Pfalz
Migranten und Corona: Infektiöser Verdacht
In einer Hinsicht trägt die Pandemie wirklich zum Erkenntnisgewinn bei: Bei der Ahnung, dass wir bei ziemlich vielem gar keine Erkenntnisse haben. Ludwigshafener Stadtrat am Montag dieser Woche. Die Ludwigshafener Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD) hat gerade bei den Corona-Infektionszahlen eine „erhöhte Auffälligkeit von Erkrankungen bei bestimmten Gruppen“ erkannt, Bevölkerungsgruppen, die man allerdings „unter gar keinen Umständen“ stigmatisieren wolle, so Steinruck. Gemeint sind vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, es gibt zurzeit eine breite bundesweite Diskussion darüber, ob die Gruppe ein „Infektionstreiber“ sei, also mitverantwortlich für hohe Inzidenzzahlen.
Kurz zuvor hat man auf der Sitzung die auf die Ludwigshafener Stadtteile heruntergebrochenen Corona-Inzidenzahlen vorgestellt, zum ersten Mal stellte das Kreis-Gesundheitsamt die entsprechenden Daten zur Verfügung. Auf Platz 2 bis 4 beim Infektionsgeschehen am vorigen Sonntag: die drei innerstädtischen Stadtteile, dicht besiedelt, teilweise hoher Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Auf Platz 1: der Stadtteil Ruchheim, in den 1970ern eingemeindetes Dorf, immer noch stark landwirtschaftlich geprägt, daneben Wohn- und Schlafstätte am Rand der Großstadt. Da müsste man also vor allem aufpassen, BASF-Pendler und Gemüsebauern nicht zu stigmatisieren. Oder Saisonarbeiter.
Die Diskussion über den Zusammenhang von Migration und Inzidenzen läuft gleichwohl bundesweit auf Hochtouren – und da ist es wohl geboten, zunächst auf die schwache Datenlage hinzuweisen. Die Krankenhäuser erheben einen möglichen Migrationshintergrund bei Corona-Patienten nicht, so wenig wie bei anderen Erkrankungen – und können demzufolge auch keine entsprechenden Daten an die Gesundheitsämter weitergeben. Man behandle Menschen ohne Rücksicht auf ihre Herkunft, sagt beispielsweise Jürgen Will, Leiter Verwaltungsmanagement des Ludwigshafener Marienkrankenhauses. Daten zu ethnischer oder räumlicher Herkunft, also der nach den Wohnquartieren der Patienten, schlüsselt das Marienkrankenhaus nicht auf.
Arme Menschen erkranken häufiger
Hinweise, dass bestimmte Gruppen von der Pandemie stärker betroffen sind als andere, gibt es gleichwohl: Trotz schwieriger Datenlage könne es als „gesichert gelten, dass sich Menschen mit niedrigem sozialen Status und Menschen mit Migrationshintergrund häufiger mit SARS-CoV-2 infizieren“ als andere, schreibt der Berliner Soziologe Jan Paul Heisig nach Auswertung diverser Studien – und macht als Grund vor allem die Folgen sozialer Ungleichheit aus. Stellt sich also zunächst die Frage: Dreht sich die Debatte um Herkunft – oder nicht vielmehr um Armut?
„Ich wäre absolut vorsichtig, zu sagen, das hat was mit der Kultur zu tun“, sagt Andreas Rein, Lehrender an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen. Die Problemlagen, die er sieht, betreffen vor allem prekäre Lebensverhältnisse und verfestigte Armut – unabhängig von der Herkunft.
Da sei zunächst das Leben in verdichteten innerstädtischen Quartieren: Es sei „eigentlich logisch, dass Menschen, die auf engem Raum zusammenleben, sich eher anstecken“, meint Rein. Gefährdet seien in der Krise auch „Menschen, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen müssen“, sagt er, auch dies tendenziell eher arme Menschen. Die Arbeitsverhältnisse spielten demnach eine Rolle – wohl schon, weil Paketzusteller, Verkäuferinnen oder Mitarbeiter in Schlachtbetrieben schlecht im Homeoffice arbeiten könnten. Dazu komme eine teilweise schlechte Ausstattung mit Präventions-Mitteln wie den teuren FFP2-Masken – und ein durch Armut allgemein erhöhtes Krankheitsrisiko, mittlerweile durch diverse Studien nachgewiesen. Die Gruppe der Migranten gehöre „zum überwiegenden Teil“ eben jenen wirtschaftlich eher schwachen Schichten an – und was sich da unter Umständen verdichte, sei stärker als alles andere Armutsproblematik.
Zuwanderer leben beengter
Die verdichtet sich bei Zuwanderern in der Tat: Menschen mit Zuwanderungsgeschichte haben in Deutschland ein doppelt so hohes Armutsrisiko wie Menschen ohne. Ältere Studien aus der Zeit vor Corona legen zudem nahe, dass mutmaßliche Schlüsselfaktoren bei der Corona-Infektion sich bei Migranten stärker bemerkbar machen. Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge von 2008 lebten damals rund 42 Prozent der Zuwanderer in Haushalten mit drei und mehr Personen – deutlich mehr als in Haushalten ohne Migrationshintergrund. Durch etwas kleinere Wohnungen und die deutlich größeren Haushalte steht dem Einzelnen auch weniger Wohnfläche zur Verfügung: in Mietwohnungen, Stand 2008, knapp 29 Quadratmeter. Im Klartext: Man hockt enger aufeinander.
Soweit einige fassbare Faktoren. Stellt sich die Frage, ob es tatsächlich noch weitergehende Gründe geben könnte, Mentalitäten, Skepsis bei staatlichen Handlungsvorgaben. „Ich will das nicht total ausschließen“, sagt Rein, „da muss man allerdings überlegen: Wird richtig aufgeklärt?“
Gibt teilweise Luft nach oben, meint Panagiota Jackstadt-Theodorakopoulou, Ärztin aus Mannheim. Jackstadt beteiligt sich an einem Netzwerk griechischstämmiger Mediziner, das in der Rhein-Neckar-Region für eine bessere Corona-Aufklärung griechischstämmiger Menschen sorgen will. Die seien, beispielsweise bei der Frage nach Impfungen, „relativ aufgeschlossen“ – aber das sei nicht bei allen ihren Patienten so. „Meine Praxis ist multikulti“, sagt die Ärztin – und mit Gerüchten über mögliche Gefahren der Impfung sei sie „tagtäglich“ konfrontiert.
Diskussion „trifft den Punkt“
Sie erlebe beispielsweise, dass „Kontaktbeschränkungen nicht wirklich umgesetzt“ werden und wichtige Informationen schon aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nur unzureichend zur Verfügung stünden. Gesundheitsfürsorge und Aufklärung bei Patienten mit Migrationshintergrund, „da ist insgesamt – nicht nur wegen der Pandemie – Handlungsbedarf da“, sagt Jackstadt. Die aktuelle Diskussion über erhöhte Fallzahlen bei Migranten hält sie für notwendig: „Das trifft den Punkt.“
Alleine schon, um einen besseren Informationsfluss anzustoßen. Griechischsprachige Informationen auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts suche man beispielsweise bis heute vergeblich, meint Jackstadt.
Der Ludwigshafener Beirat für Migration und Integration hat gerade ein Internet-Video zur Corona-Aufklärung erstellt – in 20 Sprachen. „Aus Erfahrung“ wisse er, dass einige Gruppen „an die Corona-Seuche nicht so glauben“, sagt der Beirats-Vorsitzende Joannis Chorosis. Dazu informierten sich viele Zugewanderte über Messenger-Dienste wie Telegram, die auch zur Verbreitung von Verschwörungstheorien genutzt werden. „Das Problem ist die Aufklärung“, meint Chorosis – und versucht, über die Repräsentanten der einzelnen Communitys deren Mitglieder zu erreichen, Netzwerkarbeit eben.
Städte wie Köln oder Mannheim versuchen sich momentan an einem weiteren Modell: Impfbusse sind dort in den Stadtvierteln mit hohen Inzidenzzahlen unterwegs. Wenig überraschend sind dies vor allem Viertel mit vielen armen Menschen und einfacher Bausubstanz, Neckarstadt West beispielsweise. In Rheinland-Pfalz wird es Stadtteil-Impfbusse vorerst nicht geben, wie das Landes-Gesundheitsministerium am Donnerstag mitgeteilt hat. Unter anderem das Gebot der Gleichbehandlung spräche dagegen, so das Ministerium.
Die Ludwigshafener Sozialdezernentin Beate Steeg hätte Impfungen in besonders betroffenen Quartieren „durchaus begrüßt“ – und will beim Land noch mal nachfassen, wenn denn in Zukunft mehr Impfstoff zur Verfügung steht. „Ich glaube wir sind uns alle einig: Je schneller wir Menschen geimpft bekommen, desto besser“, sagt sie. Eine Impfzurückhaltung bei Menschen mit Migrationshintergrund erkennt Steeg durchaus – die sei mutmaßlich allerdings nicht der einzige Grund für die vergleichsweise hohen Inzidenzzahlen in der Chemiestadt. Einpendler könnten da laut Steeg eine Rolle spielen, dazu Monteure in unter Umständen überbelegten Unterkünften. Mögliche Brennpunkte des Geschehens, Flüchtlingsunterkünfte beispielsweise, würde die Sozialdezernentin „lieber heute als morgen auflösen“. Das geht nach ihren Angaben aber nicht, zu wenig Wohnraum auf dem Markt.
„Möchte mehr Impfstoff bekommen“
Man wäre in Ludwigshafen schon froh, eine andere, besonders gefährdete Gruppe impfen zu können, Obdachlose nämlich. Die Landesregierung hat bereits angekündigt, sie wolle „Johnson & Johnson“-Impfdosen für jene Menschen bereitstellen, das Mittel muss nur einmal verimpft werden. „Wir stehen in den Startlöchern“, sagt Peter Uebel, Stadtrat (CDU) und als Internist Mitbegründer der Initiative „Street Doc“, die sich um die medizinische Basisversorgung armer Menschen müht.
Aktuell wird allerdings gerade die Verträglichkeit des Impfstoffs diskutiert. Und angekommen ist er in Ludwigshafen noch nicht – genauso wenig wie in Kaiserslautern. Auch dort hatte man sich Anfang der Woche noch vorstellen können, „ähnlich wie etwa in Köln mobile Impfteams vor Ort zu bringen“, so die städtische Pressestelle auf Anfrage. Weiter geplant seien – Stand Mittwoch – dagegen die Johnson & Johnson-Impfungen im Bereich der städtischen Schlichtwohnungen und der Flüchtlingsunterkünfte. Inzidenzzahlen nach Stadtteilen liegen in Kaiserslautern nicht vor.
„Ich möchte mehr Impfstoff bekommen“, sagt die Ludwigshafener Sozialdezernentin Steeg. Was das Grundparadox der Debatte anklingen lässt: Man kann breit über Impfskepsis bei Migranten diskutieren – solange nicht genügend Impfstoff da ist, bleibt das höchst hypothetisch. Vielleicht strebt das Problem, so es denn eines ist, aber sowieso seiner Lösung entgegen. Joannis Chorosis kann sich vorstellen, dass gen Sommer die Impfbereitschaft auch unter Migranten steigt – weil ohne Impfung vielleicht kein Sommerurlaub in den Herkunftsländern möglich ist. Und dann genügend Impfstoff da ist.