Ludwigshafen
Ludwigshafen: Gerhard Wagner ist Baustellenbeauftragter an der Linie 10
Seit dem Frühjahr wird in Friesenheim auf der Strecke der Linie 10 gebaut. Immer mittendrin ist Gerhard Wagner. Als Baustellenbeauftragter ist er Ansprechpartner für die Menschen und Gewerbetreibenden vor Ort. Warum Menschen sich über Bauarbeiten ärgern und reden das Wichtigste ist.
Herr Wagner, Sie sind als Baustellenbeauftragter rund um die Uhr erreichbar. Wie oft werden Sie nachts aus dem Bett geklingelt?
In der Nacht ruft wegen der Linie-10-Baustelle keiner an. Hier an der Baustelle in Friesenheim lebt überwiegend eine ältere Bevölkerung. Die rufen meistens morgens oder in den frühen Mittagsstunden an. In Heidelberg zum Beispiel wird meistens am Wochenende angerufen, also auch sonntags.
Was sind bei der Linie-10-Baustelle die Dauer-Aufreger?
Parkplätze, die schwierig oder nicht erreichbar sind. In der Sternstraße zum Beispiel haben die Anwohner gefragt: Könnt ihr die Baustellen-Absperrung nicht 20 Zentimeter weiter nach hinten stellen, dann kommen wir besser mit unserem Wagen rein? Kürzlich hat der Besitzer eines großen Autos angerufen, der nicht mehr in seine Garage kam. Jetzt ist die Sache erledigt. (Wagners Handy klingelt.)
Ich sehe, Sie sind wirklich viel gefragt. Was machen Sie mit den Beschwerden?
Ich gebe sie überwiegend telefonisch weiter, obwohl ich eigentlich ein Mail-Fanatiker bin und unglaublich viele E-Mails schreibe. Was ich aber nicht mag ist, wenn mein Gegenüber mir schreibt: Ja, ich kümmere mich drum. Und dann wird eine E-Mail per Verteiler an sehr viele Menschen verschickt ...
... aber nichts passiert.
Damit es schnell geht, gebe ich die Beschwerden zu 95 Prozent telefonisch weiter. Ich versuche jene Leute anzurufen, die wirklich Bescheid wissen und von denen ich die ausführlichste Auskunft bekomme.
Das heißt, Sie kommunizieren sowohl mit der RNV als auch mit der Baufirma direkt.
Richtig. Und die Anwohner bekommen auch eine Rückmeldung. Vergangene Woche hat mich jemand aus der Carl-Bosch-Straße angerufen, der sagte: Es liegen immer noch Rohre auf der Straße herum. Dann habe ich direkt den Bauleiter angerufen, der war vor Ort. Das Problem wurde gelöst.
Wann beschweren sich die meisten Menschen?
Es ist meistens am Anfang einer Baustelle. Da sind die Leute erschrocken und bemerken: Es passiert etwas vor meiner Tür. Das sind meistens die ersten ein, zwei Monate und dann wird es weniger. Ich versuche, die Leute auch direkt einzubinden und vor Ort mit den Zuständigen in Kontakt zu bringen. Denn es ist Quatsch, dass der Anwohner mich anruft, während der Bauleiter, den das Problem betrifft, den ganzen Tag vor seinem Haus herumläuft.
Das heißt: Reden ist das Geheimnis zum Erfolg.
Ja, genau! Oder wie der Kurpfälzer sagt: Babble is wischtisch.
Herr Wagner, wie viele Baustellen haben Sie in Ihrer Laufbahn schon betreut?
Ich habe aufgehört zu zählen. Also ich würde sagen (überlegt) ... 70 dürften es schon sein.
Bei welchen Baustellen außer dieser sind Sie im Moment im Einsatz?
Ausklingend ist die RNV-Baustelle am Heidelberger Hauptbahnhof ...
Oh, auch eine sehr große Baustelle!
Ja, das war ein sehr großes Projekt, auch von der Fläche her. Und es ist auch pünktlich fertig geworden. Das muss ich mal grundsätzlich sagen: Die Baustellen der RNV, die ich bisher begleitet habe, wurden immer pünktlich fertig, teilweise sogar etwas früher.
Mit welchen weiteren Baustellen haben Sie zu tun?
Ein neues Projekt ist jetzt die Breitbandversorgung in Heidelberg über alle Stadtteile. Das läuft schon und dauert wohl zwei Jahre, vielleicht zweieinhalb.
Das heißt, Ruhestand ist bei Ihnen mit Ihren 79 Jahren nicht in Sicht?
Im Moment nicht. Ich habe noch Spaß bei der Sache.
Wenn irgendwo eine Baustelle ist, gibt es immer verärgerte Menschen. Warum ist das so? Eine Baustelle bedeutet doch, dass etwas umgebaut und in der Regel dadurch verbessert wird.
Die Deutschen sind Gewohnheitsmenschen. Sie haben ihren regelmäßigen Tagesablauf. Und wenn der gestört wird, dann regt man sich erstmal auf. Außerdem ist Bauen ein sehr langwieriger Prozess. Das wird in Ausschüssen, Ortsbeiräten, Stadträten diskutiert, das wird veröffentlicht, aber in der Regel nicht richtig wahrgenommen. Und dann steht nach fünf Jahren des Entscheidungsprozesses plötzlich der Bagger vor der Tür. Dann erschreckt der Anwohner.
Sie wohnen in Schwetzingen. Da müsste Sie auf dem Weg nach Ludwigshafen ein Bauprojekt besonders bewegen: die Hochstraßen.
Ich bin heute gut durchgekommen. Ich habe mir angewöhnt, dass ich von hinten rum reinfahre, also von der A 6 kommend.
Was war ein besonderes Erlebnis in all den Jahren auf Baustellen?
In der Brückenstraße in Heidelberg musste ein Kanal verlegt werden, sechs bis acht Meter tief. Dann wurde die Baugrube ausgehoben und mit Spundwänden abgestützt. Unten drin haben wir anschließend ein sehr originelles Baustellenfest gefeiert.
Zur Person
Gerhard Wagner versteht sich als „neutraler Ansprechpartner zwischen der Verwaltung oder dem Bauherrn, der Baufirma und den Anliegern“. Der 79-Jährige war früher bei der Stadt Heidelberg beschäftigt, zuletzt bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2005 im Bereich Wirtschaftsförderung und Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2013 arbeitet er freiberuflich als Baustellenbeauftragter. Zu erreichen ist Gerhard Wagner unter der Telefonnummer 0160/99473251 oder per E-Mail an Wagner.pro@web.de.
Zur Sache: Die Baustelle Linie 10
Seit April dieses Jahres wird an der Linie 10 im Bereich Alt-Friesenheim gebaut. Dabei werden laut RNV Gleise und Fahrleitungen erneuert und drei Haltestellen barrierefrei ausgebaut (Friesenheim-Mitte, Hagellochstraße, Kreuzstraße). Außerdem werden im Zuge der Arbeiten Versorgungsleitungen und der Abwasserkanal saniert. Die Arbeiten sind in sieben Bauphasen unterteilt. Seit Anfang Oktober läuft die zweite dieser Phasen. Gearbeitet wird aktuell in der Carl-Bosch-Straße und an der Kreuzung zur Sternstraße. Voraussichtlich im Sommer 2020 soll die Baustelle laut RNV „weiterwandern“, dann in die Luitpoldstraße.
Die Sanierung der Linie 10 im Bereich Alt-Friesenheim – ein 900 Meter langer Abschnitt – kostet rund 13,7 Millionen Euro. Das Land Rheinland-Pfalz fördert die Maßnahme mit 877.000 Euro. Ende 2022 sollen die Bauarbeiten nach der aktuellen Planung komplett abgeschlossen sein. Dem Projekt waren Jahre der Planung und des Wartens auf Zuschüsse vorausgegangen.