Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafener Ruderverein bei Olympia am erfolgreichsten

Alois Bierl gewann bei den Spielen 1972 Gold.
Alois Bierl gewann bei den Spielen 1972 Gold.

Gemessen an Erfolgen bei Olympischen Spielen ist der Ludwigshafener Ruderverein der erfolgreichste Sportverein der Stadt. 1912, 1936 und 1972 brachten die LRV-Ruderer jeweils Olympia-Gold mit nach Hause. Und auch sonst kann sich die Erfolgsliste sehen lassen.

Seine Majestät hatte eine positive Vorahnung: Wenige Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele 1912 in Stockholm gab Kaiser Wilhelm II. dem Vierer mit Steuermann des Ludwigshafener Rudervereins von 1878 in Berlin-Grünau einen Empfang und überreichte den fünf Sportlern aus der Pfalz den „Kaiserpreis“ für ihren Sieg bei der Olympia-Qualifikation bei der traditionellen Berliner Regatta. Am 19. Juli 1912 sollte sich seine Vorahnung bewahrheiten: Der LRV-Vierer mit dem Kaufmann Albert Arnheiter, der am nächsten Tag seinen 22. Geburtstag feierte, mit dem Stadtschreiber Rudolf Fickeisen (27), dem Wasserwerk-Assistenten und fünfmaligen deutschen Meister Otto Fickeisen (33) und dem Volksschullehrer und sechsmaligen Titelträger Hermann Wilker (38) gewann mit Otto Maier (25) als Steuermann als erste Mannschaft des Deutschen Ruderverbandes und der Stadt Ludwigshafen die Olympische Goldmedaille vor England – die noch junge Chemiestadt am Rhein stand Kopf.

Die frohe Botschaft aus Schweden verbreitete sich in Ludwigshafen wie ein Lauffeuer, als die Tageszeitung „Pfälzische Rundschau“ in einem Fenster in der Amtsstraße die telegrafische Siegesmeldung aushängte. „Alt und Jung jubelte über unsere wackeren Helden, die mit ihrem Sieg über die englische Mannschaft die Augen der ganzen Sportwelt auf sich gerichtet haben,“ freuten sich die „Rundschau“-Journalisten vor mehr als 110 Jahren in einem vierspaltigen Artikel auf der Titelseite der Ausgabe vom 21. Juli 1912. Ein „Extrablatt“ der Zeitung mit dem ersten Bericht vom Goldfinale für die Ludwigshafener Ruderer fand reißenden Absatz.

Derweil bereiteten sich die Verantwortlichen des Ludwigshafener Rudervereins auf einen würdigen Empfang ihrer „Goldjungs“ vor. Das Bootshaus des Vereins am Rhein wurde illuminiert und lockte Hunderte begeisterter Sportfans an. Mehr als 160 Glückwunsch-Depeschen landeten im LRV-Clubhaus, wo der damalige Vereinsvorsitzende Wilhelm Johann – so die Zeitung – „eine kernige Rede“ hielt. Prinzregent Luitpold und Prinz Ludwig von Bayern, dessen Namen das Siegerboot in Stockholm trug, waren telegrafisch über den Erfolg der Ludwigshafener informiert worden und gratulierten ebenfalls auf diesem Weg. Prinzregent Luitpold, damals Chef der Königlich-Bayerischen Regierung in München, ließ durch seinen Generaladjutanten Peter Ritter von Wiedenmann telegrafieren: „Seine Königliche Hoheit der Prinzregent lassen für die Meldung bestens danken und der Mannschaft zu dem errungenen Sieg Allerhöchst ihren Glückwunsch übermitteln.“

Triumphaler Empfang 1912

Den „Helden von Stockholm“ bereitete schließlich auch ihre Heimatstadt Ludwigshafen einen triumphalen Empfang. Am 23. Juli 1912 gestaltete sich die Empfangsfeier nach Darstellung des damaligen Bürgermeisteramtes von OB Friedrich Krafft zu einer „Kundgebung, wie sie in hiesiger Stadt in dieser Art noch nicht stattfand“. Nach einem Empfang am Bahnhof gegen 22 Uhr durch „eine ungeheure Menschenmenge“ bewegte sich ein Festzug mit den Ruderclubs von Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg, Worms und Speyer sowie sämtlichen Turn- und Sportvereinen der Stadt, der Feuerwehr, der Sanitätskolonne und der Jugendwehr durch die mit 2500 bunten Lampions festlich geschmückten Straßen. Bei einem anschließenden Begrüßungsbankett im Festsaal des Bürgerbräus machte OB Krafft dem LRV ein neues Viererboot zum Geschenk – der Stadtrat bewilligte einen Reisezuschuss von 500 Mark.

Die Goldmedaille von Stockholm war dabei nicht die erste Olympia-Auszeichnung für die Ludwigshafener Ruderer. Sie hatten bereits im Jahr 1900 bei den Spielen in Paris in der Besetzung Ernst Felle, Carl Lehle, Otto Fickeisen, Hermann Wilker und Steuermann Franz Kröwerath bei der ersten Olympischen Regatta die Bronzemedaille gewonnen. Nach dem Gold von 1912 erwies sich Hermann Wilker als bescheidener Gewinner: „Der Sieger darf den Gegner nicht vergessen“, würdigte er bei einer späteren Schilderung des Rennverlaufs auch den Auftritt der unterlegenen Engländer, „die Leute haben ihr Letztes hergegeben, obwohl ihr Vierer schon nach tausend Metern keine Chance auf den Sieg mehr hatte“.

Das Olympia-Gold von 1912 war nicht das einzige für den Ludwigshafener Ruderverein. 1936 in Berlin saß Paul Söllner im Vierer-Sieger mit Steuermann der Renngemeinschaft mit der Mannheimer Amicitia und 1972 in München gehörte Alois Bierl dem legendären „Bodensee-Vierer“ an, der seinem WM-Gold von 1970 in Kanada das Olympia-Gold im eigenen Land hinzufügte. Zweimal nahm auch Winfried Ringwald, jahrelang LRV-Vorsitzender und Chef des Ludwigshafener Sportverbandes, an Olympischen Spielen teil. 1972 wurde er im deutschen Achter Fünfter, 1976 im Zweier Achter. Ringwald freut sich über die Medaillenflut für seinen Verein: „Wir sind damit der erfolgreichste Ludwigshafener Sportverein – dreimal Olympia-Gold schaffte bisher noch keiner und wird es wohl auch in Zukunft keiner erreichen.“

Medaillen bei WM und EM

Dreimal nahmen LRV-Ruderer auch an Olympischen Spielen als „Ersatzleute“ teil: Hans Gelbert 1932 in Los Angeles, Alois Bierl 1968 in Mexico und Andrea Klapheck 1996 in Atlanta. Der LRV sammelte zudem bei mehreren Weltmeisterschaften Edelmetall. Gold gab es in verschiedenen Bootsgattungen für Bierl 1970, Andrea Klapheck 1994 und Karin Stephan 2000. Silber holten Bierl/Ringwald 1978 im fernen Neuseeland, Roland Ehrenfels 1988 und Karin Stephan 1998. Dritte Plätze und damit Bronze veredelten den WM-Einsatz von Ringwald 1977, Klapheck 1993 und Marie-Christine Gerhardt 2019.

Der fünfmalige internationale deutsche Meister Bierl sicherte sich mit Ringwald obendrein 1973 bei den Europameisterschaften eine Bronzemedaille. In vergangenen Jahr ruderte Eva Hohoff im Leichtgewichts-Zweier bei der WM in Racice mit Sophia Wolf auf den dritten Platz. Im vergangenen Jahr war Hohoff bereits mit dem Leichtgewichts-Doppelvierer U23-Vize-Weltmeisterin geworden.

Winfried Ringwald war zweimal bei Olympia dabei.
Winfried Ringwald war zweimal bei Olympia dabei.
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