Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafener Serie „Abgerissen“: Warum „Gustav“ und „Ludwig“ weichen mussten

Mit ihrem Farbanstrich waren die Kugeln ein Blickfang.
Mit ihrem Farbanstrich waren die Kugeln ein Blickfang.

Manchmal werden Nutzbauten zu Wahrzeichen. Die beiden Hochdruck-Kugelgasbehälter in Ludwigshafen waren zum Zeitpunkt ihres Baus die größten der Welt. Doch Jahrzehnte später wurden sie nicht mehr gebraucht. In kurzer Zeit verschwanden die beiden Kugeln aus dem Stadtbild. Sie sind ein Stück Energiegeschichte.

Eine Stadt braucht eine Versorgung mit Gas, Wasser, Strom und Fernwärme. Von 1892 bis 1934 versorgte das städtische Gaswerk Ludwigshafen mit Gas, bevor die Stadt an das Fernleitungsnetz angeschlossen wurde. Eine wichtige Rolle hatten „Ludwig“ und „Gustav“, die beiden großen Gaskugeln. Doch die sind mittlerweile auch Geschichte.

Nach einem Betriebsschaden im ersten Ludwigshafener Gaswerk 1888, das sich in der Nähe des heutigen Hauptbahnhofs befand, beschloss der Stadtrat im März 1890, eine neue städtische Gasfabrik zu bauen. Eine Reparatur lohnte sich nicht mehr. Das alte Gaswerk war zudem zu klein geworden, stieg doch der Bedarf an Stadtgas in der immer größer werdenden Stadt stark an.

Heute noch Standort für Energieversorgung

Das neue Gaswerk wurde auf einem Grundstück neben der Ludwigsbahn erbaut, das die Stadt 1889 gekauft hatte. Bis heute wird der Standort für die Energieversorgung genutzt: Hier befindet sich das Müllheizkraftwerk in Ludwigshafen. Damals lag der Bauplatz weit außerhalb der Bebauung, quasi im Nichts. Die Industriestraße, die heute an der Anlage vorbeiführt, gab es noch nicht, war aber bereits geplant.

Das neue Gaswerk wurde auf einem Grundstück neben der Ludwigsbahn erbaut, das die Stadt 1889 gekauft hatte. Bis heute wird der Standort für die Energieversorgung genutzt: Hier befindet sich das Gemeinschafts-Müllheizkraftwerk Ludwigshafen GmbH, kurz GML. Damals lag der Bauplatz weit außerhalb der Bebauung, quasi im Nichts. Die Industriestraße, die heute an der Anlage vorbeiführt, gab es auch noch nicht. Sie war aber bereits geplant.

Neues Gaswerk öffnet 1892

Im März 1891 starteten die Bauarbeiten, im Oktober 1891 begann der Ofenbau. Im Juli 1892 ist es dann so weit: Das neue Gaswerk ging ans Netz und verbuchte steigende Absatzzahlen. Immer mehr Haushalte wurden an das städtische Gasnetz angeschlossen, die BASF verbrauchte mehr Gas und auch die gasbetriebene Straßenbeleuchtung wurde ausgebaut. 1900 produzierte das Gaswerk fast 3,8 Millionen Kubikmeter Gas, von denen die BASF 31 Prozent verbrauchte. Private Haushalte verbrauchten für Licht, Heizen und Kochen 35 Prozent.

Die Jahresleistung des Gaswerks wuchs so rasant, dass es Gaswerk mehrfach erweitert wurde – neben dem ersten Gasometer, der 5800 Kubikmeter fasste, wurde 1901 ein zweiter Gasometer gebaut, der 20.000 Kubikmeter Volumen hatte. Ende 1903 ging die Wassergasanlage in Betrieb, die eine günstigere Möglichkeit der Gasherstellung bot.

Nazis führen Ferngas ein

Unter den Nationalsozialisten wurden ab 1933 die letzten Jahre der kommunalen Gasversorgung eingeläutet, denn die neuen Machthaber wollten den Gasüberschuss der saarländischen Kokereien über eine Ferngasleitung bis an den Rhein führen und damit auch Ludwigshafen versorgen. Oberbürgermeister Fritz Ecarius wollte die Eigenständigkeit des Ludwigshafener Gaswerks erhalten, doch letztendlich siegten die Nazis. Ende 1935 begann die Stilllegung des Gaswerks. Im April 1936 wurde es abgeschaltet. Ludwigshafen wird seitdem mit Ferngas versorgt – bis heute.

Die Gebäude mit den beiden markanten Gasometern überdauerten den Weltkrieg. Sie wurden Ende der 1950er Jahre abgerissen, um Platz für ein neues Verwaltungsgebäude der Stadtwerke und ein zentrales Fernheizkraftwerk zu schaffen, 1967 kam die Müllverbrennungsanlage hinzu.

Gaskugeln mit speziellen Namen

„Gustav“ und „Ludwig“ hießen die beiden Gas-Kugelbehälter an der Wollstraße. Seit 1954 waren sie ein Blickfang, ein Wahrzeichen von Ludwigshafen, und laut Technischen Werken Ludwigshafen (TWL) damals die größten Hochdruck-Kugelgasbehälter der Welt. 1953 beschloss der Stadtrat ihren Bau, um die Gasversorgung zu sichern und Druckabfälle und Störungen im Ferngasnetz aufzufangen. Jede Kugel hatte einem Durchmesser von 23 Metern und fasste 50.000 Kubikmeter Gas. Ihre Namen erhielten sie nach dem Herstellungsort, dem MAN-Werk Gustavsburg in Hessen, und ihrem Standort in Ludwigshafen.

1995 erhielten „Gustav“ und „Ludwig“ einen farbenfrohen Anstrich und grüßten so täglich unzählige Autofahrer auf der nahen A 650. Ab 2014 standen die Erdgasspeicher leer. Grund: Für eine gleichmäßige Gasversorgung sorgen heute große unterirdische Gasspeicher, sodass die Absicherung vor Ort nicht mehr gebraucht wurde. Die TWL beschlossen aus wirtschaftlichen Gründen den Abriss, der im Januar 2016 begann. Stahlplatte um Stahlplatte wurden die beiden Kugeln zurückgebaut, schon Ende Februar waren „Ludwig“ und „Gustav“ Geschichte.

Die Serie

Ludwigshafen wandelt sich ständig. Neue Wahrzeichen entstehen, alte prägnante Gebäude verschwinden. In der Serie „Abgerissen“ zeichnen wir den Wandel nach.

Zu Sache: Stadtgas

Stadtgas war ein seit der Mitte des 19. Jahrhunderts häufig verwendeter Brennstoff, der in der Regel in den Städten durch Kohlevergasung hergestellt wurde. Dabei wird Kohle unter Luftausschluss und ohne Wasser erhitzt. Es wurde zum Betreiben von Gasherden und Gasdurchlauferhitzern sowie zur Beleuchtung von Straßen und Wohnungen verwendet. Vor allem die BASF war ein großer Abnehmer von Stadtgas. Ab den 1930er-Jahren wurde Stadtgas in Deutschland nach und nach durch Ferngas ersetzt, das wir bis heute verwenden. Bei Ferngas handelt es sich um Erdgas, das durch Pipelines zum Beispiel aus Russland zu uns kommt. Im Gegensatz zu Erdgas ist Stadtgas sehr giftig. Es kam daher früher häufig zu Kohlenmonoxid-Vergiftungen. Stadtgas ist auch klimaschädlicher als Erdgas, da bei der Produktion große Mengen von Kohlendioxid (CO2) entstehen.

Die beiden Gas-Kugelbehälter wurden 2016 demontiert.
Die beiden Gas-Kugelbehälter wurden 2016 demontiert.
x