Mannheim
„Mini-Horror-Show“: Bora Chung und Barbi Marković bei lesen.hören
Bunt ist alle Theorie. Als Insa Wilke, die Frontfrau des Literaturbetriebs und der lesen.hören-Sause, im vergangenen Herbst die Bücher der Südkoreanerin Bora Chung und der in Serbien geborenen Wienerin Barbi Marković im Deutschlandfunk gutgelaunt zusammen besprach, erschien ihr das als naheliegende, vife Option. Genau wie jetzt die beiden beim Literaturfest in der Alten Feuerwache gemeinsam auf die Bühne zu bringen. Im Sinn von: „Irre Frauen zücken die Laserschwerter der Horror-Komik gegen die Verkrustungen der Nachkriegsgesellschaften.“
Und warum auch nicht? in Bora Chungs Kurzgeschichtenband „Der Fluch des Hasen“, der auf der britischen Booker-Prize-Shortlist stand, in Deutschland jetzt bei CultureBooks erschienen, löchern unheimliche Erscheinungen die Alltagsrealität. Wie die schlitzlippige Exkrementmonster, das augenlos aus dem Klo lugt und seine Erzeugerin „Mutter“ nennt. Und in „Minihorror“, dem bilderlosen Comic von Barbi Marković, 2021 Künstlerhaus-Edenkoben-Stipendiatin, dreht sich alles Surreale um das großohrige Paar Mini und Miki, deren Leben Horrendes schockartig überfällt.
Die Bad-Karma-Katze und die fleischfressende Cousine
Eine Bad-Karma-Katze ruiniert Miki schnurr-stracks das Studentenleben. Fleischfressende Cousinen stehen harmlos tuend im Badezimmer rum. Der Winter kommt, die Seelen erkälten sich. Man macht Kunf-Fu, liest Bücher und weiß, dass einem irgendwann die Organe versagen. So in dem Ton. Barbi Markovic muss selbst lachen, als sie die Geschichte vorträgt, wie Minis Familie sie runterzieht bis in ein offenes Grab.
Derweil liest Bora Chung, die extra eingeflogen wurde, und für die kurzfristig – wie Insa Wilke freimütig eingesteht – die Dolmetscherin Esther Lewit besorgt worden ist, einen Teil ihrer Geschichte aus dem Smartphone ab. Sehr cool – auf Englisch und Koreanisch. Moderatorin Mascha Jacobs steuert die deutsche Variante bei. Herzanfassend, wie die „Kult-Journalistin“ Jacobs sich dann um die Versammlung ihrer Gäste unter einen ausgedachten Hut bemüht, während Chungs Antworten trockenhumorig stauben wie Zement im gleißenden Sommerlicht.
Manchmal lautet ihre knappe Antwort auf eine zustimmungspflichtig gemeinte Frage auch schlicht „Nein“. Selten hat man literaturkritische Annahmen so schwungvoll am Objekt platzen sehen wie an diesem schockierend genüsslichen Abend.
Nie ein normales Buch
Chungs Exkrement-Mutterkind stellte sich so, statt als psychoanalytisch zu lesende Fabel, als erzählter japanisch-koreanischer Witz heraus – und ein Reflex auf das bis 2019 in Südkorea geltende Abtreibungsverbot. Zu dem mutmaßlich metaphorisch hinkenden Untoten aus der Vergangenheit, der eine andere ihrer Geschichten durchgeistert, sagt Chung, er sei ihr in Wahrheit in einem unwahrscheinlichen Schritttempo livehaftig begegnet. Markovic dann scheint die Nachkriegsgesellschaft als adressierter Fokus ihres Schreibens viel zu generell. Die kafkaeske Geschichte, dass plötzlich alle aussehen wie ihr Miki-Held, enthüllt sich als Ergebnis eines Schreibtags im Wiener Einkaufszentrum Lugner City und dort dem Anblick eines Mickey-Mouse-T-Shirts bei H&M. So ging der Abend hellleuchtend dahin, bis sich doch noch zarte Schwesterschaftsbekenntnisse ergaben. Beide bekannten unter anderem, sie hätten das Schreiben nie gelernt. Bei beiden spielt demnach der magisch-realistische Einbruch der Erkenntnis eine Poetik-Rolle.
Marković erzählte, sie habe nie ein „normales Buch“ schreiben wollen. Chung meinte, der Urgrund Ihrer Literatur sei ihre Wut. Schließlich wurden auf Zuruf aus dem Publikum einige der „105 weiteren möglichen Horrors mit Mini und Miki“ vorgelesen, die dem für den Leipziger Buchpreis nominierten Buch von Barbi Marković als Epilog anhängen. Nummer 27 zum Beispiel: „Miki hat Durchfall, und der Zustand hört nicht nach einer Weile auf.“ Wieder draußen in der normalschrecklichen Welt, hatte der Horrorstau auf dem Luisenring endlich ein Ende.