Ludwigshafen
Konsum-Geschäfte: Ein kleiner Schatz der Handelsgeschichte
Verborgen in einem Hinterhof der Heinigstraße steht ein gutes Stück Ludwigshafener Handelsgeschichte. Über 60 Jahre beherbergte der zweifarbig bunte Klinkerbau die Zentrale der Konsum-Verteilstellen, in den Blütezeiten waren es bis zu 80 Läden verteilt über das Stadtgebiet und den Rhein-Pfalz-Kreis. Eine Bäckerei, Konditorei und auch eine Wurstfabrik befanden sich in den Gebäuden, die 1902 am Stadtrand errichtet worden sind. Heute steht nur noch der Mittelbau der ursprünglich drei Backsteingebäude.
„Mein Vater hat das Haus Mitte der 1960er-Jahre gekauft“, berichtete Inhaberin Ulrike Hopfe. Untergebracht waren dort seither ein Elektrogroßhandel und auch einen Textilhändler mit einer Rock-Fabrik, in der tatsächlich Röcke genäht wurden. Besonders spannend seien die Kellerräume. „Zu Konsumzeiten gab es dort sogar ein begehbares Weinfass“, wusste Barbara Ritter.
Kontakt über Annonce
Das Vorstandsmitglied musste gestehen, dass sich ihr Verein jahrelang eher mit der Mannheimer Konsum-Geschichte befasst habe. Dementsprechend hatte sie auch das Lagergebäude zunächst geistig an einer anderen Stelle im Stadtgebiet verortet, räumte sie ein. Eine Zeitungsannonce brachte die aktuelle Inhaberin und die Interessenten an der Handels- und Industriegeschichte zusammen. „Darin wurden Industrie-Lofts angeboten, und in Klammern stand dahinter ,ehemals Konsum’. Deshalb haben wir den Kontakt aufgenommen.“ Und sie selbst hat die Geschichte der Einkaufsgenossenschaft nun auch linksrheinisch beleuchtet. Eine dramatische Geschichte über fast 150 Jahre mit dem Hinterhofbacksteinbau als Zentrum. „So ein Kleinod hätten wir hier nie vermutet.“
Eine drastische Preissteigerung der lokalen Bäckereien hat im Jahr 1973 den Ausschlag für die Gründung des Genossenschaftsvereins gegeben. Und schon ein Jahr später eröffnete die erste Verteilstelle in der Mundenheimer Straße, in der Nähe der Kaffeerösterei Mohrbacher. Kurz darauf kam ein Laden im Hemshof schräg gegenüber von Tor 7 hinzu. Kein Wunder, denn es waren vor allem Arbeiter von BASF und Pfalzbahn, die sich unter den Gründungsmitgliedern befunden haben. Aber es gab auch bürgerliche „Genossen“ – eines der Probleme der Ludwigshafener Gründung. „Geleitet wurde der Konsum hier vor allem von Führungskräften von Pfalzbahn und BASF, die dem Genossenschaftsgedanken eher skeptisch gegenüberstanden“, erzählte Ritter.
Viel mehr spielte ein gewisses Eigeninteresse eine Rolle. „Einige Frauen von Arbeitern der beiden großen Unternehmen führten kleine Tante-Emma-Läden und trugen damit zum Familieneinkommen bei“, so Ritter. Deshalb hätten die Fabrikarbeiter nicht auf höhere Löhne drängen müssen, denn das Einkommen reichte ja für die Ernährung der Familie. Für die Idee von guter Ware zu finanzierbaren Preisen, einem Rabattsystem und weiteren Vergünstigungen, die das Leben der Arbeiterfamilien verbesserten, war man daher im ersten Vierteljahrhundert nach der Gründung nicht aufgeschlossen. Das änderte sich erst zur Jahrhundertwende. „Da übernahm tatsächlich die Arbeiterbewegung die Führung.“
Tausende Mitglieder
Mit erkennbarem Erfolg: „Nach den ersten 25 Jahren gab es 1600 Mitglieder und vier Läden. In den fünf Jahren nach 1900 wuchs die Anzahl der Mitglieder auf 5000 an.“ Genug für große Investitionen, wie zum Beispiel in das Lagerhaus in der Heinigstraße, das 1902 erbaut und auch eröffnet wurde. Grundlegendes wurde hier von Konsum selbst produziert. „Im Keller gab es eine eigene Sauerkrautproduktion“, berichtete Ritter. Später wurde das Gebäude unter anderem um eine Schreinerei und ein Sitzungszimmer ergänzt.
1967 verschmolzen die Konsum-Gesellschaften Mannheim und Ludwigshafen zur Gesellschaft Kurpfalz mit rund 58.000 Mitgliedern. In Ludwigshafen zog man von der Heinig- in die Maudacher Straße. Das Ende war nicht mehr weit entfernt. Mit den 1965 aufkommenden „Großflächenmärkten“, Vorläufer heutiger Supermärkte, und den aufkommenden Billigdiscountern konnte der Konsum nicht mehr schritthalten, und 1990 kam in Deutschland das Ende für den „Coop“, unter dem Konsum seit 1970 firmierte.
Was blieb, sind Geschichten und Bilder, die der Verein an das Ludwigshafener Stadtarchiv weiterreichte. Genau der richtige Ort. Nur die endgültige Lagerung steht noch offen, sagte Klaus Jürgen Becker: „Es kommt entweder als Ergänzung zu unserer bereits bestehenden Konsum-Sammlung bei den Wirtschaftsschriften, oder wir bringen es zu unseren Fotografien.“ Dort steht es nach der Erfassung für Forscher und Interessierte an der Stadt- und Handelsgeschichte zur Verfügung.