Ludwigshafen
Mannheim: RHEINPFALZ-Leser entdecken weltweit einzigartige Kutschensammlung
Sommertour (2): Unscheinbare Klinkerziegel verbergen von außen eines der am besten gehüteten Geheimnisse Mannheims. 20 RHEINPFALZ-Leser konnten die weltweit größte private Kutschensammlung besichtigen. Verwalter Hans-Werner Hamacher führte durch die von Bauunternehmer Heinz Scheidel zusammengetragene Sammlung. Es gab dabei viel Überraschendes zu sehen.
„Noch mehr Kutschen“ – nach gut zwei Stunden staunte nicht nur Ursula Bauer, dass auch im nächsten Raum noch Zwei- und Vierspänner, geschlossene Kutschen und Coupés auf die kleine Besuchergruppe warteten. „Wir haben etwa 560 Kutschen hier stehen“, beantwortete Hamacher die Frage nach der Anzahl der pferdegezogenen Fahrzeuge auf rund 10.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Damit hatten die wenigsten gerechnet. „Ich wusste gar nicht, dass es sowas in Mannheim gibt“, staunte Sonja Regenauer aus Otterstadt.
Wenige Stunden davor hatten sich die Leser erwartungsvoll vor dem Eingang in Mannheim-Neckarau im ehemaligen Industriekomplex der Mannheimer Seilwolff-Werke versammelt. Für Ralf Vondung war es die erste von zwei Sommertouren mit der RHEINPFALZ in diesem Jahr. Allerdings aus unterschiedlichen Blickwinkeln. „Nächste Woche bin ich wieder bei der Hafenrundfahrt dabei – allerdings als Bootsführer“, sagte der Ludwigshafener. Die Kutschensammlung hatte es ihm angetan. „Ich habe sie vor ungefähr 20 Jahren schon einmal gesehen.“ Deshalb hatte er sich, wie alle anderen auch, beworben, und war unter knapp 50 Lesern für einen der begehrten Plätze ausgelost worden. Von der Sammlung aber auch vom gesamten Umfeld zeigte er sich, wie alle anderen Teilnehmer, entsprechend beeindruckt.
Weltweit einzigartige Sammlung
„Wir befinden uns hier in einer Privatsammlung. Es ist sozusagen das Wohnzimmer von Heinz Scheidel“, hatte Hamacher zu Beginn der Führung erklärt. Eine einzigartige Sammlung, betonte der Verwalter. „Es gibt weltweit nichts Vergleichbares.“ Das müssen auch Gäste aus Amerika hin und wieder feststellen, die von der Größe und Großartigkeit ihres Heimatlandes überzeugt sind. „Wenn sie die Sammlung gesehen haben, sind sie in der Regel ganz schön kleinlaut.“
Aus Ludwigshafener Sicht begann die Führung gleich mit einem kleinen Höhepunkt: Den „Eiswagen“, mit dem die „Pfälzischen Eiswerke, Gebr. Kleinböhl KG“ Stangeneis von der Großen Blies zur Kühlung durch Ludwigshafen transportiert hatten, kannten einige noch aus der Kindheit. „Wir sind damals dem Wagen auf der Straße hinterher und der Kutscher hat uns manchmal das zerbrochene Eis geschenkt“, erinnerte sich Elvira John.
Mit einer kleinen Ponykutsche fing alles an
Gebrauchskutschen bildeten den Auftakt der Führung. „Diese Kutschen waren die Mobilität in den Städten und sie sind besonders schwer zu finden“, erklärte der Fachmann. „Mit der Umstellung auf das Automobil wurden diese Gebrauchsfahrzeuge aus Platzgründen oft genug einfach zusammengeschlagen und verfeuert.“ Transportfahrzeuge für Backwaren, fahrende Metzger, und natürlich ein Feuerwehrfahrzeug – sie alle stehen gleich hinter dem Empfangsraum. Die „K1“ geht beinahe ein wenig unter. Dabei bildete die kleine Ponykutsche den Kern für alles, was danach kam. „Die hat Heinz Scheidel als 16-Jähriger erworben.“ Im Lauf der knapp 60 Jahre danach seien einfach noch „ein paar“ hinzugekommen.
Die Sammlung ist thematisch geordnet. So folgen die „Cabs“ – zwei- und vierspännige Taxis, die durch Großstädte fuhren und ein ganz eigenes Problem verursachten: „In London waren um das Jahr 1900 täglich bis zu 50.000 Pferde unterwegs, die im Schnitt 15 Kilogramm Mist produzierten, das macht stolze 750 Tonnen Pferdedung pro Tag“, zitierte Hamacher aus einem zeitgenössischen Zeitungsartikel. Außerdem sei hin und wieder ein Tier auf der Straße verendet und lag dann oft tagelang herum bis zu seiner Entsorgung. „Man kann sich vorstellen, wie es damals in den Straßen von London, Paris oder auch Berlin gestunken hat.“
Woher der Name Landauer kommt
Nach der großen weiten Welt gab’s einen Exkurs in pfälzische Heimatkunde. „Das Kutschenmodell Landauer hat tatsächlich etwas mit Landau zu tun. Allerdings wurden die Kutschen dort weder gebaut noch entworfen, sondern sie wurden speziell für eine Inspektionsfahrt des Habsburger-Herrscherhauses zu den Regimentern in der Pfalz entwickelt und sollten zugleich bequem aber auch für alle Wetter vielseitig sein.“
Das und noch vieles mehr erfuhren die Besucher in rund zweieinhalb Stunden, die wie im Fluge vergingen. „Wir waren erst zögerlich, aber wir haben den Besuch nicht bereut“, sagte Hermann Mattern aus Mutterstadt. Sonja Regenauer aus Otterstadt strahlte: „Es ist toll, dass uns die RHEINPFALZ diesen Besuch ermöglicht hat.“ Und Ursula Bauer hätte sich am liebsten gleich für die nächste Führung angemeldet. Doch so einfach ist das nicht, denn die Privaträume von Heinz Scheidel sind nur hin und wieder für Besucher geöffnet.