Ludwigshafen
Mannheim versus Ludwigshafen: Künstler Arne Schmitt vergleicht Städte
Städtebauliche Sünden, Nachkriegsarchitektur, die uns nach Jahrzehnten auf die Füße fällt, Probleme mit maroden Bauwerken: Es klingt, als habe Arne Schmitt zwangsläufig nach Ludwigshafen kommen müssen. Meint man zumindest in Ludwigshafen. Stimmt aber nicht. „Mich faszinieren sehr viele deutsche Städte“, sagte er am Freitag bei einem Presserundgang durch die Ausstellung. „Und dabei gehe ich nicht von aktuellen Ereignissen aus. Dafür arbeite ich auch zu langsam.“
Tatsächlich ist die 2018 entstandene, 16 Minuten lange Video-Installation „Stadt-Gegenstadt“, die in Ludwigshafen und Mannheim spielt, eine eher zeitlose Arbeit. Ausgangspunkt war ein Essay Ernst Blochs aus dem Jahr 1928, in dem er die als „Anhängsel der BASF“ gewachsene Arbeiterstadt Ludwigshafen (seine Heimat) und die Residenzstadt Mannheim einander gegenüberstellte. Schmitt ergänzt Zitate aus dem Essay mit aktuellen, selbst gedrehten Aufnahmen der beiden Städte: das Barockschloss und der Wasserturm versus Luftaufnahmen der Ludwigshafener Innenstadt. Es ist eine sehr subjektive Sicht der Städte und der Dinge.
Im gleichen Raum auf der obersten Ebene der Scharpf-Galerie ist ein Video zu sehen, das Schmitt im Archiv der BASF gefunden hat: ein 30 Minuten langer Film mit dem Titel „Der heiße Frieden“ aus dem Jahr 1965, in dem der Schauspieler Charles Regnier in – wie man heute sagen würde – Alter-Weißer-Mann-Manier die Welt erklärt, ein paar naturwissenschaftliche Zusammenhänge und nebenbei die Ideologie von einer Marktwirtschaft, die automatisch das Beste für die Menschen bedeutet. Dieser Imagefilm inspirierte Schmitt schon zu einem Beitrag für die Biennale für aktuelle Fotografie 2017/2018. Seine Serie mit Fotos von BASF-Gebäuden war damals im Ludwigshafener Kunstverein zu sehen. Er hat für diese Arbeiten den mit 30.000 Euro hoch dotierten Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen bekommen.
Die Arbeit, die im Mittelpunkt der neuen Ausstellung steht, spielt in München und trägt den Titel „Zeichen der Zeit. Zur Geschichte eines geschichtslosen Gebiets genannt Parkstadt Schwabing (2019)“. Es ist ein etwas sperriger Titel für eine ebensolche Arbeit, die gleichzeitig sehr viel darüber erzählt, wie der 35-Jährige arbeitet, welche künstlerische Position er vertritt, auch: wie er denkt.
Ausgangspunkt war für Arne Schmitt, der in Leipzig und Brüssel Fotografie studiert hat, die Arbeit des rund 30 Jahre älteren Kollegen Joachim Brohm. An dessen Dokumentation der Entwicklung eines großen Gewerbegebiets in München-Schwabing knüpfte Schmitt an und untersuchte sie „unter ökonomischen, gesellschaftlichen und architektonischen Gesichtspunkten“ – und nicht ohne „Schwachstellen und Wunden“ aufzuzeigen, wie Kuratorin Astrid Ihle sagte. Schmitt selbst sprach von „Tiefenbohrungen“. Bevor er selbst zu fotografieren begann, recherchierte er Stunden um Stunden in städtischen und Zeitungsarchiven, sah sich Fotos, Filme und Zeitungsartikel an und vergrub sich ein halbes Jahr lang in unendlich viel Material. Eine Essenz daraus eröffnet die Ausstellung: Historische Texte und Bilder sind einander gegenübergestellt. Im ersten Stock zeigt er, was aus dem Gewerbegebiet geworden ist und offenbart eine distanziert-kritische Haltung dazu: indem er austauschbare Firmenlogos den Straßenschildern gegenüberstellt, auf denen die Namen bedeutender Bauhaus-Architekten zu lesen sind. Aus einem Lautsprecher ist derweil von oben die Stimme einer Sprecherin zu hören, die eine kurze wirtschaftstheoretische Abhandlung bietet. Man braucht etwas Zeit, um sich auf all das einzulassen. Aber es lohnt sich.
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