Ludwigshafen
Ludwigshafen: Stefan Werner ist neuer Leiter der Oggersheimer Wichern-Werkstätten
Seit einem Jahr leitet Stefan Werner die Zweigstelle der Wichern-Werkstätten in Oggersheim. Zuvor war der 49-Jährige mehr als 20 Jahre selbstständiger Unternehmer. Pläne für die Zukunft der Werkstatt hat er bereits geschmiedet: Das Arbeitsangebot für Menschen mit psychischer Behinderung soll vielfältiger werden.
Als Quereinsteiger sieht sich Stefan Werner eigentlich gar nicht. Wie schon in den eigenen Firmen „muss ich mich auch in den Werkstätten um die unterschiedlichsten Aufgaben kümmern“, fasst er zusammen. Dass er dabei nicht nur am Schreibtisch sitze, sondern der Arbeitstag sehr abwechslungsreich sei, mag der große Dunkelhaarige mit der randlosen Brille sehr. Als Unternehmer war Stefan Werner zunächst in der IT-Branche und später im Online-Handel für Auto-Zubehör tätig. Nach dem Rückzug seines langjährigen Geschäftspartners wollte er das aber alleine nicht mehr machen. Als dann die Stelle in den Werkstätten ausgeschrieben wurde, hat er sich daher gleich gedacht: „Das passt zu mir, das ist mir wie auf den Leib geschneidert.“
Schon als er eine Firma in Haßloch hatte, kannte er die Oggersheimer Werkstätten gut. Aufträge wie Aktenvernichtung oder auch das Sortieren von Prospekten habe er damals an die Einrichtung vergeben und auch Praktikanten aus den Werkstätten eingestellt. Für Stefan Werner sind die Werkstätten ein „Unternehmen mit zusätzlichen besonderen Herausforderungen“.
Einige bleiben bis zur Rente in den Werkstätten
Hier managt der Diplom-Ingenieur, der seine berufliche Laufbahn einst bei der BASF startete, nicht nur 20 Mitarbeiter. Gemeinsam mit den Gruppenleitern, Hauswirtschaftern und Psychologen kümmert er sich zudem um 120 Beschäftigte. Menschen, die im Hinblick auf ihre verschiedenen psychischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen unterschiedlich gefordert und gefördert werden sollen. Manche bleiben Werner zufolge viele Jahre bis zur Rente in den Werkstätten. Andere wiederum wechseln nach einer gewissen Zeit wieder in eine reguläre Arbeit. „Da ist viel Leben drin“, sagt der neue Chef, der mit seiner Familie auf dem Land in der Nähe von Frankenthal lebt und die Ruhe dort sehr liebt.
Eigentlich, sagt Stefan Werner, sei er immer noch in der Einarbeitungsphase: „Man hat hier mit sehr vielfältigen Bereichen zu tun und unzählige Themen gleichzeitig zu bearbeiten.“ Durch das Bundesteilhabegesetz sei gerade vieles im Umbruch. Überrascht habe ihn, wie viel durch Anforderungen der Kostenträger vorgegeben sei und wie viel Zeit für Dokumentation aufgewendet werden müsse. Parallel hat Werner im ersten Jahr außerdem noch seine Fortbildung zur Fachkraft für Arbeits- und Berufsförderung absolviert.
Neue Arbeitsbereiche geplant
Damit die Ludwigshafener Wichern-Werkstätten für die Zukunft gut gerüstet sind, hat der neue Zweigstellenleiter bereits Pläne geschmiedet: „Wir brauchen eine größere Vielfalt an Arbeitsbereichen“, lautet seine Analyse. Zwar hätten die Beschäftigten schon jetzt die Wahl zwischen den Bereichen Montage und Verpackung, Garten- und Landschaftsbau, Büroservices, Bügelannahmestelle, Hauswirtschaft oder der Mitarbeit im Kiosk im Krankenhaus „Zum guten Hirten“. Der Schwerpunkt liege dabei jedoch eindeutig auf den Montage- und Verpackungsaufträgen. „So eine Abhängigkeit von einem Bereich ist für einen Betrieb immer riskant“, weiß Werner. Vor allem aber möchte er den unterschiedlichen Fähigkeiten der Beschäftigten besser gerecht werden. Gerade die Jüngeren, so Werners Erfahrung, hätten zum Beispiel mehr Interesse an handwerklichen Tätigkeiten oder Arbeiten am Computer.
„Das auf den Weg zu bringen, ist ein spannender Prozess, den ich nicht alleine stemmen kann“, betont Werner. Als Chef will er daher seine Mitarbeiter mit ihren Ideen und Fähigkeiten einbinden und ihnen Freiräume zum selbstständigen Arbeiten geben: „Je mehr die Mitarbeiter bei Entscheidungen mit im Boot sind, desto höher ist die Chance, dass sie ihre Arbeit nicht nur als Job sehen, sondern Spaß daran haben. Ich möchte, dass sie morgens kommen und etwas leisten wollen, und dass sie abends mit dem Gefühl gehen, etwas auf den Weg gebracht zu haben.“
Stefan Werner wünscht sich außerdem, dass die Arbeit der Werkstätten für Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft insgesamt mehr Wertschätzung erfährt. „Wir sind ja keineswegs nur ein Kostenfaktor. Wir sind Arbeitgeber für sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze und leisten durch unsere Arbeit einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt. Vor allem aber ermöglichen wir Menschen mit Behinderung, sich entsprechend ihrer Möglichkeiten ins Arbeitsleben einzubringen, und tragen so ganz wesentlich zu ihrer Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bei.“
Zur Sache: Wichern-Werkstätten
Die Einrichtung unter dem Dach der Evangelischen Heimstiftung Pfalz in Speyer richtet sich an Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Der Grundgedanke lautet: Auch wer psychisch krank ist, soll die Möglichkeit haben, so viel wie möglich am Leben teilzunehmen. Das bedeutet auch, einen eigenen Beitrag zum Lebensunterhalt zu erbringen, Selbstbestätigung und Zugehörigkeit erfahren, Kontakte haben und seine Zeit einteilen – kurz: eine Arbeit zu haben. Die Wichern-Werkstätten bieten Menschen mit psychischer Erkrankung dazu die Chance. Für die Begleitung durch den Arbeitsalltag und die berufliche Bildung steht den Betroffenen Fachpersonal zur Seite. Beschäftigte der Werkstätten werden auch bei der Suche nach einem Praktikums- oder Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterstützt. Unternehmen oder Privatpersonen können Aufträge an die Werkstätten vergeben, zum Beispiel in den Bereichen Gartenpflege, Hauswirtschaft, Aktenvernichtung und Archivierung.