Ludwigshafen Mit einem Lied auf den Lippen
«Mitte.» „Ein bisschen Friede, ein bisschen Freiheit“, die Melodie zu diesen Worten ist am Samstag im Hack-Garten erklungen. Vor allem Frauen stimmen in den Eurovisionshit von Nicole aus dem Jahr 1982 ein. Das Gartenparadies am Hack-Museum war Schauplatz eines litauischen Abends mit Kunst, Folklore und Musik des litauischen Barden Kazimieras Jakutis.
Bevor die Band übernimmt, sind die Besucher gefordert: Sie müssen erst mal selbst ein bisschen singen. Moderatorin Vaida Sindikangva erklärt: „Zuerst in Deutsch und dann in Litauisch.“ Sie trägt ein prächtiges Dirndl, ihre Partnerin auf der Bühne eine traditionelle litauische Tracht. Das soll die deutsch-litauische Freundschaft verdeutlichen. Alles an diesem Abend ist symbolgeladen. Auch der Song, der ausdrückt, was viele Litauer in der ehemaligen Sowjetunion für sich in Anspruch nehmen wollten. Heute erklingt er als Hymne der in Europa angekommenen Balten. Viele der sangesfreudigen Damen im Hack-Garten tragen Kränze aus Blumen oder Getreide im Haar. „Das ist ein alter litauischer Brauch“, erklärt Sindikangva. Vor allem zum Johannisfest, aber auch zu anderen Gelegenheiten, schmücken sich so unverheiratete Mädchen. Auch das Singen sei aus dem litauischen Alltag nicht wegzudenken, erklärt die Moderatorin: „Wir singen bei der Arbeit, wenn wir fröhlich und auch wenn wir traurig sind.“ Selbst ihren Protest gegen die sowjetische Herrschaft hätten die Balten einst mit Musik zum Ausdruck gebracht: In der „Singenden Revolution“, in der sie trotz Verbots ihre Volkslieder zum Besten gaben. Dann ruft Sindikangva Daiva Angela Digaityte auf die Bühne – die Frau, die ihr vor etwa einem Jahr von ihrem Traum berichtete: einem deutsch-litauischen Kulturfest. Damals winkte Sindikangva ab, das gibt sie unumwunden zu. Sie glaubte nicht, dass das klappen würde. Doch es sei nun Wirklichkeit geworden und habe viele Besucher, auch Gäste aus anderen Regionen, angezogen. Digaityte lebt seit sechs Jahren in Ludwigshafen und hat den mittlerweile 15 Mitglieder zählenden Verein der deutsch-litauischen Freundschaft gegründet. „Ich kam ohne Sprachkenntnisse hierher und wollte nur einen Winter lang bleiben“, erzählt die ehemalige Journalistin. Ihre Integration habe über den Frauentreff im Westendviertel begonnen, nun studiere sie an einer Fernuniversität Reiseleiterin. Bald möchte sie litauischen Touristen die Schönheiten von Rheinland-Pfalz nahebringen. Seit fünf Jahren hegt und pflegt Digaityte in einer Ecke des Hack-Gartens einen litauischen Blumengarten. Heute ziert bunte Fotokunst von Algirdas Kontrimas den Zaun um das Gartenstück und an Ständen werden kulinarische Schmankerl, Kunsthandwerk und Literatur aus Litauen angeboten. Die Kulturtage zeigten ihr, wie viele Freunde sie hier habe, sagt Digaityte. Die große litauische Gemeinde in der Region tue das ihre dazu. Rund 16.000 Landsleute lebten in der Metropolregion, im südhessischen Lampertheim-Hüttenfeld gebe es sogar ein litauisches Gymnasium für deutsche und litauische Schüler. Derweil haben zwei Akkordeonspieler die Bühne geentert. Bald darauf drehen sich die Tanzpaare zum Schneewalzer und dann zieht eine „Polka Suraguciais“ – zu Deutsch: Polonaise – durch den Garten. An den Ständen werden Köstlichkeiten wie Cepelinai, mit Quark oder Hackfleisch gefüllte Kartoffelklöße, schon knapp. Viel Bewunderung gibt es für Wendepuppen, mit deren Hilfe man Märchen wie das von Rotkäppchen erzählen kann. In verschiedenen Phasen der Geschichte stellt die Puppe unterschiedliche Figuren dar. Der Höhepunkt des Fests ist aber der Auftritt von Kazimieras Jakutis. Der 56-jährige Sänger hat eine junge Band dabei, die vom Rock ’n’ Roll bis hin zu zeitgenössischer Pop-Musik alles spielen kann.