Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen: Als Aufseher die BASF-Wohnkolonie kontrollierten

Im Hemshof – hier der Blick vom Viadukt in die Hartmannstraße vor 1914 – kam es regelmäßig zu Wirtshausschlägereien.  Foto: Stad
Im Hemshof – hier der Blick vom Viadukt in die Hartmannstraße vor 1914 – kam es regelmäßig zu Wirtshausschlägereien.

Interview: Über Komfort in der ältesten Werkssiedlung Ludwigshafens spricht Klaus J. Becker vom Stadtarchiv mit Rainer Peter – und den Versuch, die Kinder mehr oder weniger freiwillig zur Arbeit in der Anilin zu bewegen.

Herr Becker, die BASF-Wohnkolonie, die seit 1872 entstanden ist, war ja wohl eine Folge des Wettbewerbs im gerade aufkommenden Industriezeitalter.
So kann man es sehen. Auf der Suche nach Arbeitskräften stand die Industrie seit 1850 unter großem Konkurrenzdruck. Die Arbeiter hatten die Wahl: Sie konnten in die Metallindustrie gehen, sie konnten in die Chemieindustrie gehen, in den Bergbau – es war ja alles neu. Also waren die Industriebetriebe dabei, eine Stammbelegschaft zu schaffen, denn die Fluktuation war völlig normal. Um dieser entgegenzutreten, hat zunächst die BASF eine Arbeitersiedlung gebaut.

Was war dort anders als sonstwo in Arbeitervierteln?
Es sollte ein Mindestmaß an Komfort geboten werden, wie es ihn beispielsweise im Hemshof nicht gegeben hat. Denn der Arbeiter sagte sich, wo ich eine gute Wohnung bekomme, da gehe ich hin, um zu arbeiten.

Warum diese Vorreiterrolle der „Anilin“?
Das Unternehmen hatte am Anfang das Problem, ein relativ unbeliebter Arbeitgeber zu sein, denn es gab dort ziemlich viele Arbeitsunfälle. Um sich aber als soliden Arbeitgeber zu präsentieren, wurden Arbeitersiedlungen errichtet. Das war der eine Punkt. Der zweite Punkt, der für mich sozialgeschichtlich viel spannender ist: Man wollte loyale und disziplinierte Mitarbeiter haben. Das heißt, wenn ich meinen Arbeitern eine eigene Siedlung biete, habe ich sie auch unter sozialer Kontrolle.

Wie ist das zu verstehen?
Dass in „gewöhnlichen“ Vierteln, wo Arbeiter leben, an fast jeder Ecke eine Gaststätte war, und dass es dort, im Hemshof, regelmäßig zu Wirtshausschlägereien kam. Wenn Sie mal drauf achten: In der „Kolonie“ der BASF gibt es keine einzige Gaststätte.

Zum Wohl der Arbeiter – etwas flapsig gesagt.
Sie müssen es als Disziplinarmaßnahme sehen. Eine weitere Idee war, dass um den Kern der Arbeitersiedlung Wohnungen fürs Werksaufsichtspersonal gebaut wurden. Was wiederum bedeutete, dass die Kollegen, die sowieso in der Fabrik die Arbeiter kontrollierten – dass gut gearbeitet wurde, dass es nicht zu Sachbeschädigungen und Diebstahl kam –, unmittelbar in der Arbeitersiedlung zwecks sozialer Kontrolle wohnten.

Waren deren Wohnungen komfortabler als der Rest?
Ja. Die klassische Arbeiterwohnung der BASF ist in einem Häuslein für vier Parteien auf zwei Ebenen. Für die Werksmeister sind jeweils eine Wohnung pro Stockwerk vorgesehen. Es gab ein klares soziales Ranking.

Wie teuer waren diese Mietwohnungen im Verhältnis zum Arbeitslohn?
Es war auf jeden Fall attraktiver, eine Werkswohnung zu bekommen als eine auf dem freien Wohnungsmarkt. Dadurch hatte die BASF wiederum die Möglichkeit, Loyalität gegenüber dem Arbeiter zu zeigen. Spannender aber ist, dass auch die Kinder mehr oder weniger freiwillig gezwungen wurden, ebenfalls im Werk zu arbeiten.

Mit welchem Druckmittel?
Es gab eine klare Regelung: Wenn ein Sohn 14 Jahre alt wurde, noch in der Familie lebte und nicht im Werk beschäftigt war, dann musste er ausziehen. Man hatte also eine zusätzliche soziale Kontrolle – und regelmäßig die Möglichkeit, eine Stammbelegschaft aufzubauen.

Wie groß waren die Wohnungen? Für Eltern und zwei, drei Kinder?
Nein, nein. Sie müssen das so sehen: Die durchschnittliche Arbeiterfamilie hatte um 1900 fünf Kinder. Das heißt, für heutige Verhältnisse mag das furchtbar eng erscheinen, sieben Personen auf etwa 70 Quadratmetern, aber für die damalige Zeit waren es im Vergleich zu dem, was der Wohnungsbau der Stadt angeboten hat, attraktive moderne Gebäude.

Wie viel ist von der Siedlung noch erhalten?
Ich schätze, etwa 60 Prozent, also etwas mehr als 60 Häuser in mehreren Straßen. Die stehen unter Denkmalschutz. Im Zweiten Weltkrieg wurde vieles beschädigt – und ein Teil später wieder aufgebaut. Das sieht man daran, dass die Originalhäuser aus Backstein sind, während die wieder aufgebauten verputzt wurden. Noch ein Unterschied: Die Werkssiedlung hatte sich bis ganz nach vorn, bis zur Carl-Bosch-Straße ausgedehnt. In den 60er-Jahren wurde aber der vordere Teil Richtung Werksgelände abgerissen, und es sind Parkplätze entstanden.

Schade – oder?
Na ja, die BASF hatte sich dem Zeitgeist angepasst. Die Werksangehörigen konnten sich nämlich nach und nach Wohnungen im grünen Umland leisten, sind mit dem Pkw zur Arbeit gekommen, und um die Autos unterzubringen, hat man eben Parkflächen angeboten.

Gab es auch andere Modelle von BASF-Arbeitersiedlungen?
Da ist vor allem der Wislicenusblock, der 1920 fertiggestellt wurde. Im Unterschied zur Werkssiedlung war er dafür gedacht, jungen Männern, die nach dem Ersten Weltkrieg eine Familie gründen wollten, ein Wohnungsangebot zu machen. Hinzu kommt, dass sich die Arbeiterbewegung nach 1919 – durch den Achtstunden-Tag, das Frauenwahlrecht – erhebliche Mitspracherechte erkämpft hatte. Also hat das Werk im Zuge der sozialen Befriedung das Wohnungsniveau angehoben und den Wislicenusblock errichtet.

Der komfortabler ausgestattet war als die „Kolonie“?
Ja, jede Wohnung hatte beispielsweise eigene Toiletten und Bäder, was Anfang des 20. Jahrhunderts für Arbeiterwohnungen recht ungewöhnlich war.

In derselben Zeit hatte auch die Stadt immer mehr auf den Wohnungsbau gesetzt.
Ja, aber weniger für Arbeiter, sondern viel mehr deshalb, weil nach dem Ersten Weltkrieg viele neue Familien entstanden sind und weil die Wohnungsnot für sozialen Sprengstoff sorgte. Und dem versuchte man entgegenzuwirken. Es geht also mehr um die Kinder der Arbeiter, die inzwischen qualifiziert sind, die studieren können. Durch attraktive Wohnungen wollte man diese Menschen in der Stadt halten. Deshalb entstanden Häuser in der Max-Reger-, der Hans-Sachs-Straße oder aber die Ebertsiedlung.

Alles Mietwohnungen?
Genau. Es gab keinen individuellen Wohnungsbau, weil es keine Nachfrage gab. Ein Eigenheim war zu teuer. Nur in der Gartenstadt beginnen in dieser Zeit, kleine Einheiten im Genossenschaftsbau zu entstehen. Grundsätzlich aber herrschte in Ludwigshafen bis in die 50er-, 60er-Jahre der Trend, gute Mietwohnungen anzubieten.

Interview: Rainer Peter

Zur Person

Klaus J. Becker ist seit 2006 stellvertretender Leiter des Stadtarchivs Ludwigshafen. Der 56-Jährige, der in Bockenheim an der Weinstraße geboren wurde, studierte an der Uni Mannheim Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Neuere Geschichte und Politische Wissenschaft. Er promovierte mit der Arbeit „Die KPD in Rheinland-Pfalz 1946 bis 1965“. Becker, seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stadtarchivs, ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Sieben Menschen auf 70 Quadratmetern: Für damalige Zeit – hier eine Aufnahme vor 1914 – waren die Werkswohnungen – attraktiv und
Sieben Menschen auf 70 Quadratmetern: Für damalige Zeit – hier eine Aufnahme vor 1914 – waren die Werkswohnungen – attraktiv und modern.
Klaus J. Becker.  Foto: Rainer Peter
Klaus J. Becker.
Etwas mehr als 60 Originalhäuser in Backstein sind noch erhalten. Die wieder aufgebauten erkennt man daran, dass sie verputzt si
Etwas mehr als 60 Originalhäuser in Backstein sind noch erhalten. Die wieder aufgebauten erkennt man daran, dass sie verputzt sind.
Das Ziel: loyale und disziplinierte Arbeiter, hier 1895 am Haupttor der BASF. Foto: Stadtarchiv
Das Ziel: loyale und disziplinierte Arbeiter, hier 1895 am Haupttor der BASF.
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