Mannheim
Mehr Grün für die Stadt der Zukunft: Veranstaltungen mit Architekturvisionen
Nicht in einem Park, auf offener Bühne, sondern in einem anderen, geteilten Raum findet der dritte Vortrag aus der Veranstaltungsreihe „Möglichkeitsraum Stadt. Mannheim nach der Krise“ in Corona-Zeiten natürlich statt: dem Internet. Die Zuschauer sitzen zuhause vor ihren Bildschirmen, statt irgendwo zusammen im Grünen. „Das nervt auch irgendwann“, sagt Reiner Nagel. Der Vorsitzende der Bundesstiftung Baukultur zeigt auf, dass mit der Verlagerung von Arbeiten, Lernen und Freizeit in virtuelle Welten der Drang nach frischer Luft und realer Erfahrung umso größer wird. Nach der Wohnung sind öffentliche Räume, der Spaziergang am Rhein oder im Wald schließlich zu den wichtigsten Ablenkungen im Lockdown-Alltag geworden.
Das Auto als übermächtiger Stadtbewohner
Ein Trend, der nicht erst mit Corona geboren, aber intensiviert wurde. „Öffentliche Räume sind demokratische Orte, die im Kontrast zu privaten Rückzugsräumen stehen“, betont Nagel. Damit sind aber nicht nur die Schokoladenseiten wie belebte Plätze, grüne Parks, schicke Uferpromenaden oder in Mannheim der Wasserturm mit seinen Instagram-tauglichen Arkaden gemeint. Im Grunde fangen die sozialen Aufenthaltsorte schon vor der eigenen Haustür an. Dort treffen Fußgänger auf einen übermächtigen, raumeinnehmenden Stadtbewohner: das Auto. Und das starke Gefährt macht dem unterlegenen Passanten das Leben auf dem Bürgersteig mit Gehwegparken, Warteampeln und Umwegen nicht gerade attraktiv.
„Es geht nicht darum, autofreie, sondern autoärmere Städte zu entwickeln“, zeigt Nagel auf, dass bei der Henne-Ei-Debatte um Verkehrs-, Bewegungs- und Aufenthaltsalternativen diese auch angeboten und möglichst reizvoll gestaltet werden müssen.
Der Weg ist also im wahrsten Sinne das Ziel. Beispiel Bahnhofsvorplätze: Würden diese oft vernachlässigten, öffentliche Räume attraktiver, steigere das auch ihren Nutzen. „Lage, Lage, Parkanlage“, baut der Stadtplaner eine alte Immobilienweisheit um, und plädiert für eine optische Aufwertung der urbanen Lebenswelten.
Blumenkübel im Betondschungel
Alte Räume neu besetzen, und ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Status quo nicht auf ewig in Stein gemeißelt ist: In München nutzte das „Referat für Stadtverbesserung“, eine Gruppe von Urbanistik-Studenten, die Gunst der Lockdown-Stunde, und verwandelte eine Teilstrecke der sonst stark befahrenen Schwanthalerstraße unweit des Hauptbahnhofes in einen Erlebnisparcours, in einen Betondschungel der anderen Art. Blumenkübel wurde aufgestellt, Rad- und Fußwege eingezeichnet, Konzerte veranstaltet und das Auto vorübergehend ausgesperrt. „Es wurde gezeigt, was alles möglich wäre. Es wurde ein neues Stadt- und Raumgefühl geschaffen“, verrät Maximilian Steverding.
Ein mögliches Vorbild für Mannheim? Ab Sommer werden schließlich die Kunststraße sowie die Fressgasse ein Jahr lang zur autofreien Zone erklärt. „Aber es nützt nichts, die Straßen nur zu sperren, es müssen auch Attraktionen geschaffen werden“, findet der Referent, und sieht wie sein Stadtplanerkollege Reiner Nagel vor allem mit der Bundesgartenschau 2023 eine große Chance auf die Quadratestadt zukommen. Wenn Aufenthaltsorte entzerrt werden, sich nicht alles auf die Innenstadt fokussiert, sondern neue, grüne Raume erschlossen und eher unbekannte Plätze neu entdeckt werden. Wie die U-Halle im Spinelli-Gelände oder der Taylor-Park auf dem ehemaligen US-Areal.
Wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte
Wie stellt man sich die Stadt der Zukunft vor? In einer Illustration des französischen Künstlers Pierre Mion aus dem Jahr 1969 sieht man futuristische, autonome Fahrzeuge, Wolkenkratzer und viel künstliches Licht. Aber kaum Menschen im Freien und keinen einzigen Baum. „Aus der Utopie ist eine Dystopie geworden“, sagt Nagel. Heute würde man das Bild wohl mit reichlich grüner Farbe überzeichnen. Für den Stadtplaner ist das fast noch zu wenig. „Eine Stadt ist nie zu Ende gebaut, öffentliche Räume lassen Inszenierungen, Dramaturgie und Experimente zu. Was gut funktioniert, kann bleiben, anderes fällt wieder weg“, fordert er bei der Rückeroberung öffentlicher Räume mehr Mut.