Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Power und Tiefgang: Julia Neigel wieder auf der Bühne

Die Energie war schnell zu spüren: Julia Neigel in Mannheim.
Die Energie war schnell zu spüren: Julia Neigel in Mannheim.

Sie rennt, sie singt, sie gibt alles. Dem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen, war Julia Neigel immer wichtig. Beim „Seebühnenzauber“ in Mannheim dauert es genau ein Lied lang, bis sie die Zuhörer gewonnen hat.

Sie war wieder hier, in ihrem Revier. Doch die Sängerin Julia Neigel von heute bietet weit mehr als eine dynamische Stimme über drei Oktaven, temperamentvolle Melodien und intelligente Texte. Die 55-Jährige ist längst eine Persönlichkeit der deutschen Musikszene und kulturpolitisch eine Instanz. „Nach 17 Monaten Berufsverbot“ steht sie wieder auf der Bühne und genießt es sichtlich. Ebenso wie die Fans, die sogar aus Köln, Stuttgart, Wiesbaden und aus Leipzig angereist sind, um zwei Stunden Neigel pur zu erleben.

Es gehört zur Stärke jener starken Frau im engen schwarzen Hosenanzug, ihrem Publikum auf Augenhöhe zu begegnen. Es dauert nicht lange, und sie rennt live singend, mit beeindruckender Energie und bester Laune bis kurz vor die gut besuchten Reihen. Und die Gäste danken es ihr von der ersten bis zur letzten Minute des mitreißenden Konzerts im Luisenparks mit Textsicherheit und viel Applaus.

Von Mannheim nach Wilhelmshaven

Der Titel der Veranstaltungsreihe „Seebühnenzauber“ könnte nicht besser gewählt sein, denn Julia Neigel verzaubert bereits mit dem Opener „Froh, dass es dich gibt“ das Auditorium. Danach ist ihr Auftritt eine „g’mahte Wies’n“ – wie man südlich des Weißwurstäquators so sagt. Es kann nichts mehr schief gehen, die Zuhörer stehen hinter ihr. Das mit Fingerspitzengefühl ausgesuchte Programm aus 14 Songs spiegelt die lange Karriere von der „Jule“ aus dem Ludwigshafener Hemshof bis zur weit gereisten Komponistin und Musikproduzentin wider. Kurz nach dem Mannheimer Auftritt sitzt sie schon wieder im „Nightliner“ nach Wilhelmshaven.

„Paradies“, „Glück an Glück“ oder „Sehnsucht“ stehen stellvertretend für die Bandbreite ihrer acht Alben. Gleich drei Stücke vom jüngsten Album „Ehrensache“ haben Premiere. Es ist ihre erste Veröffentlichung seit neun Jahren, und es könnte ihre wichtigste werden. Vor dem Hintergrund der Pandemie will die kreative Künstlerin mit „Der Himmel lacht“, „Der kleine Prinz“ oder „Tief in meiner Seele“ neben Orientierung Optimismus, Menschlichkeit und Nachdenklichkeit vermitteln. Und eine klare soziale Haltung in einer Zeit der Unsicherheit und der oft schnellen Stigmatisierung.

Ehre ist zeitlos

„Ehrensache kommt von ehrlich und von Ehre – und Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind für mich eine Selbstverständlichkeit und vor allen Dingen eine wesentliche Grundlage, um respektvoll auch in harten Zeiten miteinander umzugehen“, sagte sie in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ kurz vor dem Konzert. „Ehrensache“ sei deshalb kein altmodischer Begriff, sondern ein zeitloses Muss. Mit Ehre habe auch zu tun, dass die Lieder für das Album live eingespielt sind und zwar analog, nicht digital, sagt die rastlose Kämpferin für die Durchsetzung von Urheberrechtsansprüchen. Sie wehrt sich mit anderen Prominenten gegen die Verramschung von Musik – besonders im Internet.

Zur „Akustiktour 2021“ hat sie deshalb die richtigen Begleitmusiker dabei, Könner von Rang. Die beiden Gitarristen Uwe Fischer und Dennis Hormes sowie der Keyboarder Rainer Scheithauer zählen zu dem, was der Angelsachse „Top of the Cream“ nennt – also zur Elite ihres Genres. Dieses „Unplugged im Quadrat“ hat bei vielen Titeln seinen Reiz. Aber man sehnt die Zeit herbei, wenn wieder elektrische Gitarren und Schlagzeug Neigels Rocksongs den passenden Drive geben.

Die beiläufigen Geschichten

Dabei ist es längst nicht nur die Musik, die Julia Neigel kennzeichnet. Sie versteht es, ihre Songs in unterhaltsame Geschichten zu verpacken. So erfahren die Zuhörer beiläufig, dass sie mit Gitarrenlegende Paco de Lucía im Studio in Mailand aufgenommen hat und für Peter Maffay Texte schreibt. Zwei seiner Stücke hat die Entertainerin an diesem Abend sogar im Gepäck: „Freiheit, die ich meine“ und „Gib die Liebe nie auf“. Dass sie Zucchero verehrt, belegt die atemberaubende Wiedergabe von „Il Volo“. Und welches Lied darf auf der ersten Setliste nach der Zwangspause nicht fehlen? Klar: „Schatten an der Wand“. Ihren größten Single-Erfolg als erste Zugabe zu spielen, ist natürlich auch Ehrensache.

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