MANNHEIM
„Lauter kleine Mückenstiche“: Alice Hasters spricht im Mannheimer Capitol über Rassismus
Angekündigt war eine Lesung mit anschließender Diskussion. Die Lesung fiel kürzer aus, als einige Zuhörer erwartet hatten. Stattdessen wurde ausgiebig diskutiert. Dies sei an diesem Ort nicht anders möglich, sagte gleich zu Beginn die Moderatorin Tala Al-Deen, denn im Mannheimer Capitol hängt ja der berühmt-berüchtigte Sarotti-Mohr, um den es – wieder einmal – ausführlich ging. Zum Leidwesen einiger Zuhörer, die gern mehr aus dem Buch gehört hätten.
Warum der Mohr diskriminierend ist
Den Streit um den Sarotti-Mohr verstehen viele Mannheimer als „Provinzposse“. Für die Autorin Alice Hasters und die Moderatorin Tala Al-Deen ist er das nicht. Die Leuchtreklame, die seit den 1960er-Jahren über der Bar des Capitols hängt, verkörpert für sie ein Stück Alltagsrassismus. Er transportiere unreflektiert rassistische Denkweisen, die aus der Zeit des Kolonialismus, also aus dem späten 19. Jahrhundert stammen. Sie nur als nostalgische Schokoladenwerbung wahrzunehmen, sei eine Verharmlosung. Hasters und Al-Deen verstehen die Figur des „Mohren“ als eindeutig diskriminierend und fühlen sich persönlich dadurch verletzt. Auch mehrere der zu Wort kommenden Zuhörer an diesem Abend schlossen sich dieser Meinung an, weshalb der Aufruf „Hängt die Leuchtreklame ab!“ viel Applaus bekam.
Vom Versuch, nicht anzuecken
Der Sarotti-Mohr verkörpert somit genau das, was Alice Hasters, geboren 1989 in Köln als Tochter einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, als Problem ansieht: Postkoloniales Denken wird durch Alltagsgegenstände weitertransportiert, ohne dass sich jemand darüber Gedanken macht. Und wenn man diesbezüglich auf Rassismus hinweise, finde eine Täter-Opfer-Umkehrung statt, weil sich dann nämlich plötzlich die Täter durch den Rassismus-Vorwurf diskriminiert sähen. Eben dies ist der Autorin unzählige Male passiert. Daher habe sie lange Zeit versucht, nicht anzuecken und rassistische „Mückenstiche“ einfach wegzustecken – bis sie irgendwann merkte, dass sie in der Summe unerträglich wurden. Daher ist sie heute davon überzeugt, dass Rassismus nur durch bewusste Konfrontation mit dem Problem abgebaut werden kann.
Ein weiteres Beispiel für Alltagsrassismus beschreibt sie im ersten Kapitel ihres Buchs, das sie an diesem Abend vorlas: In Köln-Nippes, wo sie aufgewachsen ist, besuchte sie als Jugendliche und junge Frau oft eine einfache „Cafébude“. Dort hielt ihr die Besitzerin eines Tages freundlich eine Sparbüchse hin, um für einen guten Zweck zu sammeln. Die Sparbüchse war kein harmloses Sparschwein, sondern die Figur eines schwarzhäutigen, dicklippigen Mannes, der den Mund aufsperrt, damit man zwischen diese Ritze das Geld fallen lassen kann. Entstanden sei dieser Typus der Geldbüchse in den USA am Ende des 19. Jahrhunderts, als nach der Abschaffung der Sklaverei Schwarze ironischerweise als „Geldfresser“ gesehen wurden – weil sie nun nicht mehr umsonst auf den Plantagen schufteten, sondern dafür einen Lohn verlangten.
Es war Alice Hasters klar, dass die freundliche Cafébesitzerin die historischen Hintergründe nicht kannte und sie sich über die Form dieser Sparbüchse noch nie Gedanken gemacht hatte. Aber auch Ignoranz sei eine Form von „Mikroaggression“ und „Mückenstichen“, die in der Summe unerträglich werden. Daher sprach sie die Frau an und klärte sie auf. Folge: schlechte Stimmung, dicke Luft und wieder ein bisschen schlechtes Gewissen auf Hasters Seite. Aber: Bei ihrem nächsten Besuch war die Sparbüchse weg.
Positiver Rassismus
Rassismus, das lernte man an diesem Abend, ist so tiefverwurzelt in unserer Gesellschaft, dass er auch in Form eines Kompliments daherkommen kann, etwa wenn eine Patientin einer dunkelhäutigen Krankenschwester erklärt: „Schwarze können sich einfach besser einfühlen.“ Diese Geschichte kam von einer Zuhörerin; weitere Beispiele zum Thema des „positiven Rassismus“ bietet das Buch im Kapitel „Ich wäre auch gern schwarz“.