Mannheim
Nationaltheater veranstaltet Diskussion über Lebensmittelverschwendung
„75 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf werden in Deutschland jährlich weggeworfen, insgesamt sind es zwölf Millionen Tonnen jährlich, davon 52 Prozent aus Privathaushalten“, verdeutlicht Carolina Fenner von Foodsharing Mannheim in dem Zoom-Meeting. In Kooperation mit Supermärkten, Bäckereien, Wochenmärkten oder Caterern rette der Verein Lebensmittel, die sonst weggeworfen würden, und verteile sie dann etwa in Schulen und Kindergärten.
„Alles, was noch essbar ist, nehmen wir mit. Obst, Gemüse, Backwaren, Trockenware, Kaffee Öl, Salz“, listet Fenner auf. „Wir haben auch Verteiler in der Stadt, öffentlich zugängliche Regale, die mit Lebensmitteln gefüllt sind und die täglich genutzt werden und vom Gesundheitsamt überprüft sind“, schildert die Foodaktivistin, die sich über einen großen Zulauf freut. „Wir haben in Mannheim 2015 mit einer Handvoll Leute begonnen und sind mittlerweile 500 Mitglieder“, informiert Fenner. Sie berichtet, dass die Mannheimer Foodsharer auch untereinander Lebensmittel teilen.
Selbst hergestellte Mandelmilch
In kleinen Gesprächsrunden, den sogenannten Breakout-Rooms, tauschen sich die 28 Teilnehmenden des Meetings untereinander aus. Eine junge Frau erzählt, dass sie wegen der langen Transportwege keine Avocados mehr esse und ihre Mandelmilch nicht mehr kauft, sondern aus Mandelmousse und Wasser selbst herstellt. „Da braucht man keinen Tetrapak“, stellt sie fest. „Ich würde mir wünschen, dass ich bewusster einkaufe und überlege, welche Rezepte aufeinander aufgebaut werden können, damit ich Lebensmittel weiterverwenden kann“, sagt eine andere Teilnehmerin.
Einkaufserlebnis Wochenmarkt
Lebhaft wird das Gespräch, als eine junge Frau erzählt, dass sie vom Einkaufen auf dem Wochenmarkt begeistert ist. „Auf den Markt bin ich auch schon gekommen. Ich bin stolz, dass ich es tatsächliche schaffe, Einkaufslisten zu schreiben. Auf dem Markt einkaufen, ist einfach ein anderes Erlebnis“, konstatiert NTM-Schauspieldramaturgin Annabelle Leschke. „Ich habe dort zum ersten Mal lila Blumenkohl gesehen, den ich total schön finde“, schwärmt Fenner.
Einer der wenigen Männer in der Runde hat die Biokiste mit ausgewähltem Biogemüse und -obst aus der Region, die nach Hause geliefert wird, für sich entdeckt. „Als Folge will meine Tochter jetzt nur noch vegetarisch essen, und es hat sich dann ergeben, dass wir jetzt alle vegetarisch essen – bis auf abends“, berichtet er.
Kontrovers diskutiert: das Containern
Spannend sind die Erzählungen von Merten Mederacke, der auf Social-Media-Kanälen als „Tonnentaucherwelpe“ bekannt ist, und Pia Schulze Brüning-Dropmann („Pia Kraftfutter“), die sich beide dem Containern verschrieben haben. In einem selbstgedrehten Video sieht man Schulze und Mederacke beim Containern, dem Einsammeln weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern etwa eines Supermarktes. „Ich lebe von dem, was Supermärkte wegwerfen, und mache mir keine Gedanken, was ich in dieser Woche essen will, sondern darüber, was geben die Mülltonnen her“, sagt Mederacke. Und die geben mitunter jede Menge Essbares her: Bananen, Tomaten oder Baguettes in großen Mengen.
Legal ist Containern nicht, es wird, wenn es denn angezeigt wird, als Diebstahl gewertet und bestraft – meistens mit mehreren Stunden gemeinnütziger Arbeit. „Manche werfen uns vor, dass wir eine Straftat begehen“, schildert Schulze und Mederacke ergänzt: „Wobei dann gar nicht hinterfragt wird, dass Containern illegal ist. Es gibt auf jeden Fall Gegenwind, aber das ist ja auch gut so, denn so entsteht eine Diskussion. Man stößt aber auch auf viel Verständnis – sogar bei meiner Omi.“