Ludwigshafen
Nachbarschaftshilfe: Ein Engel namens Englert
„Ich traue mir das zu“, dachte sich der gebürtige Oggersheimer, der mittlerweile in Mutterstadt lebt, als er seinerzeit einen Aufruf in der RHEINPFALZ las. Die Nachbarschaftshilfe Ludwigshafen hatte einen Besuchsdienst zur Begleitung und Unterstützung von älteren, kranken und behinderten Menschen aufgebaut und war auf der Suche nach Ehrenamtlern. Englert überlegte nicht lange, griff zum Hörer und bewarb sich.
„Ich wollte mich schon immer sozial einbringen. Da kam der Aufruf gerade richtig.“ Englert arbeitete damals noch als Realschullehrer für Physik und Chemie im Schulzentrum Mundenheim, brachte also pädagogische Kompetenz mit. „Weil ich am liebsten am Abend korrigiert habe, hatte ich an den Nachmittagen noch Kapazitäten“, sagt er und lacht. Mittlerweile ist er in Pension, aber nach wie vor noch mit viel Enthusiasmus in der Nachbarschaftshilfe Ludwigshafen engagiert. „Ich habe jetzt ja mehr zeitliche Freiräume, die mit Arbeit gefüllt werden können“, erklärt er augenzwinkernd.
Umfangreiches Schulungsprogramm
Entstanden ist das von Englert als „Erfolgsmodell“ bezeichnete Konzept aus einer kleinen Gruppe von hilfsbereiten Bürgern. Von 2007 bis 2018 wurde die Nachbarschaftshilfe finanziell vom Land Rheinland-Pfalz und der Stadt Ludwigshafen gefördert. Aufgrund von Gesetzesänderungen hat sich ein Trägerverbund Nachbarschaftshilfe bestehend aus drei gleichberechtigten Partnern zusammengeschlossen: die Ökumenische Sozialstation, die Sozialstation Cura Beierlein und die Sozialstation des Deutschen Roten Kreuzes Vorderpfalz.
Ins kalte Wasser werden die ehrenamtlichen Helfer bei der Nachbarschaftshilfe Ludwigshafen nicht geworfen. Ein umfangreiches Schulungs- und Fortbildungsprogramm bereitet sie auf ihre Aufgaben vor. Auch Englert ging diesen Weg, fühlte sich bestens vorbereitet, als es vor mehr als zwei Jahrzehnten erstmals ernst wurde. Er hat viel über Demenz gelernt, weiß, wie er mit den Erkrankten umgehen muss. Englert wurde aber auch an Themen, wie zum Beispiel das Abschied nehmen, herangeführt. Denn auch das gehört dazu, zählen doch Hochbetagte zu den Kunden der Nachbarschaftshilfe. „Zuletzt sind zwei Menschen gestorben, beide jenseits der 90, die ich über Jahre begleitet habe. Da war ich dann auch bei den Beerdigungen dabei“, berichtet der frühere Pädagoge.
Vorlesen und gemeinsam spielen
Die Pflegestützpunkte, in der Regel die erste Anlaufstelle für die betroffenen Menschen oder deren Angehörige, koordinieren die Einsätze und schauen, wer zu wem passt. Lilija Neu, Leiterin des Pflegestützpunktes Mundenheim/Rheingönheim/Gartenstadt/Maudach, hat dafür ein gutes Händchen. Sie ist auch eine von denjenigen, die die Helfer beim ersten Besuch begleiten. Die Kosten für die Inanspruchnahme der Nachbarschaftshilfe können übrigens von der Pflegeversicherung über den Entlastungsbetrag erstattet werden.
Englert liebt die Vielfalt, das breite Aufgabenspektrum, das keine Langeweile aufkommen lässt. Mal liest er vor, spielt mit seinem Gegenüber beispielsweise Mensch ärgere Dich nicht oder Karten, organisiert Arzttermine und begleitet den älteren Menschen auch dorthin, geht einkaufen. Er liebt es, gemeinsam kleine Ausflüge ins Grüne, beispielsweise in den Ebertpark oder auf die Parkinsel, zu unternehmen. „Hauswirtschaftliche oder pflegerische Tätigkeiten gehören allerdings nicht zu den Aufgaben unserer Helfer“, unterstreicht Birgit Kambert, Leiterin der Nachbarschaftshilfe Ludwigshafen. Gesellschaft leisten, zuhören – das habe in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen.
„Viele erzählen aus der Vergangenheit“
Viele Ältere seien einsam, häufig isoliert. Während der Corona-Pandemie mehr denn je. Umso größer ist dann die Freude, wenn ein Helfer vorbeischaut. „Viele Menschen erzählen aus der Vergangenheit, von ihren Kriegserlebnissen oder eben von dem, was sie aktuell beschäftigt“, berichtet Englert, der mittlerweile rund 80 ältere Menschen in all den Jahren besucht und auch begleitet hat. Was sie ihm anvertrauen, das bleibt auch bei Englert. Er unterliegt der Schweigepflicht. Rund 20 Stunden im Monat ist der Mutterstadter ehrenamtlich unterwegs.
Die Anzahl an Stunden, die die rund 180 Helfer der Nachbarschaftshilfe Ludwigshafen leisten, sind ganz unterschiedlich. „Viele von ihnen sind ja auch noch berufstätig“, unterstreicht Kambert. Englert erhält wie auch alle anderen Helfer eine Aufwandsentschädigung für seine Arbeit. Aktuell ist die Nachbarschaftshilfe auf der Suche nach weiteren Ehrenamtlern. „In Hoch-Zeiten hatten wir bis zu 300 Helfer“, sagt Kambert. Auf Englert kann sie sich verlassen, denn er denkt noch lange nicht ans Aufhören. Dafür macht ihm die Arbeit zu viel Spaß.
Noch Fragen?
Interessenten, die sich ehrenamtlich bei der Nachbarschaftshilfe Ludwigshafen engagieren möchten, finden Infos im Netz: www.nachbarschaftshilfe-lu.de. Telefon-Kontakt: 0621 5401470, E-Mail aninfo@nachbarschaftshilfe-lu.de.