Ludwigshafen Kosakenritt und Liebesglück

Etwas Wildes wollte Mozart immer schon schreiben, zum Ausgleich zu all dem Lieblichen, das sonst seiner Feder entsprang. Da traf es sich gut, dass er von der russischen Zarin den Auftrag zu einer neuen Oper erhielt. Und so komponierte er eine wilde Kosakenoper für die Regentin. So geschieht es jedenfalls in „Mozart in Moskau“, der jüngsten Produktion der Jungen Oper am Mannheimer Nationaltheater, wo das Stück beim Mozartsommer seine umjubelte Uraufführung erlebte.
Im Opernhaus wird das neue Stück von Ad de Bont (Libretto) und Kurt Schwertsik (Musik) gespielt und schickt die vielgespielte Kinderoper „Papageno spielt auf der Zauberflöte“ in den Ruhestand. Genug Mozart ist auch in dem neuen Stück drin: Etliche seiner großen Opern-Hits werden hier gesungen und musiziert, Kurt Schwertsik hat es für ein kleines Kammerorchester arrangiert. Wie in der „Entführung“ dem großen Bassa Selim wird hier zu Beginn dem großen Mozart ein Hoch gesungen. Dieser möchte am liebsten raus aus seiner Haut und ganz was anderes machen, durch wilde Steppen reiten, denn er liebt die Gefahr. Mit seinem Diener Sebastian hat er schon seine liebe Not. Dieser ist hinter jedem Weiberrock her, fast so wie sein Herr. Ein Mädchen wünschen sich beide. Motive aus „Zauberflöte“ und „Don Giovanni“ spielen hier immer wieder in die Handlung hinein, musikalisch ebenso wie inhaltlich. Das Verhältnis von Herr und Diener kommt einem nur zu bekannt vor. Klar auch, dass hier jeder einmal Don Giovanni sein möchte, Sebastian wie Mozart selber. Ein köstliches Buffopaar geben Sebastian Brummer (Mozart) und der prächtig singende Bariton Nikola Diskic (Sebastian) ab. Umwerfend komisch sind ebenso die ersten unbeholfenen Annäherungsversuche zwischen Mozart und Constanze (Astrid Kessler mit hübscher Stimme), bei der er landet, nachdem er bei ihrer Schwester Aloisia abgeblitzt ist. Zwischen all den Abenteuern taucht immer wieder der kleine, verstorbene Bruder von Mozart als guter Geist auf, der ihm weise und altklug Ratschläge gibt. Eine Puppenspielerin mit einer Handpuppe erfüllt diese Aufgabe mit leisem Humor. Ebenso vergnüglich wie virtuos schlüpfen die Darsteller in verschiedene Rollen. Ludovica Bello gibt die zickige Primadonna Aloisia Weber ebenso vergnüglich wie sie mit der Arie der Königin der Nacht für Gaudi sorgt: Weil sie als Mezzo nicht auch noch die hohen Spitzentöne singen kann, delegiert sie diese kurzerhand an den Orchestergraben, wo sie die Oboe geschmeidig herausflötet. Christian Sturm singt nicht nur den etepetete daherkommenden Großherzog, sondern mit sattem Bariton auch noch die Zarin höchstselbst in prachtvollem Krinolinenkleid. Recht pöbelhaft geriert sich die Regentin gegenüber der hohen Kunst, nötigt Mozart, seine neue Oper in einer zehnminütigen Version zu vorzustellen. Hier zieht die Regie alle Register und lässt mit virtuos und fantasievoll eingesetzter Videotechnik, mit live bewegten Papierfiguren, Wasserwanne und weiteren Requisiten eine Vorstellung mit wilden Kosaken, Intrigen und Schlachten über die Leinwand gehen, die spontanen Szenenbeifall herausfordert. Dass Mozart selber live involviert ist, macht die Sache umso lustiger. Auch sonst hat man viel zu lachen bei dieser Produktion. Regisseur Daniel Pfluger ist jede Menge eingefallen, was das junge und auch ältere Publikum amüsieren wird. Dabei wird schön gesungen wie auch lustig getanzt und nach Herzenslust Slapstick-Komödiantik betrieben in den fantasievollen Kostümen von Janine Werthmann und auf der von Tessa-Veronika Janus wandlungsreich eingerichteten Bühne. Die wilde Kosakenoper am Ende des 80-Minuten-Abends hat Kurt Schwertsik komponiert und dafür einen lakonischen Tonfall à la Kurt Weill angestimmt. Unter der Leitung von Lorenzo di Toro musiziert das Instrumentalensemble mit trockenem Witz.