Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Klinikum-Geschäftsführer Günther zur Lage der Krankenhäuser

Seit fünf Jahren Klinikum-Geschäftsführer: Hans-Friedrich Günther. Archivfoto: KUNZ
Seit fünf Jahren Klinikum-Geschäftsführer: Hans-Friedrich Günther. Archivfoto: KUNZ

Haben wir zu viele Krankenhäuser in Deutschland? Eine neue Studie wirft diese Frage auf. Die Gesundheitsexperten empfehlen, die Hälfte aller Häuser zu schließen – vor allem kleine Kliniken wären betroffen. Wir haben mit Klinikum-Geschäftsführer Hans-Friedrich Günther (62) über die Lage in Ludwigshafen gesprochen.

Wenn jedes zweite Krankenhaus in Deutschland geschlossen würde, könnte sich die Versorgung der Patienten verbessern, sagt eine Studie der Bertelsmannstiftung. Was halten Sie von dieser Empfehlung?
Die Grundaussage der Studie lautet: Wir haben zu viele Krankenhäuser, um alle auf einem hohen Niveau betreiben zu können. Damit kann ich mich durchaus anfreunden. Die Aussage, deshalb die Hälfte der Krankenhäuser schließen zu müssen, die trifft meines Erachtens so nicht zu. Da muss man unterscheiden zwischen Ballungsräumen und dem ländlichen Raum, wo es ja auch eine Versorgungssicherheit für die Bevölkerung geben muss. Klar ist aber: Wir haben zu viele Krankenhausbetten und müssen die Ressourcen bündeln – dem kann ich viel abgewinnen. Wir merken, dass die Mittel knapp sind – einerseits die finanziellen Ressourcen für Investitionen, aber auch beim Personal. Neue Ärzte und Pfleger sind schwer zu finden. Gleichzeitig wird die Medizin immer spezialisierter, und ausreichend Spezialisten zu bekommen, ist für uns ein täglicher Kampf.

Die Autoren der Studie haben den Großraum Köln/Leverkusen unter die Lupe genommen und halten dort 24 der 39 Kliniken für verzichtbar. Auch in der Rhein-Neckar-Region gibt es viele große Krankenhäuser in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen – sind das Ihrer Meinung nach zu viele?
(lacht) Diese Frage habe ich erwartet. Ich stehe mit einem großen Krankenhaus im Wettbewerb mit anderen Häusern. Wir arbeiten in der Region aber auch gut zusammen und überlegen, wer macht was. Natürlich gibt es einen Wettbewerb um Patienten, das Personal und Finanzmittel.

In Ludwigshafen gibt’s neben dem Klinikum noch das Marienkrankenhaus mit dem Annastift, die BG Klinik und den „Guten Hirten“ – sind die aus Ihrer Sicht alle überlebensfähig?
Ich finde Ludwigshafen ist ein gutes Beispiel, wie sich Krankenhäuser vernünftig Aufgaben teilen. Das Versorgungsspektrum hier ist weitestgehend abgestimmt. Es gibt hier kaum Dinge, die wir doppelt und dreifach machen. Das war von Anfang mein Thema, als ich vor fünf Jahren Geschäftsführer im Klinikum geworden bin. Wir brauchen verschiedene Schwerpunkte.

Wie sieht das konkret aus?
Jeder sollte das machen, was er am besten kann. Zum Beispiel haben wir als Klinikum die Unfallchirurgie aufgegeben, das macht nur noch die BG Klinik für die Region. Das Marienkrankenhaus kümmert sich um Geburtshilfe und Kindermedizin sowie gezielt um ältere Patienten in der Geriatrie. Und der „Gute Hirte“ hat sich auf Psychiatrie und Geriatrie spezialisiert. Das Klinikum macht wiederum Schlaganfallmedizin, das machen die anderen nicht. Das ergibt Sinn, und wir arbeiten eng zusammen. Aber das ist eigentlich atypisch für Großstädte. Ich war vorher in Hamburg, da haben viele das Gleiche gemacht. Dort stellt sich schon die Frage, ob man so viele Häuser braucht.

Die Studie schlägt vor, kleinere Krankenhäuser in ländlichen Regionen wie der Pfalz zu schließen. Was bedeutet dies für Häuser wie das Klinikum in den Großstädten – die müssten ja zusätzlich die Patienten aus dem weiten Umkreis versorgen. Reichen dafür die Kapazitäten?
Es wird künftig immer mehr ambulante Therapien geben, weil die Medizin voranschreitet. Ich glaube daher nicht, dass wir mehr Betten im Klinikum brauchen. Die Entfernung spielt für einen Patienten bei der Behandlung weniger die Rolle. Wenn jemand richtig krank ist, dann will er die bestmögliche Therapie. Für mich ist daher eher das Thema, wie es gelingt, die Spezialisten für Behandlungen zu bekommen. Das schafft man als kleineres Krankenhaus kaum noch. Wir investieren extrem viel in die Ausbildung. Es ist daher schon ein Unterschied, ob sie hier in Ludwigshafen einen Herzinfarkt erleiden und behandelt werden oder ob sie Patient in einer abgelegenen Region sind.

Patienten auf dem Land müssten weitere Wege in Kauf nehmen – ist das nicht gefährlich, weil zum Beispiel bei einem Herzinfarkt jede Minute zählt?
Deswegen müssen wir in einem Flächenland wie Rheinland-Pfalz auch die Menschen auf dem Land versorgen können – deshalb ist so eine Studie auch nicht einfach übertragbar. Wir machen da jetzt schon einiges, zum Beispiel bei der Schlaganfallversorgung. Wir haben in Rheinland-Pfalz seit ein paar Jahren ein Schlaganfallnetzwerk. Via Telemedizin können unsere Experten aus Ludwigshafen in den Partnerkrankenhäusern die Diagnostik und die Therapie bei einem Schlaganfall steuern. Aber das geht natürlich nicht in allen Bereichen: Wenn ich als Patient einen Herzkatheder brauche, dann wäre ich gerne in einem Krankenhaus, in dem das jeden Tag gemacht wird. Viele Krankenhäuser im ländlichen Raum haben auf Dauer echte Probleme, die erforderlichen Investitionen zu tätigen und das Fachpersonal sicherzustellen. Die anstehenden Herausforderungen durch die Digitalisierung können nur noch Großkrankenhäuser oder Verbünde stemmen.

Würden größere Krankenhäuser nach einer Reform tatsächlich mehr Geld für Ausstattung und Personal haben?
Das weiß ich nicht. Eigentlich wäre es logisch, dass die übrig gebliebenen Krankenhäuser mehr Geld bekommen würden. Doch ich habe in den vergangenen 30 Jahren die Erfahrung gemacht, dass Krankenhäuser nie mehr Geld bekommen haben. Daher bin ich da eher skeptisch.

Gäbe es durch die Schließung kleinerer Kliniken mehr Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt?
Das wäre gut. Dann könnten wir die Arbeitsbedingungen verbessern, und unsere Mitarbeiter könnten weniger arbeiten. Die Schlacht um die guten Fachkräfte ist längst entbrannt. Wir müssen dabei aber auch an die hausärztliche Versorgung denken – das ist auf dem Land noch schwerer als in der Stadt. Daher müssen wir nicht nur an Krankenhäuser, sondern in größeren Netzwerken denken. Das knappe Personal ist das drängendste Problem für die Zukunft. Wir müssen die Kräfte bündeln.

Kritiker der Studie sagen, es wäre sinnvoller, Überkapazitäten in Städten abzubauen, hier seien Fusionen oder Schließungen sinnvoller. Was sagen Sie dazu?
Das mag in Städten wie Hamburg oder Köln sinnvoll sein. Aber ich halte es für so gut wie ausgeschlossen, das freiwerdende Personal dann aufs Land zu bekommen. Die Spezialisten würden in gut aufgestellte Großkrankenhäuser gehen.

Und ist das Klinikum gut aufgestellt?
Natürlich. Wir setzten auf unsere Stärken. Du kannst nur überleben, wenn du richtig gut bist – und das geht nicht in allen medizinischen Bereichen. Da muss man sich fokussieren: Wir haben unsere Schwerpunkte bei Herz, Krebs und Neurologie. Da gibt es in Ludwigshafen niemanden, der nur annähernd an uns herankommt.

Die Ludwigshafener CDU hat gefordert, in den großen Schwerpunktkrankenhäusern der Stadt die Modernisierung und den Ausbau voranzutreiben – wie sehen Sie das?
Selbstverständlich müssen wir das tun. Ich kämpfe schon seit fünf Jahren darum, dass eines unserer alten Bettenhäuser neu gebaut oder saniert wird, und wir bräuchten einen Neubau für die Onkologie. Da reden wir über viel Geld, von weit über 100 Millionen Euro, die wir dafür brauchen.

Das heißt, auch als Geschäftsführer des zweitgrößten Krankenhauses in Rheinland-Pfalz kann man sich nicht beruhigt zurücklehnen?
(lacht). Davon träume ich schon seit Jahrzehnten. Es ist ein ständiger Kampf um gute Medizin, hohe Qualität und die richtig guten Leute. Das Klinikum muss auch Geld verdienen, um mit eigenen Mitteln in eine attraktive Ausstattung investieren zu können. Wären wir nur auf Fördermittel angewiesen, hätten wir keine Chance.

Zurück zur Studie: Was glauben Sie: Ist eine solche Reform überhaupt durchsetzbar ?
Die Debatte gibt es schon seit vielen Jahren. Die Studie sagt eigentlich nichts Neues. Natürlich klingen für Außenstehende die Zahlen spektakulär. Aber in Dänemark oder Holland gibt es längst eine bezogen auf die Bevölkerungszahl entsprechende Anzahl an Krankenhausbetten. Ich würde mir wünschen, dass wir alle den Strukturwandel planen und nicht einfach passieren lassen. Patienten sagen sonst irgendwann, da gehe ich nicht mehr hin. Ärzte und Pflegepersonal wollen dort nicht mehr arbeiten, und dann passiert es, dass ein ehemals gutes Krankenhaus schließt. Einfach so. Es ist unsere Aufgabe, unsere Häuser gut aufzustellen für die Zukunft. Wir müssen Antworten auf den Wandel finden, auch wenn das in bestimmten Gebieten für einzelne zu Veränderungen führt. Das kann bitter sein. Aber wenn ich zum Beispiel Krebs hätte, dann will ich in das beste Krankenhaus – und das muss nicht das nächste sein.

Eine Herzklappen-OP im Klinikum, das sich auf solche Eingriffe spezialisiert hat. Achiivfoto:  Kunz
Eine Herzklappen-OP im Klinikum, das sich auf solche Eingriffe spezialisiert hat. Achiivfoto: Kunz
Hochmodern: das 40 Millionen Euro teure Herzzentrum im Klinikum Ludwigshafen. Archivfoto: KUNZ
Hochmodern: das 40 Millionen Euro teure Herzzentrum im Klinikum Ludwigshafen. Archivfoto: KUNZ
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