Meinung
Ludwigshafen – ein gefährliches Pflaster
Schreib, was dich so bewegt, haben sie gesagt. Die Leute wollen wissen, wer hinter der Zeitung steckt, haben sie gesagt. Na gut. Dann bekenne ich mal, was mich bewegt. Das ist nämlich Pech. Davon kann ich ein Liedchen singen.
Zur Vorgeschichte gehört, dass es Menschen gibt, deren Zeitmanagement ganz ausgeglichen und getaktet ist. Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Irgendwie kommt bei mir immer was dazwischen, klingelt noch einmal das Telefon, wenn ich doch eigentlich los müsste zum nächsten Termin. Dann schlurft gerne noch einmal ein Kollege um die Ecke und hat noch eine Anmerkung zu machen oder das verdammte elektronische Schloss meines E-Scooters braucht Ewigkeiten, weil die RHEINPFALZ-Garage in einem Funkloch liegt und – die Logik ist überaus bestechend – ein E-Scooter ja ohne Internetzugang nicht entriegelt werden kann. Kurz: Irgendwas ist immer.
Im Grunde habe ich es ja aufgegeben, mich darüber zu ärgern. Nur: Neulich kam alles zusammen. Die Polizei hatte eine Kontrollstelle auf der Schumacher-Brücke eingerichtet, vorrangig, um auf Drogen und Alkohol zu kontrollieren. Der Journalist jubelt: Eine Supergeschichte, das pralle Leben, Emotionen, ein Verkehrsthema und dann auch noch etwas für das Sicherheitsempfinden der Leser. Premium-Content, wie es im Fachjargon heißt. Nix wie hin!
Jetzt ist es ja nicht so, dass meine Arbeitstage verrinnen wie Sand in einem Stundenglas. Aber trotz aller Hektik hatte ich die Uhr im Blick, war ausnahmsweise gerüstet und hatte sicherheitshalber jedem (vielleicht auch mehrfach) mitgeteilt, dass ich abends zur Polizeikontrolle gehe. Also keine Anmerkungen, kein Anruf auf den letzten Drücker. Diesmal soll es stressfrei laufen. Tja, Pech.
Es hört nicht auf zu passieren
30 Minuten vorm geplanten Abflug: Das Telefon klingelt. War ja klar. Letzte Absprachen. Ich wiegle ab, packe dabei meine Tasche und schicke den Computer in Stand-by. Niemand kann mich aufhalten. Auf dem Gang stellt mich ein Kollege: „Na, machste Content?“ – Ich habe ihm viele Tipps zu Ludwigshafen zu verdanken. Beispielsweise: „In Ludwigshafen trägt man keine weißen Sneaker.“ Davon abgesehen gehört es sich einfach nicht, einen Kollegen über den Haufen zu rennen, auch nicht mit weißen Sneakern. Stattdessen geht er mit auf den Hof, will noch eine mit mir rauchen. Das Funkloch und der bockige E-Scooter fressen weitere Minuten. Endlich ist Blanche – so heißt mein edles Gefährt chinesischer Fertigung – losgeeist. Mit dem triumphalen Gefühl, es doch noch pünktlich zu schaffen, düse ich in Richtung Schumacher-Brücke.
Ums kurz zu machen: In Höhe der Rheingalerie will der Scooter spontan in eine andere Richtung. Nun sind E-Scooter zwar nicht schnell – aber ich bin auch nicht mehr so flink und drahtig, wie ich es in meiner Jugend vielleicht einmal war. Das heißt: Blanche folgt einer Betonkante nach rechts, ich will geradeaus, springe geradezu elegant ab und halte natürlich Tasche und den getreuen Zossen weiter fest. Dabei verstauche ich mir gewaltig den rechten Knöchel.
So komme ich zur Kontrollstelle. So, wie immer: Leicht derangiert, abgehetzt – und vor allem zu spät. Da ich auf dem rechten Fuß nicht auftreten kann, hüpfe ich unter Schmerzen über die Fahrbahn. Großartig. Ich verwünsche mich, Blanche, den Kollegen und seine Tipps.
Was denn passiert sei, will der Kontaktbeamte der Polizei wissen. Dann sagt er, diese E-Scooter seien nicht ohne. Was jetzt helfe, das sei Pech, sagt er. Aber das hatte ich doch schon reichlich. Nein, die Pech-Regel, sagt der Beamte: Pause, Eis, Kompression, Hochlagern. Kompression mit C, damit es mit der Abkürzung Pech auch besser klappt. Verstauchter Knöchel, das habe er auch schon gehabt. Klar, der Beamte ist ja auch in Ludwigshafen im Einsatz. Gefährliches Pflaster.
Sein Tipp ist hilfreich. Die Tipps des Kollegen indes stelle ich noch mal auf den Prüfstand. Wenn Sie aber derweil jemanden mit weißen Sneakern auf weißem Scooter durch die Stadt hetzen sehen: Sie wollten ja wissen, wer hinter der Zeitung steckt, haben Sie gesagt.
Die Kolumne
Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.