Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Seit 50 Jahren wohnen Menschen in der Pfingstweide

Aus dem Boden gestampft: Luftbild aus der Bauzeit.
Aus dem Boden gestampft: Luftbild aus der Bauzeit. Foto: Archiv

Vor 50 Jahren sind die ersten Menschen in die neugebaute Pfingstweide gezogen. Der Stadtteil ist am Reißbrett geplant worden. In kurzer Zeit entstanden in der „Trabantenstadt“ mehrere Tausend Wohnungen, um die Wohnungsnot in Ludwigshafen zu lindern. Wo heute Beton dominiert, grasten früher Kühe, und die bekamen oft nasse Füße.

Im Norden von Ludwigshafen gibt es einen altüberlieferten Spruch: „Kaaf kääh Kuh von Edigum!“ Denn die Edigheimer ließen einst ihr Vieh auf einer sumpfigen Wiese grasen, die der Gesundheit der Kühe abträglich war. Die Weide lag auf einer von Rhein umspülten Insel und konnte erst ab Pfingsten genutzt werden, ohne knietief im Schlamm zu versinken. Feldanbau war dort so gut wie unmöglich. Den Viehbauern stand regelmäßig das Wasser bis an die Haustüren ihrer Hütten. Der Bau des Frankenthaler Kanals und die Rheinbegradigung im 19. Jahrhundert sorgten dafür, dass die Pfingstweide trockengelegt und für die Landwirtschaft nutzbar wurde. Als BASF und Stadt in den 1960er-Jahren nach Bauland suchten, wurden sie am nördlichsten Zipfel des Stadtgebiets in der Pfingstweide fündig.

Erster Spatenstich 1967

Im April 1967 vollzog Oberbürgermeister Werner Ludwig (SPD) den ersten Spatenstich für den neuen Stadtteil, den der Architekt Albert Speer junior geplant hatte. BASF und Stadt zogen die Trabantenstadt gemeinsam mit ihren beiden Wohnbaugesellschaften Luwoge und GAG hoch. 2800 Wohnungen und 300 Einfamilienhäuser entstanden dort. Bis 1976 war die Pfingstweide weitgehend fertiggebaut. Am Rande stehen bis heute Einfamilienhäuser. Mehrgeschossige Wohnblocks wurden entlang der großen Ringstraßen gebaut. In der Mitte wuchsen bis zu 17-stöckige Hochhäuser in den Himmel. Aus der Luft betrachtet, sollte das Ganze an eine Pyramide erinnern. Eine Grundschule wurde gebaut, ein Gemeinschaftshaus mit Jugendtreff, Spiel- und Sportplätze sowie die Jugendfarm. Ladengeschäfte im Zentrum deckten den täglichen Bedarf der Bewohner. Die Wohnungen bekamen einen Fernwärmeanschluss und werden aus der BASF-Klärschlammverbrennung beheizt. Der geplante Anschluss ans Straßenbahnnetz lässt bis heute auf sich warten.

Die ersten Wohnungen wurden im November 1969 bezogen. Die Nachfrage war groß. Vor allem viele Aniliner und junge Familien zogen in den neuen Stadtteil. Die Wohnungen waren groß und modern. Die Hochhäuser entsprachen dem Zeitgeist und dem Wunsch, möglichst viele Wohnungen zu bauen. Planer Speer räumte 1976 ein: „Die Pfingstweide ist aus heutiger Sicht etwas zu hoch verdichtet.“ Zu viele Wohnungen seien aus wirtschaftlichen Gründen im gleichen System gebaut worden, „was zu einer großen Gleichförmigkeit in der äußeren Gestaltung geführt hat“. Es wäre besser gewesen, die Einfamilienhäuser mehr zu integrieren und einige Hochhäuser seien zu groß geraten, meinte der „Vater“ der Pfingstweide. Auch die vielen Parkdecks seien dem Gesamteindruck abträglich.

Eigene Identität gesucht

Für den Bürger im neuen Stadtteil ging es am Anfang darum, eine eigene Identität neben den gewachsenen Stadtteilen zu finden. „Es war viel Pionierarbeit zu leisten“, blickt Udo Scheuermann zurück, der 1971 mit Frau und Kind auf der Suche nach einer größeren Wohnung in die Pfingstweide gezogen war und sich dort mit Gleichgesinnten engagierte. Ein Vereinsleben entstand. Auch die Politik bildete neue Ortsverbände. Scheuermann lebte knapp zehn Jahre in der Pfingstweide, bevor er ein Eigenheim in Oppau baute und Ortsvorsteher wurde.

Die Bemühungen aus der Anfangszeit haben durchaus Früchte getragen: Es gibt in der Pfingstweide ein aktives Miteinander. Während die anderen Ludwigshafener kein gutes Bild von der Trabantensiedlung hatten, leben die Pfingstweidler dort bis heute eigentlich gerne. Man kennt sich und man wird gemeinsam alt. Da viele Bewohner gleichzeitig dorthin gezogen sind, zählt die Pfingstweide mittlerweile zu den älteren Stadtteilen. Ein Drittel der Einwohner ist über 65 Jahre alt.

Aktion zur Attraktivierung

In den 80er-Jahren verschlechterte sich die Sozialstruktur des Stadtteils. Daher entwickelte die Stadt in den 1990er-Jahren gemeinsam mit den Einwohnern und den Wohnungsbauunternehmen eine Strategie. Unter dem Motto „Unsere Pfingstweide soll attraktiver werden“ wurde viel investiert. Nach der Jahrtausendwende beschloss die Luwoge, die großen Hochhäuser abzureißen – die Großwohnanlagen entsprachen nicht mehr dem Zeitgeist. Das lief nicht ohne Protest der Bewohner ab, die eine Ersatzwohnung angeboten bekamen.

Um wieder junge Familien in der Pfingstweide anzusiedeln, wurde das Projekt „Neue Mitte“ geschaffen. Wo früher Hochhäuser standen, wurden von einem privaten Wohnbauunternehmer Reihenhäuser gebaut, die einen guten Absatz fanden. Ein Ärztehaus und ein neuer Supermarkt entstanden neben dem in die Jahre gekommenen Einkaufszentrum. Dennoch ist die Bevölkerung in der Pfingstweide im Vergleich zur Anfangszeit geschrumpft. Lebten einst rund 8500 Menschen dort, sind es heute 6000 Einwohner.

Zwei Festtage zum Jubiläum

Mit einem Festakt am Samstag, 15 Uhr, im Gemeinschaftshaus soll an den Erstbezug der Wohnungen vor 50 Jahren erinnert werden. Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck, Ortsvorsteher Frank Meier (beide SPD) sowie die Vorstände der Wohnungsunternehmen GAG (Wolfgang van Vliet) und BASF Wohnen und Bauen (Johanna Coleman) sind dabei. Klaus Jürgen Becker vom Stadtarchiv schildert die Entwicklung des Stadtteils. Für Musik sorgen Schüler. Die Vereine präsentieren sich. Am Sonntag findet um 11 Uhr im Gemeinschaftshaus ein ökumenischer Gottesdienst statt. Gefeiert wird, wie aus einem Reißbrettprojekt ein richtiger Stadtteil geworden ist.

Vor zehn Jahren wurden die Hochhäuser abgerissen.
Vor zehn Jahren wurden die Hochhäuser abgerissen. Archivfoto: Kunz
Lange hatten die Hochhäuser am Londoner Ring die Mitte der Pfingstweide geprägt.
Lange hatten die Hochhäuser am Londoner Ring die Mitte der Pfingstweide geprägt. Archivfoto: Kunz
Heute stehen dort Reihenhäuser, die sich gut verkauft haben.
Heute stehen dort Reihenhäuser, die sich gut verkauft haben. Archivfoto: KUNZ
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