Ludwigshafen Ludwigshafen: US-Polizist zu Gast im Haus des Jugendrechts
Der amerikanische Polizist Timothy Wenzel ermittelt gegen Jugend-Gangs in South Carolina. Er ist eine Woche lang zu Gast im Ludwigshafener Haus des Jugendrechts. Seine deutschen Kollegen haben dabei Unterschiede, aber auch Ähnlichkeiten bei kriminellen Jugendlichen in beiden Ländern festgestellt.
Weil es vermehrt Probleme mit Jugend-Gangs in der Stadt Columbia sowie im Richland County im US-Bundesstaat South Carolina gab, ist 2014 eine „Gang Task Force“ ins Leben gerufen worden. Etwa 20 Mitglieder hat die Spezialtruppe. Polizei, Staatsanwaltschaft, Justiz, Sozialbehörden und Bewährungshilfe arbeiten in einem Netzwerk zusammen. Seit Januar ist Tim Wenzel Teil der Truppe. „Unser Ziel ist es, die Waffen von den Straßen wegzubekommen“, sagt der 30-jährige Ermittler. Er ist seit einer Woche im Ludwigshafener Haus des Jugendrechts (Jurelu) zu Gast. „Wir wollen uns durch den Austausch informieren, wie Gangs funktionieren und uns für das Problem sensibilisieren“, sagt Jörg Haßler (47), Leiter des Sachgebiets Jugendkriminalität im Jurelu. Dort arbeiten Polizei, Staatsanwaltschaft und Jugendamt unter einem Dach zusammen. In Ludwigshafen gibt es eine Szene von kriminellen Jugendlichen, die im Polizeijargon Mehrfach- und Intensivtäter genannt werden. Die Fallzahlen belegen: Während die Jugendkriminalität insgesamt relativ konstant bleibt, gibt es eine Gruppe von 50 bis 70 Jugendlichen, die mehr Straftaten begehen, erläutert Haßlers Kollege Martin Baumann (39). Amerikanische Verhältnisse herrschen aber nicht auf Ludwigshafens Straßen. Zum Vergleich: In Columbia gibt es etwa 450 polizeibekannte Mitglieder von Jugend-Gangs. „Es gibt drei Haupt-Gangs, die sich Bloods, Crips und Folk nennen“, erläutert Tim Wenzel. Viele der jungen Leute im Alter von 14 bis 25 Jahren sind bewaffnet. „Es ist sehr leicht, an Waffen zu kommen“, berichtet der US-Ermittler. Die Jugendlichen beschaffen sich die Schusswaffen meist bei Autoaufbrüchen oder Einbrüchen in Wohnungen oder Häuser. Neben dem legalen floriert auch der illegale Waffenhandel. „Eine Pistole gibt’s auf der Straße ab 250 Dollar zu kaufen.“ „Das ist bei uns zum Glück ganz anders“, berichtet Martin Baumann. Scharfe Waffen spielten keine Rolle bei der Jugendkriminalität in Ludwigshafen, und wegen Morden müssen die Polizisten des Haus des Jugendrechts auch nicht ermitteln. Dennoch gibt es Parallelen: „Der Nährboden für Jugendkriminalität ist gleich: Es geht um Jugendliche ohne Perspektive. Sie haben kein Geld, Schulprobleme und nehmen Drogen“, berichtet Baumann. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Suche nach Identität in einer Gruppe sowie der Drang zur Selbstdarstellung. Dafür werden Videos ins Netz gestellt. „Wir haben uns gegenseitig unsere Jungs bei Youtube gezeigt. Der einzige Unterschied ist, dass sie in Amerika mit echten Waffen posen“, sagt Haßler. Sein amerikanischer Kollege berichtet, dass die Gangs nicht straff durchorganisiert seien. Manche Jugendliche rutschen durch ihre Clique in eine Gang. Als Erkennungszeichen tragen die Mitglieder oft Tattoos. Im Gegensatz zu anderen US-Staaten ließen sich in South Carolina die Banden nicht nach ihrer ethnischen Herkunft untergliedern. Oft gebe es Auseinandersetzungen unter den Gangs wegen Drogen, sagt Wenzel. Der 30-Jährige hat Kriminologie studiert und ist seit sechs Jahren bei der Polizei. Neben der Entwaffnung der Gangs geht es ihm und seinen Kollegen auch darum, Strukturen zu erkennen und vorbeugend einzugreifen. Das ist auch das Ziel der deutschen Ermittler. Trotz gewisser Ähnlichkeiten will Jörg Haßler jedoch nicht von Gangs in Ludwigshafen sprechen. „Das wäre ein ,Ritterschlag’ für die Jugendlichen.“ Gleichwohl gebe es hier auch Jugendliche, die zusammen ihren Alltag verbringen und gemeinsam Straftaten begehen. „Gruppenkriminalität wird für uns ein Schwerpunkt in den nächsten Jahren sein. Wir müssen frühzeitig eingreifen. Wir sind mit dem Jurelu gut aufgestellt für diese Problematik“, unterstreichen Baumann und Haßler. Um sich weitere Anregungen zu holen, werden die beiden deutschen Polizisten im Oktober in die USA reisen. Auch Tim Wenzel nimmt Ideen mit: „Dass hier alle unter einem Dach arbeiten, vereinfacht die Arbeit.“ Der Austausch mit South Carolina, den es seit 2014 gibt, trägt Früchte. Die US-Kollegen haben nach deutschem Vorbild Fallkonferenzen zu jugendlichen Kriminellen eingeführt. Und in Ludwigshafen wurde das Projekt „Spurwechsel“ nach US-Vorbild eingeführt. Dabei führt ein Richter Jugendlichen die Konsequenzen ihres Handelns vor Augen.