Ludwigshafen
Kontrollierte Schönheit: Ben Wendel im BASF-Feierabendhaus
Wendel entpuppt sich als begeisterter Klangmaler, der die melodischen Sounds mit dickem Pinsel aufträgt. Bei seinem neuen Projekt High Heart produziert Ben Wendel einen fülligen Cinemascope-Sound, der leicht ins Gefällige kippen könnte, wären da nicht immer wieder die kompositorischen Wechsel und Wendungen. Das hat mit der hochkarätigen Besetzung dieses Sextetts zu tun. Jedes Bandmitglied bringt seine eigene musikalische Handschrift ins Geschehen ein.
Viel Platz für Entdeckungen
Im Zentrum steht natürlich der Bandleader selbst mit dem feurig-gleißenden, raumfüllenden Ton seines Tenorsaxophons. Er steht in der Nachfolge eines Michael Brecker, ausgehend immer von klaren melodischen Linien mit viel Platz für improvisatorische Erkundungen. Wendel hat sich hier kein zweites Blasinstrument an die Seite geholt, sondern den Sänger und Vokalisten Michael Mayo. Der singt keine Texte, sondern phrasiert seine meist in den hohen Lagen angesiedelten Vokalisen wie ein Instrumentalist. Dabei ahmt er nicht den Klang etwa einer Trompete oder eines Saxophons nach, wie das sein berühmter Kollege Bobby McFerrin oft getan hat, sondern belässt es beim klaren Klang der Stimme, die allerdings durch dezenten Einsatz elektronischer Hilfsmittel chorisch verdichtet und manipuliert wird. Das ergibt keine drastischen Verfremdungen, der Klang der Stimme schmiegt sich fast unauffällig an Wendels Saxophonlinien und entwickelt zusammen mit der harmonischen Unterfütterung durch Piano und Gitarre aparte polyphone Verstrickungen.
Der großartige Shai Maestro an Piano und Fender Rhodes und Lage Lund mit seiner weich klingenden halbakustischen Gitarre sind da fast ein wenig unterfordert, bekommen aber auch ihre solistischen Einsatzzeiten. Das alles ergibt in jeder Komposition einen geduldig entwickelten Spannungsbogen, rockig angetrieben von dem Schlagzeuger Ofri Nehemya und auf Kurs gehalten von den pulsierenden Basslinien von Joe Sanders. Das kann zu trancehaften Steigerungen und ekstatischen Momenten führen, alles bleibt aber durchdacht und genau vermessen. Wendel ist ein sanfter Neuerer, dem die kontrollierte Schönheit wichtiger ist als unkontrollierte Freiheit.
In Kalifornien aufgewachsen
Ben Wendel ist in der kanadischen Metropole Vancouver geboren, kam mit seiner Familie aber schon als Kind nach Kalifornien, ist in Santa Monica aufgewachsen. Seine Mutter war Opernsängerin, mit fünf Jahren begann er Klavier zu spielen, mit zehn kam das Saxophon dazu, später auch noch das Fagott. In New York, wo er heute auch lebt, hat er Musik studiert. Mit Freunden von der Uni gründete er dann auch die Band Kneebody, die mit ihrem zwischen Punkrock, Jazz, Funk und elektronischer Musik oszillierenden Stil schnell bekannt wurde. Die Band existiert immer noch, auch wenn ihre Mitglieder wechseln und nebenbei eigene Projekte machen.
Ben Wendel ist gefragter Sideman, hat als Komponist Preise eingeheimst, arbeitete in München mit dem Dirigenten Kent Nagano zusammen. Von Tschaikowsky ließ er sich 2015 zu seinem Projekt „The Seasons“ anregen, einer von der Kritik gefeierten Folge von Duos mit prominenten Jazzkollegen wie Joshua Redman, Jeff Ballard, Mark Turner, Julian Lage und Ambrose Akinmusire. Obwohl Wendel zunächst nur Videos der Begegnungen ins Netz stellte, war dies für die Zeitung „New York Times“ eine der besten Jazzveröffentlichungen des Jahres.
Grandioser Gitarrist
Bei Wendels neuem Projekt High Heart ist auf dem Album auch der langjährige Weggefährte Gerald Clayton neben Shai Maestro als zweiter Pianist dabei. Der konnte nun bei der ersten Tour nach dem Corona-Lockdown nicht mitwirken. Dafür stieß der norwegische Gitarrist Lage Lund dazu, der schon lange in den USA lebt und im vergangenen Jahr vom Jazzmagazin „Down Beat“ bei den Gitarristen zum Sieger der Kategorie „Rising Star“ gewählt wurde. Dass auch Pat Metheny mit seinem melodischen Wohlfühl-Jazz zu den Seelenverwandten von Ben Wendel gehört, machte die Anwesenheit des Gitarristen bei seinem umjubelten Auftritt in Ludwigshafen noch ein bisschen deutlicher.