Ludwigshafen Offen für neue Klänge
„Jazzsuite Shapes of 4“ heißt das neue Album von Regina Litvinova und ist eine überaus bemerkenswerte Einspielung. Aufgenommen hat die in Hessheim bei Frankenthal lebende Pianistin die CD mit befreundeten Musikern, auch aus Frankreich und den USA.
Komponiert hat die aus Moskau stammende, in der Pfalz lebende Pianistin immer schon gerne. Vor ein paar Jahren begann sie ein Kompositionsstudium der Neuen Musik bei Sidney Corbett an der Mannheimer Musikhochschule. 2015 schrieb sie mit „Die 8 Todsünden der zivilisierten Menschheit“ ihre erste „Mikro-Oper“, die am Theater Osnabrück uraufgeführt wurde. Mit solchen Ambitionen hat ihre neue CD allerdings nichts zu tun. Die Musik darauf ist Jazz pur, aber gleichfalls offen für neue klangliche Visionen und stilistische Grenzgänge. Bei einer „Jazzsuite“ mag man an Akademisches denken. Dieser Gefahr allerdings erliegt Litvinova, die alle fünf Titel auf der CD geschrieben hat, keineswegs. Vielmehr prägt die Aufnahme eine bemerkenswerte Offenheit und Freiheit. Es geht der Pianistin, wie sie im Booklet schreibt, um die Kunst der interaktiven Improvisation, was mit den anderen Musikern auf der CD wunderbar funktioniert. Ethnische Einflüsse spielen gleichfalls hinein in ihren Jazz, den Richie Beirach in seinen liner notes mit John Coltranes „A Love Supreme“ vergleicht. Mit dabei ist der amerikanische Saxophonist und Keyboarder Casey Benjamin, Mitglied in der Band von Robert Glasper, weitere Mitwirkende sind Jean-François Michel (Altsaxophon), Yves Torchinsky (Kontrabass), der Perkussionist David Nelson, der die indische Handtrommel Mradangam spielt, und Christian Scheuber am Schlagzeug. Es groovt wie der Teufel in den unregelmäßig swingenden Rhythmen, die Scheuber und Bassist Yves Torchinsky in „Shape 1“ vereinen. Die beiden beschwören gern rituelle Rhythmen, über denen sich expressiv die Girlanden der Saxophonisten ergehen. Ein guter Schuss Magie kommt gleichfalls in die Musik, nicht zuletzt durch die Vocoder-Klänge von Casey Benjamin. Geheimnisvoll tönende Gesanglichkeit entlockt der Amerikaner dem synthetischen Klangwandler, sanfte, gesanglich fremd tönende Klänge. Bemerkenswert, dass Benjamin seinen Gesang mit Vocoder so geschmackvoll gestaltet, dass dies weniger wie ein Roboter als vielmehr wie ein exotisches Instrument klingt. „Shape 2“ ist Richie Beirach gewidmet und swingt im flotten Walzertakt. Ihre große pianistische Klasse entwickelt die Bandleaderin dabei mit ebensoviel Spielfreude wie Inspiration, wandelt mit wacher Lust zwischen Blues und Moderne. Litvinovas Soli sind stets vom Feinsten, sehr agil und spielfreudig. Sehr inspirierend wirkt aber auch Jean-François Michel im balladesken „Shape 3“, das dem amerikanischen Komponisten Charles Ives gewidmet ist und in dem Michel mit Vocoder-Gesang innige Dialoge entwickelt. Modernes funky Spiel und komplexe Rhythmen, wie sie etwa für Steve Coleman typisch sind, durchfluten das virtuos dahinfliegende, Chris Potter gewidmete Thema in „Shape 4“. Es ist ein Vergnügen, den aufgeweckt dahinjagenden Klavierläufen zu lauschen, die sich über einem swingenden Drive entfalten. Dazu kommen erregende Soli der beiden Saxophonisten, druckvoll energiereich auf dem Altsaxophon, während das Sopransaxophon spielerisch leichte, gleißende Töne setzt. Beschlossen wird die Aufnahme von indischen Rhythmen, die David Nelson auf der Handtrommel Mradangam sprechen lässt, im vitalen Dialog mit Christian Scheubers beredtem Drum-Spiel. CD-Tipp Regina Litvinova: „Jazzsuite Shapes of 4“, Jazzsick Records. Die limitierte CD-Edition gibt es unter www.reginalitvinova.de