Ludwigshafen Nachricht von Mustafa

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Ein schönes, geruhsames Osterwochenende liegt hinter mir. Ich habe es auf Familienbesuch in Idar-Oberstein verbracht und war am Sonntag, wie es sich für eine katholische Klosterschülerin gehört, mit meinem Patenonkel in der Kirche. In seiner Predigt hat der Pfarrer einen Beitrag aus der „Rhein-Zeitung“ vorgelesen, in dem der Europa-Korrespondent die Brüsseler Terroranschläge aus einer sehr persönlichen Perspektive beschreibt: Ein guter Freund von ihm ist dabei gestorben. Als Zeitungsleser und Nachrichtengucker können einem zurzeit ständig die Tränen kommen. Mich bewegt, neben vielen anderem, besonders die Situation in der Türkei. Im Herbst 2013 war ich mit einer Journalistengruppe einige Tage in Istanbul und in Ludwigshafens Partnerstadt Gaziantep. Alle Teilnehmer des Programms waren türkischen Medien zugeordnet. Ich war zwei Tage lang bei „Zaman“. Die größte Tageszeitung der Türkei residiert in einem Glaspalast weit außerhalb der Istanbuler Innenstadt. Mein Tandempartner war Mustafa, leitender Politikredakteur mit beeindruckender Allgemeinbildung und exzellenten Englischkenntnissen. Zu Mittag haben wir zu dritt gegessen, mit Mustafas aus Aserbaidschan stammendem Kollegen. Er wurde wenige Monate später wegen regierungskritischer Twitter-Kommentare des Landes verwiesen. Im Februar 2014 war Mustafa zu Besuch bei uns. Ich zeigte ihm die RHEINPFALZ-Redaktion, Heidelberg, den Dom in Speyer und das Hambacher Schloss. Zum Abschluss hatten wir einen schönen Abend mit meinem Kollegen Ilja Tüchter in Neustadt. Am nächsten Morgen fuhren Mustafa und ich nach Berlin, um den Rest der Gruppe zu treffen. Die türkischen Kollegen wirkten sehr besorgt wegen des Zustands der Pressefreiheit in ihrem Land. Vor drei Wochen ist „Zaman“ unter Zwangsverwaltung des türkischen Staates gestellt worden. Faktisch bedeutet dieser Schritt das Ende der regierungskritischen Zeitung, die der Bewegung des in den USA lebenden Islampredigers und Erdogan-Gegners Fethullah Gülen nahesteht. Vor einigen Tagen hat mir Mustafa geschrieben. Er versuche, sich trotz der Ereignisse gut zu fühlen. Er sucht einen neuen Job. Die Türkei möchte er, „bevor es noch schlimmer wird“, verlassen. Und wenn ich dann – wie gerade gestern Morgen – von einem Leser mit dem Vorwurf konfrontiert werde, aus Angst vor Zensur nicht die Wahrheit zu schreiben über das, was in unserer Stadt passiert, dann weiß ich gar nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Die Kolumne Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

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