Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Konzert ohne Quengeln: Was für Kinder geeignet ist, erzählt eine Schifferstadter Musikpädagogin

Krabbeln erlaubt: Babykonzerte wie hier im Wiesbadener Staatstheater sind auf Kleine zugeschnitten, sonst strapazieren sie die N
Krabbeln erlaubt: Babykonzerte wie hier im Wiesbadener Staatstheater sind auf Kleine zugeschnitten, sonst strapazieren sie die Nerven aller.

Vorne auf der Bühne spielt ein berühmter Musiker auf dem Cembalo. In der zehnten Reihe hält ein Vater seinen etwa dreijährigen Sohn fest. Der Kleine wird quengelig. Der Vater hält ihn fester, macht „psssscht“. Steigende Unruhe wird spürbar. Zuhörer drehen sich um, werfen missbilligende Blicke. Wie ist das mit Kindern in Konzerten? Die RHEINPFALZ fragte Veranstalter und eine Konzertpädagogin aus Schifferstadt.

Ja, es hat genervt. Der Autor war als Rezensent im Konzert und saß unmittelbar neben Vater und Sohn. Wie einige andere Zuhörer hat er sich noch vor der Pause einen anderen Platz gesucht. Klar ist, dass der Kleine von der Situation überfordert war – der Vater aber unbedingt sitzenbleiben und hören wollte. Gestresst waren alle: das Kind, der Vater, die Sitznachbarn.

Was machen Veranstalter mit Kindern in Konzerten, insbesondere wenn andere Zuhörer sich gestört fühlen? Bei allen Angefragten gibt es Konzerte oder Theaterstücke für Kinder mit Altersempfehlungen. Aber ebenso dürfen überall Kinder in Begleitung Erwachsener an Veranstaltungen teilnehmen, die sich eher an Erwachsene richten, vom Streichquartett bis zum Rockkonzert.

Kommt es zu einer Störung des Konzerterlebnisses für Besucher oder Künstler, werden Mitarbeiter des Hauses darauf hinweisen, teilen die Alte Feuerwache in Mannheim und das Ludwigshafener Theater im Pfalzbau mit. Im Pfalzbau begann einmal bei einer Abendvorstellung ein Säugling zu weinen, die Eltern wurden gebeten, aus Rücksicht auf Künstler und Publikum zu gehen – ein absoluter Einzelfall, wie Pfalzbau-Sprecherin Caroline Grein betont. Die BASF-Sprecherin Ursula von Stetten verweist darauf, dass im Kulturprogramm des Konzerns besondere Kinderveranstaltungen angeboten und dass Altersempfehlungen gegeben werden.

Als „Kinderfeind“ gebrandmarkt

„Das ist ein ganz heikles Thema, weil alle davor Angst haben, als ,Kinderfeind' gebrandmarkt zu werden“, sagt die Schifferstadterin Katja Zakotnik. Sie ist Cellistin, die als Solistin auftritt, Mutter zweier kleiner Kinder und Konzertpädagogin. Dass sich der kleine Junge im Cembalokonzert langweilte, überrascht sie nicht. „Barocke Cembalomusik besteht oftmals aus wiederholenden Figuren bei gleicher Lautstärke. Das Muster haben Kinder schnell erkannt und aus ihrer Sicht rattert das dann einfach vor sich hin“, meint sie. Musik, in der viel Abwechslung ist, verschiedene Instrumente, Lautstärken und Rhythmen wechseln, seien für sie interessanter. Kinder können sehr komplexe Musik hören. „Das ist wie ein Erlebnisgarten, in dem es ständig Neues zu entdecken gibt“, sagt Zakotnik.

Die Eltern seien verantwortlich, Musik und Umstände so zu wählen, dass die Kinder sie bewältigen könnten. Kleine Kinder hätten kürzere Aufmerksamkeitsspannen. Kleine Stücke von drei Minuten seien deshalb besser geeignet, als eine späte Beethoven-Sonate, deren erster Satz schon eine halbe Stunde dauere.

Wer mit seinem Sprössling ins Konzert wolle, solle sich fragen: Erfülle ich ein Bedürfnis des Kindes, oder geht es um mein Bedürfnis? „Problematisch ist es, wenn Eltern ihr Kind als lästiges Anhängsel mitschleppen. Das ist für kein Kind schön“, sagt die Konzertpädagogin. Die Kleinen merken auch genau, ob die Eltern angespannt sind, die Stimmung überträgt sich auf sie. Glücklicherweise gilt das auch umgekehrt. „Im Bachzustand“ sei ein meditatives Konzertformat, bei dem die Cellistin vier Cellosonaten von Bach spiele und die Hörer, in Sitzsäcken oder Liegestühlen liegend, sich tiefer Entspannung hingäben. Und da seien auch Kinder ganz gebannt und ruhig, berichtet Zakotnik.

Der Platz neben dem Notausgang

Ab etwa sechs Jahren haben Kinder eine größere Aufmerksamkeitsspanne und durch die Schule einen anderen Rhythmus gelernt. Da könne man ausprobieren, etwas längere Stücke zu erleben. Und man sollte dem Kind vorher erklären, dass es nicht schlimm sei, wenn es nicht bis zum Ende bleiben könne. „Wenn ich nicht sicher bin, dass das Kind durchhält, kann ich mir einen Platz in der Nähe des Ausgangs reservieren. Und wenn es dem Kind zuviel wird, dann kann ich unauffällig gehen“, rät die Konzertpädagogin.

Wichtig sei es, dass die Erwachsenen Grenzen akzeptieren würden: „Wenn die Musik und die Umstände für das Kind nicht geeignet sind und ich keinen Babysitter finde, dann muss ich halt auch mal zu Hause bleiben“, meint Zakotnik und empfiehlt, dann vielleicht das Konzert via Internet im Live-Stream zu erleben.

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