Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Nachts im Wald: Ausstellung mit den Kunstpreisträgern der Heinrich-Vetter-Stiftung

Taucht tief in subkulturelle Szenen ein: Joscha Steffens.
Taucht tief in subkulturelle Szenen ein: Joscha Steffens.

Es gibt SS-Anhänger, die in den Wäldern Estlands mit Kriegsspielen den Nationalsozialismus verherrlichen. In diese und andere Parallelwelten nimmt uns der Künstler Joscha Steffens mit. Er ist gestern Abend mit dem Mannheimer Kunstpreis der Heinrich-Vetter-Stiftung ausgezeichnet worden. Die Arbeiten von Förderpreisträgerin Hannah Schemel sind ein Plädoyer für Entschleunigung und Natürlichkeit.

Es gibt Zufälle im Leben eines Menschen, die sind einfach verrückt. Eigentlich hatte Joscha Steffens sich schon von dem Gedanken verabschiedet, die estnische Gruppe zu porträtieren, deren Mitglieder in echten Uniformen historische Operationen nachspielen. Eine merkwürdige Subkultur ist das, die es auch in anderen Ländern gibt. Zu kompliziert war die Kontaktaufnahme, zu seltsam die Szene und das alles irgendwie auch nicht ganz ungefährlich. „Ich dachte mir, habe ich halt drei Monate in ein Projekt investiert, aus dem nichts geworden ist“, erinnert sich Steffens. Und dann erfuhr er just in jener Zeit als Artist in Residence in der Rijksakademie van beeldende kunsten in Amsterdam, dass sich in einem Archiv 150 Meter von ihm entfernt die Feldpostbriefe eines Großonkels befinden, der bei der SS war und von dem er erst kurz zuvor zum ersten Mal gehört hatte.

„Uchronia“ heißt das Projekt, das diesen persönlichen Bezug mit der Arbeit über die estnischen NS-Verherrlicher verbindet, zu denen Steffens dann doch noch einen Zugang gefunden hat. In einem großen Raum in der Galerie Port 25 im Mannheimer Jungbusch flimmert ein unscharfer, nachts im Wald gedrehter Film über die Leinwand, und daneben steht eine Vitrine mit jener Feldpost des Großonkels aus den Niederlanden. Teil der Installation ist auch ein Nachbau von Hitlers mythenumranktem Fluggerät „Die Glocke“. Die Szenerie ist bedrückend, und das ist vermutlich Absicht in einer Zeit, in der überall auf der Welt die rechtsextremen Kräfte wieder erstarken. In einer zweiten in der Ausstellung gezeigten Arbeit taucht er tief in eine andere Subkultur ein: die Szene der Gamer, der professionellen Videospieler.

Erstmals Fotografie und Videokunst ausgezeichnet

Der Heidelberger Joscha Steffens, Jahrgang 1981, ist für diese Arbeit mit dem zum achten Mal ausgelobten Mannheimer Kunstpreis der Heinrich-Vetter-Stiftung ausgezeichnet worden. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und für Stiftungsvorstand Peter Frankenberg ein „wichtiger Beitrag zur Kunstförderung“ gerade in Corona-Zeiten. Zum ersten Mal wurde der Preis für die Bereiche Fotografie und Video vergeben. Bewerben konnten sich Künstlerinnen und Künstler, die in der Metropolregion Rhein-Neckar leben und arbeiten. Carolin Ellwanger vom Kulturamt der Stadt Mannheim, die der Fachjury angehörte, spricht von einer „außergewöhnlich hohen Qualität der Einsendungen“, die überrascht und begeistert habe.

Völlig überraschend und sehr eigen ist die Herangehensweise von Hannah Schemel. Die Mannheimerin, Jahrgang 1994, nimmt sich viel Zeit für ihre Ruhe und poetische Kraft ausstrahlenden Natur-Fotografien. Sie verbringt Stunden im Wald oder am Meer, wartet auf den einen Moment, das richtige Licht, eine bestimmte Färbung des Himmels. Tritt dieser Moment nicht ein, kann es sein, dass sie ohne Motiv abzieht und ihre 30 Kilogramm schwere Ausrüstung wieder nach Hause schleppt. Sie fotografiert mit einer analogen Großbildkamera wie die Pioniere des 19. Jahrhunderts, verwendet ein speziell angefertigtes handgeschöpftes Papier und einen japanischen Ziegenhaarpinsel zum Auftragen der Chemikalien.

Inspirationen aus japanischen Schriften

„Die Technik ist für mich aber nur ein Mittel zum Zweck“, sagt sie. „Sie gibt mir die Möglichkeit, entschleunigt zu arbeiten.“ Die Entdeckung der Langsamkeit bei ihr wörtlich zu nehmen. Einmal, erzählt sie, habe sie eine bestimmte Knospe fotografieren wollen. Das Wetter habe nicht gepasst, und so habe sie es erst ein Jahr später wieder versuchen können. Inspirieren lässt sie sich von japanischen Schriften. Wer mehr darüber erfahren möchte, ist am Samstag, 25. Juli, eingeladen, Hannah Schemel einen ganzen Tag lang im Atelier zu besuchen und in den Wald zu begleiten. Und wer sich für Joscha Steffens’ 1947 verstorbenen Großonkel Guido und den Umgang der Familie mit dem SS-Mann interessiert, kann am Sonntag, 2. August, 15 Uhr, im Port 25 ein Gespräch des Künstlers mit dem Historiker Achim Leuschen besuchen.

Termin

Bis 30. August im Port 25, Hafenstraße 25-27, Mannheim. Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 19.30 Uhr.
Die Entdeckung der Langsamkeit: Hannah Schemel.
Die Entdeckung der Langsamkeit: Hannah Schemel.
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