Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Wenn Bauprojekte aus dem Ruder laufen

Die neue S-Bahn an einem der ausgebauten Haltepunkte auf dem Werksgelände.
Die neue S-Bahn an einem der ausgebauten Haltepunkte auf dem Werksgelände.

Berliner Flugplatz, Stuttgarter Bahnhof, Hamburger Elbphilharmonie: In vielen Städten laufen Bauprojekte aus dem Ruder. Das gilt auch für Ludwigshafen. Wie machtlos dabei die Politiker letztlich sind, zeigt das Beispiel S-Bahn zur BASF. Denn trotz aller Proteste ist der städtische Anteil um das Neunfache gestiegen. Eine Spurensuche.

„Das alles ist schon heftig.“ SPD-Urgestein Hans Mindl (72) legt nur kurz den Hörer zur Seite und holt sich den Aktenordner. Hier hält der Stadtrat seit Sommer 2011 akribisch fest, was sich beim Thema Elektrifizierung der S-Bahn vom Hauptbahnhof zur BASF tut. Die reinen Zahlen sind erschreckend. Denn die Stadt startete am 22. August 2011 mit einem Ansatz von 630.000 Euro. Seit Dezember fahren die neuen Bahnen. Die Endabrechnung beginnt also – und besagt: Mittlerweile muss die Stadt 5,6 Millionen Euro beisteuern. „Das ist ein Fass ohne Boden“, räumt der Genosse offen ein. Denn beinahe im Jahresrhythmus sind die Kosten gestiegen. Er hat daher in vielen Sitzungen gemeckert, Fragen gestellt, den Finger in die Wunde gelegt – und am Ende doch zugestimmt. „Es ist ja ein gutes und wichtiges Projekt, die Stadt kann nichts für die Kostensteigerungen“, bekennt der SPD-Politiker. Am Montag wird er sich wohl wieder zu Wort melden, wenn der Stadtrat die jüngste Kostensteigerung – 1,4 Millionen Euro mehr als noch im Herbst 2017 – absegnen soll. Und abermals zustimmen. Mit Bauchschmerzen, wie Mindl betont. „Was kommt denn da noch?“, fragt er – und ergänzt: „Die Baufirmen können noch vier Jahre lang Nachforderungen stellen.“ Mindl zeigt sich ein Stück weit ratlos: „Es heißt immer, die Ausschreibungen ergeben diese Preise.“

Schwierigkeiten im Projekt

Damit ist der Ball im Feld des Verkehrsverbunds Rhein-Neckar (VRN), der das Projekt federführend im Auftrag der DB Netz AG betreut hat. Und ein VRN-Sprecher zählt zur Begründung des Anstiegs auch brav „Mehrkosten und Nachträge der Baufirmen, die erst durch die Mehraufwendungen während der Bauphase in 2018 entstanden sind“, auf. Konkret räumt der Sprecher auf Nachfrage dann ein, dass es „höhere Marktpreise“ gegeben habe. Zudem hätten sich im Projekt ein paar Schwierigkeiten ergeben: So musste in einem Tunnel Asbest beseitigt und entsorgt werden. Ohnehin haben sich die Arbeiten im Tunnel als aufwendiger als gedacht herausgestellt – was das Ganze halt teurer macht. Gleiches gilt für die höheren Auflagen bei der Leit- und Sicherungstechnik. Werner Schreiner vom VRN kennt das Gegrummel an der politischen Basis. Der Bahnexperte musste 2017 deshalb sogar zweimal nacheinander in den städtischen Gremien Rede und Antwort stehen. Den genervten und zum Teil entsetzten Politikern rechnete er mit Blick auf den damals zu verteidigenden Kostenanstieg vor, dass für die Bauarbeiten vor allem drei große Firmen in Frage kommen. Entsprechend gestalteten sich die Preise, so Schreiner. Das sei deutschlandweit ein Problem bei Nahverkehrsprojekten. Das ist eine Erklärung, für die Ludwigshafener aber ein schwacher Trost. „Eigentlich nicht hinnehmbar“, beklagte Mindl damals. Constanze Kraus (CDU) bekannte: „Das trifft uns hart.“ Am drastischsten reagierte damals Liborio Ciccarello (Linke): Er sprach von einem „Kasperletheater“ und stimmte mit Nein.

"Attraktive Alternative zum Auto schaffen"

Insgesamt rüttelt im Rat aber niemand am Gesamtvorhaben, egal wie laut gemeckert wird. Und das, obwohl die klamme Stadt alles mit Krediten finanzieren muss. Denn mit Blick auf die großen Hochstraßensanierungen wollen alle das Angebot im öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Als ein wichtiger Baustein dabei gilt eben die neue S-Bahn zur BASF. Das sieht auch der Konzern so: Man wolle eine „attraktive Alternative zum Auto schaffen“, so Vorstandsmitglied Michael Heinz. Und das hat seinen Preis.

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