisten – Klimaschädigungen dabei eingeschlossen. Wenn es nicht gelingt, individuell den Gürtel enger zu schnallen und von dem gegenwärtigen Lebensstil zu lassen, wäre es eine Überlegung, die Bevölkerungszahlen zu verringern, als Mittel, um Emissionen einzusparen.
Da rühren Sie wirklich an ein Tabu!
Ich fände es falsch, es zum Tabu machen, auch wenn die Erfahrungen mit misslungener Bevölkerungspolitik wie in China oder mit missglückten Sterilisationsversuchen wie in Afrika oder Indien natürlich Angst machen können. Aber Bevölkerungspolitik muss nicht mit Zwang, Ein-Kind-Politik und Gewalt einhergehen, sondern kann auch intelligent durch Anreize befördert werden. Man könnte zum Beispiel finanzielle Anreize setzen, dafür, weniger Kinder zu kriegen.
Setzen Sie auch Hoffnungen auf neue technische Möglichkeiten, die jetzt noch gar nicht ausreichend erforscht sind?
Geo-Engineering lautet das Stichwort, um die Emissionen in der Atmosphäre schadlos zu machen. Da überlegt man, Sulfat in die Atmosphäre einzubringen, also Partikel, die die Erwärmung durch die Sonnenstrahlen wieder abstrahlen, auch in den Weltraum hinein. Aber das sind nur Denkmodelle, die man noch in keinem Test realisiert hat, und das wären extrem teure Maßnahmen. Sehr kostenaufwendig und sehr spekulativ, ob man sich dadurch überhaupt schützen kann. Und wie will man, wenn man an einem Ende der Welt solche Maßnahmen einleitet, die Folgeschäden ausgleichen, die in anderen Regionen dann auftreten können? Wir experimentieren da mit dem Planeten selbst, und wenn es daneben geht, geht es uns direkt an die Haut. Aber erforscht werden muss es.
Sie nehmen im Buch Bezug auf Fantasyliteratur. Wo sehen Sie die Analogien zum Klimawandel?
Ich habe natürlich versucht, nicht zu wissenschaftlich zu schreiben und die Erzählung in einen Fantasy-Plot einzubinden, der den Kampf des Dunklen gegen das Licht zum Thema hat. Es geht um eine Bedrohung und einen Helden, der dagegen aufbegehrt. In Fantasy-Romanen führt das alles zum Befreiungsschlag. Schön wäre es, wenn wir alle durch die drohende Gefahr des Klimawandels auch derart motiviert wären, dass wir uns erfolgreich wehren. Zudem gibt es in Fantasyromanen immer einen Punkt, an dem alles verloren zu sein scheint. Ich fürchte, wir sind beim Klimawandel momentan an diesem Punkt. Ich hoffe nur, dass ich mit dem Buch ein paar Impulse geben kann, wie man die Wende zu einer halbwegs sanften Bruchlandung hinbekommt. Aber dass wir am Ende auf der Gewinnerseite stehen. Dieses Ende muss noch geschrieben werden.
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Zur Person
Bernward Gesang lehrt seit 2009 an der Universität Mannheim Philosophie und Wirtschaftsethik. Mit der Ökologie und dem Klima befasst er sich dabei seit etwa zwei Jahrzehnten. In seinem neuen Buch „Mit kühlem Kopf“ verhandelt der 52-Jährige den Nutzen der Philosophie für die aktuelle Klimadebatte und diskutiert moralische Fragen, die sich auf der Suche nach einem Weg zu einer nachhaltig wirtschaftenden Welt stellen.