Ludwigshafen Laut und leise
Zwischen Europa und den USA liegt manchmal nur ein kleiner Spaziergang, genauer der zwischen der Galerie Grandel in den Mannheimer S-Quadraten und der Galerie Kasten in der Werderstraße. Grandel zeigt Arbeiten auf Papier von Jürgen Liefmann, bei Kasten füllt der amerikanische Street-Art-Veteran Shepard Fairey die Sommerzeit mit einer Auswahl seiner spektakulären Siebdrucke. Und bei Heller in Heidelberg sorgt die britische Keramikkünstlerin Sandy Brown für visuellen Lärm.
Als der Galerist Reinhold Weinmann 2012 von Bad Rappenau in die Mannheimer Innenstadt umzog, war Jürgen Liefmann der erste Künstler, den er in S4 ausstellte. Ein Blick auf neue Arbeiten des 65-jährigen Wahlberliners war also fällig. Wir sehen: Stille, Konzentration und Zurückhaltung im Auftritt. Nichts Erzählerisches, Kleinformate vor allem, die wie in einer unendlichen Litanei um Fläche, Linie und Farbe kreisen. Und wie das alles zusammenfindet, um so etwas wie ein Bild zu werden. Dahinter nistet der Zweifel des Künstlers am Gelingen, den der Betrachter nicht teilt, denn er sieht nur Gelungenes. Liefmanns Gouachen sind eine sanfte Kunst und trotzdem eine auf Messers Schneide, ein zwischen Nüchternheit und Emphase, geordneten Farbflächen und gestischer Bewegung kreisender Minimalismus, der überzeugt. Einfach weil er so ist, wie er ist. Der Szenenwechsel zu Kasten fällt fast rüde aus. Wo Liefmann beredt schweigt, sagt Fairey laut und deutlich, was zu sagen ist. Er ist einer der großen Helden des amerikanischen Street-Art-Aufbruchs, einer von denen, die unbedingt berühmt werden wollten und der das auch geschafft hat. 48 ist er inzwischen und als Grafiker, Illustrator, Heidegger-Fan, Drucker, Designer, Gründer eines Modelabels, Filmemacher, DJ und bekennender Diabetiker eine echte Marke. Dass er nicht mehr anonym arbeitet, sondern seine Arbeiten signiert, passt ins Bild des Erfolgsmenschen Shepard Fairey aka „Obey Giant“ (so viel wie: „Folge meiner Aufforderung“). Seit mehr als zehn Jahren ist Friedrich W. Kasten von dem Mann und seiner Kunst fasziniert. Die Siebdrucke sind schwer zu kriegen, der Galerist hat sie doch. 80 Stück bepflastern in Petersburger Hängung die Wände. Darunter das berühmte Wahlkampf-Plakat für Barack Obama (das dem Künstler eine Urheberrechtsklage einbrachte), vor allem aber kritische Einlassungen zu Politik und Gesellschaft, Krieg, Rassendiskriminierung und industriellem Wahnsinn, alles ornamental schön verpackt, mit Anleihen bei der Revolutionsrhetorik und dem Jugendstil, unter Mithilfe historischer Symbole (die Tudorrose) und noch manches, was den Bildungsbürger freut. Man versteht, dass der Hausherr von einer Ausstellung in ein paar Jahren in Mannheim träumt; einschließlich einer von Faireys Murals, den monumentalen Wandmalereien. Das wäre wirklich der Hammer. Mit den Arbeiten von Sandy Brown steht die Heidelberger Keramik-Spezialistin immer auf der richtigen Seite. Die Britin mit aktuellem Wohnsitz im niederländischen Appledorn gehört seit 1992 zu den prominenten Zugpferden im Galerieprogramm, jetzt wieder einmal mit einer Auswahl von neuen, an Spontaneität, Witz und Meisterschaft überbordenden Werken. Sandy Brown kann einfach alles, klassische Gefäßformen, leuchtend bemalte Kacheln und Skulpturen (in Heidelberg kunterbunt aufragende Säulenplastiken) und skurril zusammengebackene, starkfarbige Tabletts, Etagèren, Teekannen, Lasagneformen, Teller, Trinkbecher und Kerzenhalter. Das alles ist in der Galerie zu einer sommerlich heiteren Tafel arrangiert worden. Öffnungszeiten —Galerie Grandel in Mannheim, S 4, 23. Bis 14. Juli samstags 10 bis 16 Uhr. —Galerie Kasten in Mannheim, Werderstraße 18. Bis 28. Juli Donnerstag und Freitag 14 bis 19, Samstag 11 bis 14 Uhr. —Galerie Heller in Heidelberg, Friedrich-Ebert-Anlage 2. Bis 29. Juli, Dienstag bis Freitag von 11 bis 13 und 14.30 bis 18 Uhr, Samstag von 11 bis 18 Uhr.