Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Hochstraße Süd bleibt gesperrt

Bundesweit einmalige Konstruktion: die 27 Pilze, auf denen die Hochstraße Süd liegt.
Bundesweit einmalige Konstruktion: die 27 Pilze, auf denen die Hochstraße Süd liegt. Foto: KUNZ

Fragen & Antworten: Die Pilzhochstraße kann ohne Reparaturen und Unterstützung nicht mehr befahren werden. Bis mindestens 2023 bleibt die Trasse nun dicht. Wie konnte das passieren und was plant die Stadtspitze nun? Ein Überblick über die wichtigsten Fakten.

Warum ist die Hochstraße Süd gesperrt worden?

Seit 22. August ist der 500 Meter lange Teilabschnitt Pilzhochstraße aus Sicherheitsgründen gesperrt. Dieser Teil ist das Verbindungsstück von der Rheinvorlandbrücke in Richtung Pylonbrücke. In Höhe des Paul-Kleefoot-Platzes (Süd), wo die Bleichstraße an einem Kreisel in die Berliner Straße mündet, befindet sich das Bauwerk 167. In drei Stützen dieses Teilstücks der Pilzhochstraße sind im August Risse entdeckt worden. Die Stadt sperrte daraufhin die Pilzhochstraße komplett. Gutachter untersuchen seitdem die Risse, die sich vergrößern und vertiefen und nun auch beim benachbarten Bauwerk 168 aufgetreten sind. Nach Expertenmeinung ist die Statik so beeinträchtigt, dass die Hochstraße nicht mehr für Fahrzeuge befahrbar ist. Sind alle Pilze kaputt?Das ist noch offen. Die Pilzhochstraße ist in zehn Teilbauwerke unterteilt. Jedes Bauwerk besteht aus einem Plattentragwerk (für die Fahrbahnplatte) und zwei oder drei Einzelstützen. Diese Einzelstützen, auf denen die Hochstraße ruht, werden aufgrund ihrer Form als „Pilze“ bezeichnet. Sie sind innen hohl. Es gibt insgesamt 27 Pilze. Bisher wurde nur die Statik für das Bauwerk 167 berechnet. Die städtischen Tiefbauer wollen dort im Oktober den Asphalt der Fahrbahn öffnen, um nach weiteren Risse zu suchen. Die Statikberechnungen sind laut Stadtverwaltung äußert komplex, weil die Stützen unterschiedlich gebaut wurden. Keine gleicht einer anderen, auch wenn es mit bloßem Auge nicht erkennbar ist. Die Berechnung für ein komplettes Bauwerk dauert knapp drei Monate. Neun weitere Bauwerke müssen noch berechnet werden. Dafür veranschlagen die Experten der Stadt etwa 30 Monate, denn diese Arbeiten sollen noch ausgeschrieben werden. Warum ist das alles so schwierig?Die Konstruktionsweise der Pilzhochstraße ist bundesweit einmalig. Es gibt keinerlei Vergleichswerte. Die Verformungen und Risse passen nicht zu den gängigen Statik-Berechnungsmodellen. Bei der Planung der Hochstraße in den 1950er-Jahren wurden nur Teile der Konstruktion berechnet, aber nicht das komplette Bauwerk. „Die Werte liegen außerhalb jeder DIN-Norm“, sagt der städtische Hochstraßenexperte Björn Berlenbach. Für jedes der zehn Bauwerke der Pilzhochstraße müssen eigene Computermodelle entwickelt werden. Außerdem wird der Beton der Konstruktion untersucht. Einige Proben sind unauffällig gewesen, aber eine Probe wirft die Frage auf, welchem Druck der Beton noch standhält. Wie ist der aktuelle Stand?Bis jetzt gibt es nur ein Zwischenfazit. Aber schon jetzt ist klar: „Ohne weitere Maßnahmen kann die Hochstraße nicht mehr für den Verkehr geöffnet werden“, sagt Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck (SPD). Bis Ende November, Anfang Dezember sollen mehrere Sanierungsvarianten dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt werden. Welche Lösungen sind angedacht?Erste Variante: Die Hochstraße kann repariert und gestützt werden. Durch den Rückbau von Teilen wie Fahrbahnkappen oder Leitplanken wird die Straße leichter. Dann wäre eine einspurige Öffnung vorstellbar. Zweite Variante: Teile der Hochstraße sind soweit in Ordnung, dass sie weiter genutzt werden können. Kaputte Bauwerke werden abgerissen und durch Stahlbrücken provisorisch ersetzt. Dritte Variante: Ein Abriss der kompletten Pilzhochstraße und der Neubau der Trasse. Wie lange dauert das?Die erste Variante wäre am schnellsten zu realisieren. Doch laut Stadtspitze sei auch dann frühestens Ende 2023 mit einer Teilöffnung der Hochstraße zu rechnen. Die zweite Variante mit einer Behelfsbrücke als Ersatz bei einem Teilabriss könnte länger dauern, weil möglicherweise dafür langwierige baurechtliche Verfahren nötig wären, zum Beispiel ein neuer Bebauungsplan. Die dritte Variante mit Komplettabriss und Neubau würde am längsten dauern. Die OB schätzt mindestens zehn Jahre. Wer soll das bezahlen?Die Finanzierung aller Sanierungsvarianten ist noch ungeklärt. Die Gespräche zwischen Stadt, Land und Bund laufen. „Wir brauchen die Unterstützung von Partnern“, sagt Kämmerer Andreas Schwarz (SPD). Zuschüsse können aber erst beantragt werden, wenn klar ist, welche Sanierungsvariante kommt und was sie kostet. „Am Geld wird es nicht scheitern. Wir brauchen diese Brücke zur Rheinquerung“, sagt die OB. Wie geht’s jetzt weiter? Die technischen Untersuchungen am Bauwerk 167 sollen bis Anfang Dezember abgeschlossen sein. Dann muss letztlich der Stadtrat entscheiden, wie es weitergeht und welche Sanierungspläne weiterverfolgt werden. Worauf müssen sich Autofahrer einstellen?Auf eine jahrelange Sperrung der Hochstraße Süd. Vor Ende 2023 wird die Trasse auch im günstigsten Fall nicht befahrbar sein. Kollidiert die Sperrung mit dem Abriss der Hochstraße Nord?Das ist zu befürchten, auch wenn die Stadtspitze anstrebt, die Hochstraße Süd bis zur heißen Phase der Abrissarbeiten im Norden wieder befahrbar zu machen. Ab 2026 soll die Nordtrasse nur noch ein Drittel des bisherigen Verkehrs bewältigen können.

Daten & Fakten

Hochstraße Süd

Das Alter:

Die Hochstraße Süd wurde 1959 gebaut und war die erste Hochstraße in Ludwigshafen. Sie wurde 1968 durch weitere Brückenkonstruktionen mit der Pylonbrücke über den Hauptbahnhof verbunden. Die Hochstraße Süd verbindet die A 650 mit der Konrad-Adenauer-Brücke und bildet mit der 1981 fertiggestellten Hochstraße Nord die beiden Hauptverkehrsachsen in West-Ost-Richtung für Ludwigshafen und die ganze Region. Die Pilzhochstraße ist der älteste Teil der Hochstraße Süd und eine bundesweit einmalige Konstruktion. In den Jahren 1985 bis 1988 wurde das 500 Meter lange Teilstück erstmals umfassend saniert. Nach einer Inspektion 2011 wurden die Lager der Stützpfeiler ausgetauscht. Danach hätten die Übergänge erneuert werden sollen. Doch dann traten die Statikprobleme auf. Die Sperrung: Nach Expertenmeinung ist die Statik nicht mehr für die Last von 60.000 Fahrzeugen und 40 Tonnen schwere Lastzüge ausgelegt, die bis zur Sperrung darauf fuhren. Um die Trasse zu entlasten, hatte die Stadt im Herbst 2017 zunächst ein Fahrverbot für Fahrzeuge mit einem Gewicht von mehr als 3,5 Tonnen ausgesprochen und die Zufahrten zur Hochstraße verengt. Im August 2019 wurden jedoch Risse in einem Teilbauwerk entdeckt. Nicht zuletzt wegen des Brückeneinsturzes in Genua wurde die Pilzhochstraße deshalb sofort gesperrt. Die Gefahr: Nach Einschätzung des Tiefbauamts ist die Pilzhochstraße nicht einsturzgefährdet. Doch die Statik ist so beeinträchtigt, dass kein Fahrzeug mehr darauf fahren sollte. „Die Brücke hält momentan nur ihr Eigengewicht“, sagt der Hochstraßenprojektleiter der Stadt, Björn Berlenbach. Vor allem ein untersuchtes 90 Meter langes Teilstück (Bauwerk 176) an der Berliner Straße bereitet ihm Sorgen. Sollten die Schäden sich verschlimmern, müsste eine „Einhausung“ oder gar eine Sperrung der Unterführung zur Berliner Straße erfolgen. OB Steinruck appelliert an Autofahrer, nicht unter den gesperrten Bereichen der Hochstraße zu parken. Auch Radfahrer oder Fußgänger sollten nicht die gesperrte Hochstraße betreten.

Seit 22. August ist die Trasse gesperrt. Das sorgt für Staus.
Seit 22. August ist die Trasse gesperrt. Das sorgt für Staus. Archivfoto: KUNZ
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