Ludwigshafen
Muralu: Vergangenheit trifft auf Gegenwart
Bunte Farbeimer reihen sich auf dem Bürgersteig, und auch die Kleidung der beiden Damen sind voller Kleckse. Zwei Mädchen aus der Nachbarschaft schauen neugierig zu und versuchen sich mit den spanischen Señoritas zu verständigen. Wo vorher nur eine rosafarbene Wand war, ist jetzt ein riesiges Kunstwerk entstanden. Seit zwei Wochen sind Udane Juaristi (Künstlername Udatxo, eine Verniedlichung ihres Vornamens) und ihre Cousine Olaia Ibanez schon in Ludwigshafen. Sie trotzten den starken Regenfällen, stiegen mit einem Hubsteiger in eine schwindelerregende Höhe hinauf, und griffen nicht zur Spraydose, sondern zum Pinsel, um Meter um Meter, manchmal Zentimeter für Zentimeter die kargen Fassaden, an denen man sonst achtlos vorbeiläuft, in wahre Hingucker zu verwandeln.
San Sebastian, Madrid, Barcelona, Santander und jetzt Ludwigshafen. Für die 36-jährige Künstlerin aus dem Baskenland ist es der erste Auftrag außerhalb Spaniens. „Es ist mir eine Ehre“, sagt sie stolz. „Ich mag es, ganz einfache Alltagssituationen einzufangen und mit den Zeiten zu spielen.“ Als Ende des letzten Jahres die Anfrage aus Deutschland kam, zögerte sie nicht lange, und sammelte Informationen zu Ludwigshafen, und zum „Barrio“, zur Mitte der 50er Jahre errichteten Valentin-Bauer-Siedlung.
Wie ein Gruß aus alten Zeiten
So entstand das eine Mural. Wie ein Läufer durch die Zeit schlendert ein junger Mann mit Rucksack durch die Straße. Die schwarz-weiß gehaltenen Häuserfassaden der Valentin-Bauer-Siedlung am oberen Bildrand wirken wie ein Gruß aus alten Zeiten und verwandeln sich Schritt für Schritt in ein farbiges Hier und Jetzt.
Vor allem die Fotografien aus den 70er-Jahren imponierten ihr. Und da „Udatxo“ eine Schwäche für „alte Autos“ hat, setzte sie den beiden Rheinbrücken ein Denkmal: mit Mercedes, Bulli, R 4 und einer gelben Straßenbahn, die an den Fenstern des Gebäudes vorbeitingelt. Inmitten des Verkehrtreibens ruht ein Mädchen, die nur ob ihrer Schuhe zeitlich aus dem Gemälde heraustritt. „Das Alte lebt im Neuen weiter. Es kann Kontrast, aber auch Einheit sein“, sagt die Künstlerin über den Dialog mit der Historie und hebt als Farbtupfer einen knallorangefarbenen Mülleimer hervor, wie es sie früher an jeder Straßenecke gab. Das Gewöhnliche wird so zum Besonderen: durch den Blick von außen, und durch den Wandel der Zeit.
„Sie hat einen malerischen Stil“
„Sie hat einen malerischen Stil, nicht so hyperrealistisch. Sie zeigt, wie vielfältig Street-Art sein kann“, betont René Zechlin, der Direktor des Wilhelm-Hack-Museums. Ohne Ecken und Konturen, weich, warm und impressionistisch schafft sie fließende Übergänge. Das Jackengrün der schemenhaft gehaltenen, jungen Frau hebt sich nur leicht vom Asphalt ab. Und auch die Farben der Umgebung, das Gelb und Braun der Wohnblöcke in der Nachbarschaft, finden sich wie selbstverständlich in den Murals wieder. „Auf künstlerische Vorgaben haben wir bewusst verzichtet“, sagt Zechlin. Die Wohnungsbaugesellschaft GAG habe die beiden Fassaden „als Duo“ vorgeschlagen. Auch von den Bewohnern habe man das Einverständnis eingeholt.
Vor allem viele junge Migranten leben in der Valentin-Bauer-Siedlung, in die sich kaum jemand verirrt. „Es gibt kaum Restaurants oder Kneipen und wenig Gründe, hierherzukommen. Jetzt gibt es aber einen Anlass, sich die Murals anzusehen und das Viertel vielleicht ein wenig kennenzulernen“, sagt Zechlin. So wie Udane Juaristi und ihre Cousine, die mit den beiden Mädchen aus der Nachbarschaft schnell Freundschaft geschlossen haben, dem „Barrio“ zwischen Hemshof und Bayreuther Straße offen und ohne Vorurteile begegnen und sich für die letzten Pinselstriche nochmals mit dem Hubsteiger an der Wand hinaufbegeben. Diesmal bei strahlendem Sonnenschein statt bei Regen.
Das Muralu-Projekt
Mit dem 2018 begonnenen Muralu-Projekt (Mural für Wandgemälde und Lu für Ludwigshafen) werden neben regionalen und nationalen Street Art-Künstlern auch internationale Größen der Szene eingeladen, um ausgewählte innerstädtische Wandflächen zu gestalten. In der Hochfeldstraße 137 hat Natalia Rak aus Polen eine Fassadenbemalung realisiert. Am Goerdelerplatz entsteht bis Ende Juli das Mural der aus Spanien stammenden Künstlerin Lula Goce. Das Street-Art-Projekt Muralu ist Teil einer für Herbst 2022 im Wilhelm-Hack-Museum geplanten Ausstellung zur Bedeutung der Straße in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Dabei soll unter anderem auch die Geschichte der Graffiti beleuchtet werden.