Ludwigshafen
Ludwigshafener Serie „Abgerissen“: Wohnbauprojekte von GAG und BASF
Der Architekt und Baumeister Markus Sternlieb hat an vielen Stellen in Ludwigshafen seine Handschrift hinterlassen. So gehen etwa die Ebertsiedlung in Friesenheim, die Westendsiedlung in Mitte und die Christian-Weiß-Siedlung in Süd auf ihn zurück. Damit schuf der technische Vorstand der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GAG zwischen 1927 und 1931 gleich drei große Quartiere mit 1170 Wohnungen.
Für Sternlieb war die Christian-Weiß-Siedlung das letzte Großprojekt: Der Spatenstich fand im November 1930 statt, erste Wohnungen waren bereits im August 1931 bezugsfertig. Der zweite Bauabschnitt startete im April 1931, im November konnten die Wohnungen bezogen werden.
Die vier bogenförmig angeordneten Häuserzeilen auf dem Areal zwischen Saarland-, Sebastian-Bach- und Kurfürstenstraße waren an den Bauhaus-Stil angelehnt. Die 162 Zwei- und 69 Ein-Zimmer-Wohnungen waren als preiswertes Angebot für Alleinstehende und Paare gedacht und galten damals als wegweisend und modern. Schließlich verfügte jede Wohnung in der Vorzeige-Siedlung über Bad und Küche.
Wegen Bausubstanz für Abriss entschieden
Sternlieb wählte die bogenförmige Ausrichtung der Siedlung bewusst, um alle Wohn- und Schlafräume mit genügend Sonneneinstrahlung zu versorgen. „Diese rein sachlichen Erwägungen haben zu einer neuartigen und hübschen Gliederung der ganzen Baugruppe geführt, die noch durch die farbige Behandlung der Fassaden – in Rotbraun und Hellrosa – gesteigert wurde“, zeigte er sich in der Pfälzischen Post vom 31. Oktober 1931 zufrieden mit seinem Entwurf.
Während die Ebert- und Westendsiedlung in den vergangenen Jahren umfangreich saniert und modernisiert wurden, entschied sich die GAG bei der Christian-Weiß-Siedlung 2007 für einen Abriss. Der Grund: die Bausubstanz war zu schlecht für eine Sanierung. Außerdem entsprach der Wohnungszuschnitt nicht mehr den Bedürfnissen der Mieter. Der Rückbau erfolgte 2008. Bagger machten die Siedlung dem Erdboden gleich. Das Areal lag danach einige Zeit brach. Im Mai 2016 startete die Neubebauung des Quartiers.
GAG und ein Karlsruher Investor errichteten bis Sommer 2018 insgesamt 163 Mietwohnungen. 23 Millionen Euro hat allein die GAG investiert. An den früheren Stadtbaumeister Markus Sternlieb erinnert nun ein Platz vor den Neubauten. Er war von den Nazis aus dem Amt gedrängt worden, die dafür sorgten, dass der wichtigste Stadtbauer Ludwigshafens lange in Vergessenheit geriet.
Ab 1872 wurde Kolonie gebaut
Länger als die 1920 gegründete GAG ist die BASF im Wohnungsbau für ihre Arbeiter aktiv. Gleichförmige Backsteinhäuser, geometrisch in Reihen angeordnet, umgeben von kleinen Gärten und von „Gartenwegen“ erschlossen – die „Kolonie“ im Hemshof scheint einen direkt zurück ins 19. Jahrhundert zu führen. Ab 1872 wurde die erste Werkssiedlung der BASF direkt vor den Firmentoren errichtet. Es waren einfach ausgestattete Häuser mit einem kleinen Nutzgarten. Die sogenannten Kreuzhäuser beherbergten je vier Wohnungen mit Erdgeschoss und ausgebautem Satteldach. An jeder Giebelseite gab es zwei Eingänge. Auf etwa 70 Quadratmetern standen den Bewohnern zwei Zimmer, eine Kammer, Küche und zwei Kellerräume zur Verfügung.
Um 1900 wurde das Quartier westlich der Leuschnerstraße erweitert. Die Häuser sind hier etwas geräumiger. Größere, zweigeschossige Häuser an den Rändern der Siedlung waren für die „Aufseher“ gedacht. Insgesamt umfasste die Kolonie 384 Arbeiter- und 36 Aufseher-Wohnungen.
Mit Häusern Aniliner ans Werk binden
Was heute idyllisch anmutet, war zum Zeitpunkt des Entstehens etwas Besonders: raus aus den überbelegten Mietskasernen in ein eigenes kleines Haus mit Garten. Und das noch zu günstigen Mietpreisen. Doch nur ein kleiner Anteil der Aniliner kam in den Genuss einer solchen Wohnung. Die BASF wollte mit dem Werkswohnungsbau ihre Mitarbeiter an sich binden. Man befürchtete, dass sonst „tüchtige und verlässliche Arbeiter nicht mehr zu erhalten seien“, wie Friedrich Engelhorn 1871 vermerkte. So beschloss die Firma, „in größerem Umfang Kleinhäuser zu errichten“.
Im Zweiten Weltkrieg wurden auch einige Häuser in der Kolonie zerbombt, die man nach dem Krieg wiederaufbaute. In den 1960er Jahren ließ die BASF dann rund die Hälfte der alten Arbeiterhäuser abreißen, um auf der großen Freifläche einen Parkplatz anzulegen. Das Quartier umfasst heute mehrere Straßen mit 66 Einzelgebäuden und unterschiedliche Typen von Häusern westlich und östlich der Leuschnerstraße. Die Gebäude östlich der Leuschnerstraße hat die „BASF Wohnen + Bauen“ zwischen 2007 und 2015 unter Beachtung des Denkmalschutzes modernisiert und energietechnisch auf Stand gebracht. Die Gebäude westlich der Leuschnerstraße wurden den Mietern zum Kauf angeboten.
Die Serie